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        <article-title>Transparente Schichten - Perspektiven der Informatisierung des Wissens</article-title>
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          <string-name>Gerhard Gamm</string-name>
          <email>gamm@phil.tu-darmstadt.de</email>
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          <string-name>Stephan Körnig</string-name>
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          <label>0</label>
          <institution>Technische Universität Darmstadt, Institut für Philosophie</institution>
          ,
          <addr-line>Residenzschloss, 64287 Darmstadt</addr-line>
        </aff>
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      <abstract>
        <p>Ausgehend von der aus unserer Sicht höchst problematischen Unterscheidung zwischen propositionalem und nicht-propositionalem Denken, befassen wir uns mit ähnlich gelagerten Unterscheidungen, die bei der Modellierung von Wissen durch Informationssysteme in Anspruch genommen werden. Hierbei wird insbesondere die Unterscheidung zwischen explizitem und implizitem Wissen kritisiert, sofern sie von unzutreffenden Annahmen über den Erwerb, den Umgang, die Weitergabe oder die sinnvolle Nutzung von Wissen ausgeht. Die sog. „Semantic Web“ Initiative, die auf Tim Berners-Lee (dem „Erfinder“ des Internet) zurückgeht und gegenwärtig einen Teil konkreter Standardisierungsaktivitäten des W3C (Konsortium des World Wide Web) ausmacht, wird in diesen Zusammenhang gestellt und diskutiert. Das Interesse an den sog. „Ontologien“, die als ein vielversprechendes Werkzeug für die Integration von Informationssystemen auf semantischer Ebene angesehen werden, ist aus unserer Sicht begrüßenswert - es wird aber darauf hingewiesen, dass solche Instrumente auf Kontexte angewiesen sind, die prinzipiell nicht durch sie selbst bereitgestellt werden können. Anhand des Begriffs der Transparenz wird diese Kontextualisierung dargestellt und es werden Forderungen formuliert, die aus unserer Sicht für eine gelingende Praxis des Wissensmanagements unabdingbar sind.</p>
      </abstract>
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    <sec id="sec-1">
      <title>-</title>
      <p>Geschenk gekauft hat, von einem dritten, etwa einem anderen Kind hört, das
betreffende Kind hätte das Geschenk schon, einen Drachen beispielsweise. Es geht darum,
die impliziten Voraussetzungen des Wissens, die wir wie selbstverständlich machen,
zu benennen, zum Beispiel die sozialen Präsuppositionen zu explizieren, die man für
ein angemessenes Verständnis einer Geschichte bzw. eines Sprachspiels oder der
folgenden Sätze braucht.</p>
      <p>„Er hat bereits einen Drachen. Er möchte, dass Du ihn zurücknimmst.“ Minsky
fährt fort: „Doch welchen Drachen soll sie zurücknehmen? Wir wollen sicher nicht,
dass Petra Peters alten Drachen zurücknimmt. Um den Bezugsgegenstand des
Pronomens ‚ihn‘ zu bestimmen, muss man eine Menge über das vorausgesetzte Szenario
wissen. Sicher bezieht sich ‚ihn‘ auf den vorgeschlagenen neuen Drachen. Woher
weiss man das aber? (Man beachte, dass jede einzelne Erklärung für sich unzureichend
sein kann). Im Allgemeinen beziehen sich Pronomen auf die zuletzt erwähnten
Gegenstände, dieses Beispiel zeigt jedoch, dass der Bezugsgegenstand von mehr als der
lokalen Syntax abhängt. Nehmen für einen Augenblick mal an, dass wir versuchen,
den Standardunterrahmen ‚ein Geschenk kaufen‘ anzuwenden.“ (Minsky 101, 102).</p>
      <p>Uns geht es im Augenblick nicht darum, Minskys Voraussetzungsanalyse des
Wissens zu diskutieren - es geht zunächst um die Frage, nach der Gesamtstrategie, die
Minsky und ein Teil der KI-Forschung verfolgen, wenn sie Kontext und
Rahmenwissen als implizites Wissen konzeptualisieren, das man, in welcher Form auch
immer, explizit machen muss. Das heisst, man verwandelt das implizite Wissen in ein
gegenständliches Wissen, oder besser: man transformiert, überträgt es in ein Wissen,
das eine propositionale Form hat. Man sucht sich des Rahmenwissens zu
vergewissern, indem man es in allgemeine Standardannahmen (Standardrahmen) übersetzt.
Diese Standardannahmen sollen gleichsam Standardsituationen widerspiegeln,
Situationen also, die als typisch bzw. prototypisch gelten können. Kurz, die Frage lautet,
lässt sich Kontextwissen nach Art von Sachverhaltswissen errechnen, das heißt als
vorher festgelegte Auswahl von Objekten, Eigenschaften und Relationen? Sind
Kontexte gewöhnliche „Gegenstände“? Gehorchen sie üblichen gegenstandsanalogen
Regeln? Sind Kontexte Gegenstände herkömmlicher Art in der Weise, dass sie
propositionalisierbar sind, dass sie in Standardannahmen übersetzt werden können?</p>
      <p>
        Unsere Fragestellung zielt also keineswegs darauf, zu klären, ob
Computerprogramme prinzipiell in der Lage sind, Wissen zu prozessieren oder zu modellieren.
Es geht vielmehr darum, zu fragen, ob die Formalisierung von Wissen nicht
zwingend in einen unendlichen Regress gerät, der dadurch entsteht, dass die
Unterspezifiziertheit von Bestimmungen durch eine genauere Bestimmung des Kontextes
eingeholt werden soll. So hat etwa Wittgenstein in seinen „Philosophischen
Untersuchungen“ dargelegt, dass die „unanalysierte Form“ von Sätzen im Rahmen des
Alltagswissens und -handelns eine Anschlussfähigkeit besitzen kann, die durch eine weitere
Analyse entweder verloren geht oder nicht weiter „erhellt“ werden kann[
        <xref ref-type="bibr" rid="ref2">2</xref>
        ].
      </p>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>2. Standardisierung und</title>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Wissen</title>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Werkzeuge zur</title>
    </sec>
    <sec id="sec-5">
      <title>Modellierung von</title>
      <p>An dieser Stelle ist es vielleicht ganz nützlich, einen Blick auf konkrete
Anstrengungen in einem - so scheint es zumindest - weniger ambitionierten Bereich zu
werfen, als den, in dem die KI-Forschung ihre Erfolge erzielen will. Es geht hierbei um
die „Semantic Web“ Initiative zur Integration von Diensten und Angeboten im
Internet. Schon hier wird sich zeigen, dass bei der Informatisierung des Wissens Kontexte
als nicht-formalisierbare Bedingungen des Informationsaustausch präsent sind und dass
die Strategie, diese in einem propositionalen Netzwerk „aller implizierten
Propositionen“ einfangen zu wollen, aus prinzipiellen Gründen zum Scheitern verurteilt ist. Dies
verstehen wir allerdings nicht so, dass die Informatisierung des Wissens nicht möglich
wäre. Aus unserer Sicht wäre eine solche philosophische Position ohnehin belanglos:
da diese Informatisierung schon längst große Teile des gesellschaftlichen Wissens
durchdringt und fortbestimmt, gilt es vielmehr zu verstehen, unter welchen
Bedingungen nun etwas „gewusst“ werden kann und in welcher Weise die hierbei in Anspruch
genommenen Wissenstechnologien selbst einen Kontext für das Wissen geben.</p>
      <sec id="sec-5-1">
        <title>Vision des „Semantic Web“</title>
        <p>Bei der Semantic Web Initiative geht es z.Zt. vor allem darum, die Integration von
Informationssystemen zu automatisieren. An Geschäftsvorgängen im Internet können
unterschiedliche Partner beteiligt sein (Banken, Abrechnungssysteme, Lieferanten,
Suchdienste mit Verfügbarkeitsrecherche usf.). Im Hintergrund z.B. einer einfachen
Internetbestellung müssen daher mitunter Dutzende unterschiedliche
Informationssysteme miteinander kommunizieren, die intern völlig unterschiedlich organisiert sein
können. Um so „offener“ ein solches System ist, d.h. um so leichter es für
verschiedene Anbieter ist, in diesem „Konzert“ mitzuspielen, um so attraktiver werden die
Angebote für den Kunden sein. Zugleich fällt damit eine Abstimmung der
Informationssysteme „von Fall zu Fall“ aus. Es wird, so paradox es klingt, ein Standard
benötigt, der die Offenheit des Informationsaustausches gewährleistet.</p>
        <p>Das in diesem Bereich bedeutendste Standardisierungsgremium ist das sog.
W3CKonsortium, da es für die im World Wide Web benötigten „Beschreibungssprachen“
zuständig ist. Diese Sprachen reichen vom bekannten HTML, mit dem der Inhalt und
die Gestaltung von Web-Seiten festgelegt werden können, bis hin zu WebOnt, das als
ein allgemeiner „Rahmen“ für die Beschreibung von Konzepten, den sog.
„Ontologien“1, zur Verfügung gestellt wird.2</p>
        <p>Tim Berners Lee, der Direktor des W3C-Konsortiums, war zu Beginn der Arbeit
dieses Konsortiums von einer weitaus weitreichenderen Zielsetzung - die man mit
Recht eine Vision nennen kann - überzeugt. Er vertrat die Auffassung, das Web könne
sich selbst zu einem gigantischen semantischen Netzwerk entwickeln, also zu einem
globalen Wissensspeicher - verbunden mit der demokratischen Zielsetzung eines
„glei1 Diese Begriffswahl mag manchen problematisch erscheinen. Aus Sicht der Philosophie
impliziert ein solcher Begriff jedenfalls weitaus mehr als das, was diese sog. Ontologien
leisten. Diese dienen der Schematisierung von Konzepten, die bei der Strukturierung von
Informationen zugrunde gelegt werden. Ontologien im philosophischen Verstande zielen
dagegen auf eine (kategorial verfasste) Ordnung des Seins. Sie können deshalb auch
Gegenstand der Kritik sein - etwa indem das kategoriale Verfasstsein von Welt/Wirklichkeit
bestritten wird. Die Konzeptualisierung von Informationsräumen kann dagegen nur mehr
oder weniger „zweckdienlich“ sein.
2 Dieses Spektrum kann natürlich auch ganz anders „aufgespannt“ dargestellt werden. Unter
www.w3.org kann man sich einen Eindruck von der Fülle der Standards verschaffen.
chen Zugangs“ für alle. Wie wir mittlerweile wissen: Sowohl die Nutzbarkeit des Web
als auch die reale Nutzung sind von solchen Vorstellungen weit entfernt. Neben der
kommerziellen Besetzung des Internet - die durchaus auch zur Attraktivität des Web
beiträgt - hat sich das Web als ein Schauplatz für Nebensächliches,
Selbststilisierungen, Lustgewinnen usf. etabliert. Informationssuchende werden mit einer Heterogenität
konfrontiert, die sich nur mittels selektiver Filter (z.B. Google, Bookmarks, Portale)
auf ein erträgliches Maß reduzieren läßt. Wenn wir das Web dennoch als einen
Informationsraum ansehen und bei der Suche nach Informationen alle möglichen
verfügbaren und relevanten Angebote berücksichtigen wollen, dann stehen wir bekanntlich vor
dem unlösbaren Problem einer vollständigen Webrecherche.</p>
        <p>Die aktuelle „Semantic Web“ Aktionslinie des W3C erscheint, vor diesem
Hintergrund gesehen, mehr als das Eingeständnis gescheiterter Ambitionen, denn als die
Fortschreibung der ursprünglichen Vision. Es wird nun eine Infrastrukturinitiative
beschrieben, die spätere Zielsetzungen ermöglichen soll. Für die auf diese Infrastruktur
später aufsetzenden Nutzungsformen weithin unsichtbar soll eine Schicht der
Maschine-zu-Maschine-Kommunikation etabliert werden.</p>
        <p>„The Semantic Web is a vision: the idea of having data on the Web defined and
linked in a way that it can be used by machines not just for display purposes, but for
automation, integration and reuse of data across variant applications.</p>
        <p>In order to make this vision a reality for the Web, supporting standards,
technologies and policies must be designed to enable machines to make more sense of the
Web, with the result of making the Web more useful for humans.“ (W3C Semantic
Web activity statement)</p>
        <p>Das maschinenfreundliche Web steht nun im Zentrum der Initiative, auf dass das
Web letztendlich für den Menschen nützlich werde. Man kann hier durchaus von einer
Verkehrung der Vision sprechen - insbesondere dann, wenn der Verdacht besteht, dass
schon die Schaffung dieser Infrastruktur auf hartnäckige Probleme stößt, die noch für
Jahrzehnte Arbeitsfelder bestimmen werden. Diese Probleme sind keineswegs neu oder
unerwartet, haben sie doch mit dem Unterschied von Syntax und Semantik zu tun, der
bei jeder Phase des Aufbaus von Informationssystemen eine Rolle spielt.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-5-2">
        <title>Die Modellierungsaufgabe bei der Anwendungsentwicklung</title>
        <p>Die „implizite Semantik“ von Informationssystemen wird in der Systemtheorie mit
der Unterscheidung von Codierung und Programmierung thematisiert. Für die
Codierung bestimmter Sachverhalte benötigt die Programmierung Kriterien. Solche
Kriterien können z.B. an einem Datenmodell einer Anwendung abgelesen werden. Das
Datenmodell zeigt dem Experten auf, wie die fachlichen Probleme (etwa die
Verwaltung von Versicherungspolicen) in Datenstrukturen übersetzt werden und welche
Abhängigkeiten zwischen den Daten durch dieses Modell berücksichtigt werden.
Abgesehen davon, dass zwischen Modellbildung, der fachlichen Beschreibung und der Praxis
zahlreiche Unterschiede bestehen, die meist erst bei der „Abnahme“ des
Programmsystems deutlich hervortreten, ist schon die korrekte Überführung der durch die
IstAnalyse ermittelte Semantik in entsprechende Datenstrukturen nicht immer zu
garantieren. Weitere Kriterien, die in einem statischen Datenmodell nicht abgebildet werden
können, werden durch den Code selbst erfüllt, der für eine korrekte Abbildung von
Sachverhalten aus dem Datenmodell heraus zu sorgen hat - bzw. für eine korrekte
Encodierung von Sachverhalten im Datenmodell.</p>
        <p>
          In der Entwicklung der Programmiersprachen und der dazugehörigen
Modellierungstechniken hat sich diese Problematik ebenso niedergeschlagen.
- Schon die so genannte „strukturierte Programmierung“ befaßte sich mit dem
Unterschied zwischen Codierung und Programmierung. Sie stellt vor allem die
Wartbarkeit von Programmcodes sicher, indem sie die Programmierlogik, nach der ein
Programmierer vorgegangen ist, selbst explizit macht. Programmierer benutzen dann
Struktogramme, die unabhängig von der verwendeten Programmiersprache als eine
Art lingua franca die Zusammenarbeit von Teams erleichtern. Ebenso wird das
Konzept der Wiederverwendbarkeit und der Modularität von Programmen
unterstützt. Die Aufgabe der fachlichen Modellierung - die Semantik der fachlichen
Probleme in die syntaktischen Konstrukte und die konkreten Entitäten des Datenmodells
zu überführen, wird hier allerdings noch nicht angegangen.
- Im Bereich der Datenmodellierung kann die Entity-Relationship Diagrammtechnik
als eine Ergänzung angesehen werden.3 Die Datenzusammenhänge werden
(zumindest in den neueren Varianten dieser Technik) im Kontext der fachlichen
Modellierung selbst dargestellt - und sie kann sich hierbei auf das relationale Datenmodell
stützen, das zum konkreten Aufbau einer Datenbank führt.
- Im Bereich der objektorientierten Programmierung schließlich werden durch eine
umfangreiche Diagrammtechnik unterschiedliche Aspekte der Semantik
berücksichtigt. Taxonomien, Anwendungsfälle und Interaktionen werden durch eine
standardisierte Diagrammtechnik beschrieben und können als Blaupausen bei der
Anwendungsentwicklung genutzt werden. Zugleich ist mit dieser Programmiertechnik
vollends deutlich geworden, dass es eine vollständige formalisierte
Darstellungstechnik der „impliziten Semantik“ nicht gibt. Unterschiedliche Aspekte der
Modellierung (so z.B. das Typsystem im Unterschied zum Komponentenmodell) werden
als jeweils unterschiedliche Sichten festgehalten - die Designer selbst müssen diese
Sichten in ihren Köpfen zusammenbringen, vor allem dann, wenn es um
Weiterentwicklung des Designs, Erkennen von Schwächen im Konzept usf. geht. Darüber
hinaus wird im Bereich des objektorientierten Designs gefordert, dass bei der
Entwicklung kontinuierlich Personen eingebunden sind, die das fachliche Knowhow
aus Sicht der Anwender in den Gesamtprozeß einbringen. Auch dies aus der
Erfah3 Was hier als „Phasen“ einer Entwicklung dargestellt wird, ist im Kontext realer
Anwendungsentwicklung nicht so einfach zu trennen. So sieht z.B. Heide Balzert die
EntityRelationship Diagrammtechnik als Teil der „strukturierten bzw. klassischen
Entwicklung“ [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref3">3</xref>
          ]. Hier sei ein Auseinanderfallen der unterschiedlichen Modellierungsmethoden
zu konstatieren, während in der aktuellen objektorientierten Entwicklung dieselben
Konzepte durchgängig benutzt werden könnten. Auch dem entspricht die aktuelle
Entwicklung nicht ganz - vor kurzem wurde die neue Spezifikation des Standards der
objektorientieren Modellbeschreibungssprache „Unified Modeling Language“ herausgegeben
(UML 2.0) und diese lässt die Diagrammtechnik des Struktogramms wieder auferstehen.
Die Entwicklung neuer Techniken ersetzt also nicht umstandslos die älteren - die neuen
Techniken zielen vielmehr auf die Lösung neuer Probleme, die vor allem mit der
zunehmenden Komplexität der Softwareentwicklung zu tun haben.
rung heraus, dass Design und Spezifikation der zu erbringenden Funktionen sich
gegenseitig bedingen.
        </p>
        <p>Angesichts dieser unterschiedlichen Anstrengungen, die noch keineswegs zu einem
Abschluss gekommen sind, wird deutlich, dass die Aufgabe, fachliche Probleme durch
ein in seinen formalen Eigenschaften beschreibbares System abzubilden, selbst nicht
vollständig formalisierbar ist. Die Einbindung in eine soziale Praxis bildet letztendlich
den Prüfstein für ein gelungenes Design. Derartige, sich beständig in Revision
befindliche Informationssysteme über gemeinsame Schnittstellen miteinander zu vernetzten,
ist eine Aufgabe, welche die genannten Schwierigkeiten vervielfacht (und nicht wenige
Softwarefirmen in den Ruin getrieben hat). Der Ansatz der Semantic Web Initiative,
so wie er gegenwärtig formuliert wird, ist zudem ein sog. generischer Ansatz. Es
sollen nicht nur im Voraus bekannte Systeme miteinander verknüpft werden (so dass
Transferkomponenten für den Informationsaustausch von Systemen mit
unterschiedlicher internen Repräsentation (Datenmodell) entwickelt werden), vielmehr soll eine
allgemeine Transferkomponente standardisiert - also unabhängig von den konkreten
Eigenschaften einzelner Systeme spezifiziert - werden. Diese Komponente müsste,
damit überhaupt eine Aussicht auf Erfüllung einer derartigen Transferleistung besteht,
über das verfügen, was wir oben „Rahmenwissen“ genannt haben. Sie müsste für den
Austausch von Informationen zwischen Systemen, die Informationen für
unterschiedliche Zwecke auch unterschiedlich repräsentieren bzw. modellieren, auf
Strukturinformationen (etwa das Datenmodell) zugreifen können und diese im Hinblick auf die
Aufgabenstellung des Transfers interpretieren.</p>
        <p>An dieser Stelle geht also erneut darum, implizites Wissen zu explizieren. Das
konkrete Instrument, mit dem dies geschieht, sind Sprachen, die Aufbauinformationen
über Informationen enthalten (Schemainformationen) und die es ermöglichen, die
Konzepte (auf die das Datenmodell bezogen ist) auszudrücken. Diese Sprachen werden,
wie oben erwähnt, „Ontologien“ genannt.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-5-3">
        <title>2.3. Ontologien und ihre Reichweiten</title>
        <p>
          Die immer wieder zitierte Definition von Ontologien stammt von T.R. Gruber aus
dem Jahre 1993 [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref4">4</xref>
          ]: Eine Ontologie ist eine formale und explixite Spezifikation einer
geteilten Konzeptualisierung. Unter Konzeptualisierung wird hierbei ein abstraktes
Modell eines bestimmten Weltausschnitts verstanden, das die für diesen Ausschnitt
relevanten Phänome identifiziert. Formal und explizit bedeutet in diesem
Zusammenhang, dass es eine syntaktische Repräsentation dieser Konzeptualisierung in einer
formalen Sprache gibt: definiert werden die Klassen oder Typen von Objekten,
Relationen, Abhängigkeiten und Regeln des logischen Schließens (Ableitungsregeln).4
4 Man spricht von light weight ontologies, wenn diese in der Hauptsache ein Schema
bereitstellen, das zur Strukturierung eines Konzeptes eingesetzt wird. Ein solches Schema
bietet eine Begriffstaxonomie, Attributs- und Relationsdefinitionen. Ein Thesaurus, ein
Glossar oder ein Entity-Relationship-Diagramm können einer leichtgewichtigen
Ontologie gegenüber durchaus als gleichwertig angesehen werden.Kommt zum Schema noch
die Möglichkeit hinzu, prädikatenlogische Formeln auf Ausdrücke anzuwenden, dann
Wenn wir nun diese Definition auf den genannten Problembereich beziehen - den
Transfer von Informationen, für den die jeweils unterschiedlichen semantischen
Kontexte interpretiert werden müssen - dann sehen wir einen Widerspruch. Ontologien, die
als Instrumente der Integration eingesetzt werden sollen, müssen domänenspezifisch
sein.5 Ihre Inanspruchnahme für eine universelle oder generische Transferkomponente
könnte nur unter der Verkennung dieser prinzipiellen Einschränkung stattfinden. Die
gewählten Ausdrucksmittel einer Ontologie ergeben sich - wie aus dem obigen
Abschnitt über Modellierung deutlich geworden sein sollte - nicht aus dem
Problembereich selbst. Die „Taxonomien“ einer Ontologie können gut oder schlecht designt sein
- ebenso wie die Relationen zwischen den Typen oder Klassen einer Ontologie. Diese
syntaktischen Elemente der Ontologie sind mit hohem Aufwand formulierte explizite
Annahmen über Zusammenhänge in einem Problembereich - und müssen sich in
konkreten fachlichen Zusammenhängen bewähren. Kurz gesagt: Sofern
Informationssysteme einer „gemeinsamen Domäne“ zuzuordnen sind, können ihre Strukturen über
eine solche Ontologie integriert werden. Diese Transferleistung entspricht damit aber
nichts anderem als der Standardisierung von Strukturen im Aufbau von
Informationssystemen, die vergleichbare fachliche Probleme lösen sollen. Ihr „Rahmenwissen“
vermag sich nicht von den Abstraktionen abzulösen, die ihrem Design zu Grunde
liegen.
        </p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-6">
      <title>3. Forderung nach Transparenz</title>
      <p>Das Wort „Transparenz“ wird im technischen und im wissenschaftlichen Kontext
völlig unterschiedlich gebraucht. Ein Element eines Systems (z.B. ein Protokoll oder
eine Verarbeitungsstufe) ist im technischen Sinne „transparent“, wenn es vom
Benutzer weder gesehen wird noch eine Kenntnis über es für die Nutzung benötigt wird. Dies
stellt u.U. eine erhebliche Entlastung für den Nutzer dar. Bei der Aufbereitung von
Information in wissenschaftlichen Zusammenhängen ist eine solche Transparenz nicht
immer wünschenswert.</p>
      <p>Der mit dem Begriff Wissen verbundene Erkenntnisanspruch dagegen enthält
Transparenz als eine Forderung. Wer etwas weiß, muss sichtbar machen können, auf
welcher Grundlage die Erkenntnisse erzielt wurden. Rechenschaft muss nicht nur für das
abgelegt werden, was behauptet wird, sondern auch für den Weg, auf dem die
Erkenntnisse erzielt wurden. Dieser Weg ist durch Selektionen bestimmt, die zusammen mit
der Erkenntnis offenzulegen sind. Ohne Transparenz in diesem Sinne kann man
unseres Erachtens gar nicht von Wissenschaft reden.</p>
      <p>spricht man von heavy weight ontologies. Diese Ontologien werden mit mächtigen
Modellierungswerkzeugen implementiert, die sowohl die Speicherung des ontologischen
Schemas als auch den Aufbau der Inferenzmechanismen gestatten (z.B. Frame Logic).
5 Gewiss - es gibt ja auch die sog. common sense Ontologien (z.B. Word Net). Ihr Nutzen
für den genannten Anwendungsbereich (automatisierbare Integration von
Informationssystemen im Hinblick auf eine neue Leistung) ist allerdings nicht zu sehen.</p>
      <p>Mit der Informatisierung des Wissens stellt sich das Problem der Diversifikation.
An die Stelle gemeinsam geteilter Konzepte oder Modelle von Welt („Weltbilder“ im
neuzeitlichen Verstande) treten fach- oder domänenspezifische Reichweiten und
Geltungsbedingungen von Begriffen. Dies ist nun allerdings kein Nebeneffekt oder ein
irgendwie behebbarer Mangel des modernen Wissenschaftsbetriebs. Diese
Spezialisierung ist die Voraussetzung von Fortschritten im Fachwissen, sie ist die Grundlage
für das erhöhte Auflöse- und Rekombinationsvermögen in den Wissenschaften, die
immer kleinere Strukturen erforscht und immer komplexere Strukturen synthetisieren
kann. Der neuzeitliche Wissenschaftsbegriff ist demzufolge schon längst überholt.
Dieses Überholtsein betrifft vor allem die konstruktiven Bedingungen von Wahrheit.
Wissenschaftliche Objektivität ist seit der Neuzeit das, was für ein Erkenntnissubjekt
im Prinzip „transparent“ also „vor seinen Augen“ erzeugt, in seinen
Konstitutionsbedingungen durchsichtig gemacht werden kann. Der hierfür benötigte gemeinsame
Kontext - die Welt der wissenschaftlichen Tatsachen - lässt sich in diesem Sinne nicht
mehr herstellen, allein schon deshalb, weil die fachwissenschaftlichen Begrifflichkeiten
füreinander nicht mehr anschlussfähig sein können.</p>
      <p>Architekturanstrengungen wie die des Semantic Web, bei denen Protokollschichten
unsichtbar für den Nutzer die Auswahl der verfügbaren Information einschränken und
mehr noch: mittels hochselektiver Filter Informationen aus unterschiedlichen
Kontexten zu neuen Inhalten aufbereiten, vereinfachen diese Problematik keineswegs, sie
simplifizieren sie. Sie schaffen damit selbst einen neuen und anderen Kontext von
Wissen, den der Simplifikation. Anders gesagt: die Technologien zur Modellierung
von Wissen schaffen neue Möglichkeitsräume, die unerkannt zusammen mit dem
durch sie verfügbar gemachten Wissen „wuchern“.</p>
      <p>Im technischen Sinne „transparente“ Verfahren zur automatischen Selektion von
Informationen werden aus diesem Grunde in wirklich brauchbaren Systemen des
Wissens- und Informationsmanagements immer durch eine Reihe flankierender Konzepte
ergänzt werden müssen: etwa durch die Bereitstellung unterschiedlicher Verfahren, die
unterschiedliche Ergebnismengen zurückliefern, durch Rückmeldungen des Systems,
die auch die Grenzen der Genauigkeit oder Unzulänglichkeiten der Wissensbasis
verdeutlichen, durch die Beteiligung von Nutzern bei der Strukturierung von
Wissensbeständen und nicht zuletzt durch die Investition in „die Köpfe“, also durch Maßnahmen,
die das schulen, was in der Philosophie „Urteilskraft“ genannt wird.</p>
    </sec>
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