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      <title-group>
        <article-title>Lernzentrierte Lehre: Retrieval-Based Learning in der Softwaretechnik</article-title>
      </title-group>
      <contrib-group>
        <contrib contrib-type="author">
          <string-name>Dominikus Herzberg</string-name>
          <email>dominikus.herzberg@mni.thm.de</email>
        </contrib>
        <contrib contrib-type="author">
          <string-name>Hochschule Heilbronn</string-name>
          <email>kerstin.raudonat@hs-heilbronn.de</email>
        </contrib>
      </contrib-group>
      <pub-date>
        <year>2015</year>
      </pub-date>
      <fpage>29</fpage>
      <lpage>39</lpage>
      <abstract>
        <p>Wir Lehrenden lassen die Studierenden mit dem Lernen oft allein, wir halten es für ihre originäre, eigene Angelegenheit - und messen anschließend mit der Strenge einer Prüfung den Erfolg ihrer Lernbemühungen. Die Idee der lernzentrierten Lehre stellt das Lernen in den Mittelpunkt des Interesses. Lernzentrierte Lehre bereitet systematisch auf die Prüfungssituation vor und gibt den Studierenden Lernwerkzeuge an die Hand. Die Lernforschung zeigt, dass Studierende wenig effektive Lernformen nutzen. Dabei ist das Retrieval-Based Learning (RBL) sehr wirksam und leicht umzusetzen. Der Beitrag stellt die Umsetzung von RBL in einer Vorlesung zur Softwaretechnik vor. Die begleitende Untersuchung macht Hoffnung, dass es sich lohnt über eine weitreichende Vision der lernzentrierten Lehre nachzudenken - und weitere Experimente zu machen.</p>
      </abstract>
    </article-meta>
  </front>
  <body>
    <sec id="sec-1">
      <title>Zusammenfassung</title>
      <p>Die Lernforschung belegt es: Studierende lernen
oftmals falsch. Weit verbreitet ist das wiederholte
Lesen von Aufzeichnungen und Manuskripten, so
lange, bis der Stoff vermeintlich „sitzt“ –
unglücklicherweise geht damit eine Kompetenzillusion
einher. Nachweislich effektiver ist das sogenannte
Retrieval-Based Learning (RBL), das
prüfungsorientiert aktives Erinnern einfordert;
Lernkartensysteme sind z.B. eine bekannte Form des RBL. Es
nützt allerdings wenig, den Studierenden ein
Lernkartensystem vorzusetzen. Das Lernverhalten wird
sich nur dann am RBL orientieren, wenn die Lehre
entsprechend darauf ausgerichtet ist. Das folgende
Kapitel arbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen
dazu auf.</p>
      <p>Wenn das Retrieval-Based Learning so wirksam ist,
dann ist es ein interessanter Versuch, sich mit
lernzentrierter Lehre auseinander zu setzen und dazu
praktische Erfahrungen zu sammeln. Ein
Experiment an der Technischen Hochschule Mittelhessen
lotete die Integration von Lernkarten mit Hilfe
eines digitalen Lernkartensystems aus. Von diesem
Experiment wird in diesem Beitrag ausführlich die
Rede sein. Die Studie wurde im Rahmen der
Softwaretechnik-Veranstaltung für Informatiker
durchgeführt.</p>
      <p>
        Die Softwaretechnik (SWT) ist für ein solches
Experiment ein prädestinierter Kandidat. Meist ist hier
schon eine Dichotomie gegeben: In einem Teil der
Veranstaltung werden praxisnahe und
anwendungsorientierte Übungen durchgeführt, oft unter
Betreuung von Assistent(inn)en und/oder
Tutor(inn)en, so dass Rückmeldungen möglich sind
und die Studierenden Korrekturimpulse erfahren.
An vielen Hochschulen wird der Praxisteil darüber
hinaus in weiterführenden Veranstaltungen
ausgebaut zu SWT-Projekten, Lernbühnen
        <xref ref-type="bibr" rid="ref1">(Herzberg &amp;
Marsden, 2005a/2005b)</xref>
        etc. An Praxisbezug,
verständnis- und anwendungsorientiertem Lehren
und Lernen mangelt es in der SWT nicht. Das
dokumentieren auch die Bände zur Workshopreihe
„Software Engineering im Unterricht der
Hochschulen“ (SEUH) eindrucksvoll.
      </p>
      <p>Es bleibt in der Regel ein Teil der Softwaretechnik,
der nachwievor vorlesungsorientiert ausgerichtet
ist und mit einer Klausurprüfung abschließt. In der
Softwaretechnik hat sich ein breiter Wissenskanon
ausgeprägt, der das Fach und eine dazugehörige
Vorlesung sehr wissensintensiv macht. In aller
Regel fehlt den Studierenden praktische Erfahrung
zur Softwaretechnik z.B. in der Art eines
mehrmonatigen Praktikums in der Industrie. Man muss
Wissen auf einem weitgehend „unbestelltem
Acker“ sähen. Aber wie soll das bei den
Studierenden verstetigt werden?
Lernzentrierte Lehre heißt, vom Ende her zu
denken. Studierende sind elementar am
Prüfungsergebnis einer Klausur interessiert. Wenn man
versteht, wie Studierende lernen und was sich
verbessern ließe, dann kann man die Lehre vom Ende her
gedacht entsprechend aufbauen.</p>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>Lernforschung und Lernverhalten</title>
      <p>Wie lernt ein Student bzw. eine Studentin
außerhalb einer Lehrveranstaltung? Was tun
Studierende, um den Stoff für eine Prüfung in ihren Köpfen
zu verankern und abrufbar zu halten? Die
Lernforschung gibt darauf interessante Antworten:</p>
      <sec id="sec-2-1">
        <title>Studierende wählen in der Mehrzahl Lern</title>
        <p>formen, die schlechter sind als das
sogenannte Retrieval-Based Learning.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-2">
        <title>Das Potenzial des Retrieval-Based Learning wird von den Studierenden unterschätzt; vermutlich ist es bei den Lehrenden nicht anders.</title>
        <p>Es gibt also gute Gründe, Studierende für das
Retrieval-Based Learning zu sensibilisieren und es in
die Lehre zu integrieren. So drängt sich eine Frage
auf:</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-3">
        <title>Welche Anreize kann die Lehre setzen, um</title>
        <p>Studierende für das Retrieval-Based
Learning zu gewinnen, und wie kann die Lehre
das Lernen für eine Prüfung unterstützen?
Auf diese drei Aspekte wird im Folgenden
eingegangen, um das Problem und seine Relevanz zu
erläutern.</p>
        <sec id="sec-2-3-1">
          <title>Wie lernen Studierende?</title>
          <p>
            Cal Newport hat zu seinen Studentenzeiten ein
Buch über erfolgreiche Studier-Strategien
geschrieben und warnt darin: „Most students incorrectly
believe rote review is the only way to study“
            <xref ref-type="bibr" rid="ref2">(Newport 2007, S. 63)</xref>
            . Diese Beobachtung wird von
der Lernforschung bestätigt
            <xref ref-type="bibr" rid="ref3">(Karpicke et al. 2009)</xref>
            :
Studierende praktizieren in der überwältigenden
Mehrheit das wiederholte Lesen ihrer Mitschriften,
des Vorlesungsmanuskripts oder des Lehrbuchs
und halten das für eine effektive Lernform. Eine
signifikant wirkungsvollere Lernstrategie ist, den
Lernstoff aktiv abzuprüfen und zu erinnern – dies
wird in der Fachliteratur als Retrieval-Based
Learning bezeichnet.
          </p>
          <p>Es ist nicht so, dass Studierende nicht um
alternative Strategien wüssten, dennoch bedient sich nur
eine absolute Minderheit verschiedener
Erinnerungs- und Abfragetechniken. Studierende sind
sich nicht darüber im Klaren, dass das Testen oder
Abfragen des Lernstoffes gleichzeitig mit einem
Lerneffekt einhergeht (testing effect). Wenn
eingesetzt, dann gilt das Testen bzw. Abfragen eher zur
Ermittlung des Lernstands, weniger als
Lerntechnik. Karpicke und Kollegen (2009) vermuten, dass
die Studierenden Opfer einer Illusion des
Kompetenzerwerb sind, der mit dem wiederholten Lesen
des Lernmaterials einhergeht: der Text wird
zunehmend flüssiger gelesen und bewältigt. Diese
Kompetenz-Illusion verleitet Studierende dazu,
diese Strategie auch dann anzuwenden, wenn sie
alleine für sich lernen.</p>
          <p>Newport (2007) empfiehlt in seinem Ratgeberbuch
Studierenden eine Methode, die er
„Quizz-andRecall“ nennt – es mag wenig überraschen: Es ist
eine Retrieval-basierte Technik (a.a.O., S. 59 ff.).</p>
        </sec>
        <sec id="sec-2-3-2">
          <title>Was ist und was leistet Retrieval-Based</title>
        </sec>
        <sec id="sec-2-3-3">
          <title>Learning?</title>
          <p>Der Begriff des Retrieval-Based Learning ist mit
„Erinnerungslernen“ leidlich übersetzt. Es fehlt der
Aspekt, dass die Erinnerung durch eine
Aufforderung, meist eine Frage, angestoßen und in Gang
gesetzt wird. Die Richtigkeit der gegebenen
Antwort oder der Erfüllungsgrad der Aufforderung
lässt sich messen und bewerten. Damit grenzt sich
Retrieval-Based Learning als „prüforientiertes
Erinnerungslernen“ deutlich vom reinen
„Wiederholungslernen“ ab, ohne dass das eine das andere
ausschließen würde. Der Lernstoff wird aktiv
abgefragt, und es erfolgt eine unmittelbare
Rückmeldung.</p>
          <p>Beispiele für Techniken, die unter das
RetrievalBased Learning fallen, sind sämtliche Variationen
von Frage/Antwort-Spielen wie Quizze, Multiple
Choice Tests, Lernkarten usw. Andere Techniken
wie das Erstellen von Mindmaps, Concept-Cards
oder Texten können zum Retrieval-Based Learning
verwendet werden, wenn sie mit einer klaren
Aufforderung zur Erinnerung verbunden sind: „Was
haben sie eben in der Vorlesung gehört?“ oder
„Was steht in dem gelesenem Text?“. Notizen und
sonstige Erinnerungshilfen sind währenddessen
tabu.</p>
          <p>
            Wie die aktuelle Lernforschung zeigt, ist
RetrievalBased Learning für das Lernen von besonderer
Bedeutung („critical importance“), es ist anderen
Lerntechniken in der Regel deutlich überlegen
            <xref ref-type="bibr" rid="ref4">(Karpicke und Roediger 2008)</xref>
            . Und es muss mit
einem möglichen Vorbehalt aufgeräumt werden:
Retrieval-Based Learning eignet sich nicht nur für
das Vokabel-Lernen, Faktenwissen oder die
Führerscheinprüfung.
          </p>
          <p>
            In Experimenten wurde nachgewiesen, dass das
aktive Erinnern und Rekonstruieren von Wissen
ein tieferes Lernverständnis hervorbringt als das
Studieren mit der Ausarbeitung von Concept-Maps
            <xref ref-type="bibr" rid="ref14 ref5">(Karpicke und Blunt 2011)</xref>
            . Der Akt des Retrievals
ruft nicht nur Inhalte aus dem Gedächtnis ab,
sondern verknüpft Wissen und stellt
Sinnzusammenhänge her. Die Wirkmechanismen des Lernens sind
sehr gut erforscht
            <xref ref-type="bibr" rid="ref5">(Rösler 2011)</xref>
            , und die Ergebnisse
zum Retrieval-Based Learning fügen sich gut in die
Theorien gut ein
            <xref ref-type="bibr" rid="ref7">(Grimaldi und Karpicke 2012)</xref>
            . Es
ist an der Zeit, das Retrieval-Based Learning in die
Lehre zu integrieren.
          </p>
        </sec>
        <sec id="sec-2-3-4">
          <title>Retrieval-Based Learning in der Lehre</title>
          <p>
            Die Empfehlung, Studierende zum Retrieval-Based
Learning zu ermutigen, ist naheliegend, greift aber
zu kurz
            <xref ref-type="bibr" rid="ref3">(Karpicke et al. 2009)</xref>
            . Ohne eine
Integration in die Lehre ist den Studierenden wenig Grund
gegeben, neue Lerntechniken und Lernansätze im
Selbststudium anzuwenden und Lernerfolge zu
reflektieren. Lehre, die nicht zum Lernen
(ver)führt, verfehlt ihr Ziel: „teaching occurs only
when learning takes place“
            <xref ref-type="bibr" rid="ref8">(Bain 2004)</xref>
            . Folgende
Maßnahmen geben Beispiele für eine Integration
von RBL in die Hochschullehre:






          </p>
        </sec>
      </sec>
      <sec id="sec-2-4">
        <title>Jeder Studierende memoriert zu Veranstaltungsbeginn schriftlich den Inhalt der vorangegangenen Vorlesung.</title>
      </sec>
      <sec id="sec-2-5">
        <title>Während oder am Ende der Vorlesung legt jeder Studierende eine Concept-Map zum Wissensstand an.</title>
      </sec>
      <sec id="sec-2-6">
        <title>Die Vorlesung stößt zur Reflexion des Ver</title>
        <p>ständnisses an, beispielweise durch
Kurztests, Verständnisfragen und Quizze.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-7">
        <title>Zu komplizierten und schwer zu merkenden Zusammenhängen werden den Studierenden Gedächtnistechniken und Eselsbrücken angeboten</title>
      </sec>
      <sec id="sec-2-8">
        <title>Die Studierenden identifizieren in Klein</title>
        <p>gruppenarbeit Leitfragen zur Vorlesungen
und formulieren Antworten dazu; die
Studierenden erstellen als Teil der
Veranstaltung Lernkarten.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-9">
        <title>Alternativ werden den Studierenden Lern</title>
        <p>karten zur Verfügung gestellt.</p>
        <p>Mit solchen Maßnahmen kann der Wert
aktivierender Erinnerungstechniken erlebt und eingeübt
werden – in der Hoffnung, dass sich das Verhalten
beim eigenständigen Lernen daran orientiert. Die
Sinnhaftigkeit und Motivation ist freilich nur dann
gegeben, wenn die Studierenden um die
Prüfungsrelevanz der derart wiederholten und aktiv
erinnerten Lerninhalte wissen.</p>
        <p>
          Die Forschung zeigt, dass verschiedene Formate
zum Retrieval-Lernen weitgehend gleichwertig
sind. Gibt es jedoch unmittelbares Feedback, ob das
Erinnerte richtig oder falsch ist, dann steigert das
den Lerneffekt
          <xref ref-type="bibr" rid="ref9">(Smith und Karpicke 2013)</xref>
          .
Lernkartensysteme bringen mehreres zusammen:
RetrievalLearning mit Feedback und Wiederholungen.
Wenn Lernkarten in einer Lehrveranstaltung
entwickelt und genutzt werden und prüfungsrelevant
sind, dann wird ein starker Anreiz zu einem
selbstgesteuerten, retrieval-basierten Selbstlernen
gesetzt.
        </p>
        <sec id="sec-2-9-1">
          <title>Untersuchung zum Einsatz retrieval</title>
          <p>basierter Methoden in der Vorlesung
„Softwaretechnik“
Es gibt viele Möglichkeiten der Gestaltung
lernzentrierter Lehre, die das Retrieval-Based Learning in
den Mittelpunkt rückt. Eine Vision, wohin das
führen kann, skizziert das vorletzte Kapitel. In den
folgenden Kapiteln wird unter den Überschriften
„Methodik“, „Evaluation“ und „Diskussion“ ein
Experiment ausführlich beschrieben, das den
Einsatz von digitalen Lernkarten in der
Softwaretechnik vorstellt, auswertet und bewertet. Ziel der
Studie ist es, den Ansatz der lernzentrierten Lehre mit
einem einfachen Verfahren – einem
Lernkartensystem – auszuloten und belastbare Daten zur
Auswertung der Erfahrungen zu erheben.</p>
        </sec>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Methodik</title>
      <p>Die folgenden Unterkapitel beschreiben den
Verlauf der Softwaretechnik-Veranstaltung, den
Versuch lernzentrierter Lehre und die letztlich
konsequente Ausrichtung der Klausur auf diesen Ansatz.
Die Beschreibung schließt neben der Vorlesung die
Übung ein, da Studierende mit der Übung für die
Klausur relevante Punkte erlangen können.</p>
      <sec id="sec-3-1">
        <title>Der Veranstaltungskontext</title>
        <p>Die „Softwaretechnik“ (SWT) ist ein Pflichtfach für
Bachelor-Studierende des 3. Semesters im
Fachbereich Mathematik, Naturwissenschaft und
Informatik (MNI) der Technischen Hochschule
Mittelhessen (THM). Die Veranstaltung bedient alle
Informatik-Studiengänge des Fachbereichs. Rund 120
Studierende besuchen die Veranstaltung zu Beginn
des Sommersemesters 2014.</p>
        <p>Die SWT-Veranstaltung teilt sich auf in 2 SWS
Vorlesung und 2 SWS praktischer Übung; die
Veranstaltung ist 6 ECTS wert. Der Besuch der Übung ist
verpflichtend, die Teilnahme an der Vorlesung ist
es nicht. Die Übung wird viermal in der Woche
angeboten, so dass eine Gruppengröße von etwa 30
Studierenden Freiräume für individuelle Betreuung
schafft. Zwei Assistenten unterstützen die
Durchführung der Übungen.</p>
        <p>Von den 15 Wochen des Sommersemesters sind 14
Wochen mit Übungsaufgaben verplant und
gleichmäßig über die Vorlesungszeit verteilt: es
gibt sieben Pflichtübungen und – darin
eingeschoben – fünf Wahlübungen; zwei der Übungen sind
aufgrund des Umfangs auf eine zweiwöchige
Bearbeitungszeit angelegt. Die Studierenden erhalten
ein, zwei Wochen vor dem Übungstermin die
Aufgaben, die zum vorgesehenen Wochentermin
abzugeben sind. Wird die Abnahme verweigert, gibt
es in aller Regel die Möglichkeit der Nacharbeit
und der endgültigen Einreichung in der
Folgewoche. Die sieben Pflichtaufgaben sind ausnahmslos
zu bestehen, um die Berechtigung zur
Klausurteilnahme zu erhalten.</p>
        <p>Die Übungsaufgaben dienen zur Einübung von
Verfahren und Techniken, zur Erarbeitung von
Sachverhalten und der Entwicklung von
Verständnis. Die Übung ist ein wichtiger und die Vorlesung
flankierender Anteil. So geht es z.B. um die
Analyse einer einfachen Applikation zur Verwaltung von
Musik-Dateien, die Ableitung eines
Zustandsdiagramms aus der Anleitung zu einer Stoppuhr, die
Zuordnung von Objekt- zu Klassendiagrammen,
der Anwendung der Muster Kompositum,
Strategie und Visitor etc.</p>
        <p>Mit den fünf Wahlaufgaben können Bonuspunkte
erzielt werden. Bei Erfolg werden je Wahlaufgabe
fünf Bonuspunkte auf die Klausur angerechnet,
sofern die Klausur mit mindestens „ausreichend“
bestanden ist. Die Klausuren werden gemäß
Prüfungsordnung nach einem Punktsystem mit 0 bis
100 Punkten bewertet.1 Die Bestehensgrenze
(„ausreichend“) liegt bei 50 Punkten. Mit 95 Punkten ist
die Note 1.0 erreicht.</p>
        <p>Durch die Bonuspunkte haben die Studierenden
die Möglichkeit, die Risiken und Unwägbarkeiten,
die mit jeder Klausur einhergehen, in Grenzen zu
halten. Hat eine Studentin oder ein Student alle
Bonuspunkte erlangt (5 x 5 = 25 Punkte) und die
Klausur mit 50 Punkten mindestens bestanden, so
sind ihr oder ihm 75 Punkte sicher. Dem entspricht
die Note 2.4. Die Punkte rechnen sich in Noten mit
der Genauigkeit einer Nachkommastelle um.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-3-2">
        <title>Die Vorlesung: Anreize setzen zum Retrieval-Based Learning</title>
        <p>Die 90-minütige Vorlesung hat ein festes Schema:
Zu Beginn werden vier bis sieben Fragen an die
Tafel geschrieben oder an die Wand projiziert. Die
Studierenden haben etwa zehn Minuten Zeit, die
Fragen zu beantworten. Der „Test“ simuliert eine
Prüfsituation unter den Bedingungen einer
Klausur. Es sind nur Papier und Stift erlaubt, es gibt
keinen Austausch mit den Sitznachbarn.</p>
        <p>Die Fragen greifen den Stoff der letzten Vorlesung
auf. Sie dienen der Wiederholung, der aktiven
Erinnerung und Reflexion, der Gewöhnung an
typische Klausurfragen und der Herstellung von
Anschlussfähigkeit an die aktuelle Vorlesung. Die
Antworten werden ausführlich besprochen. Meist
werden dafür 20 Minuten benötigt. Es bleiben ca.
60 Minuten für die Vorlesung übrig.</p>
        <p>Alle besprochenen „Testfragen“ gehen in den
Fragenpool der Lernkarten ein. Der Test und die
Besprechung üben klausurrelevantes Wissen ein und
klären die Erwartungshaltung für Antworten. Teils
wird beispielhaft erklärt, welche Arten von
Antworten aus welchem Grund zu weniger Punkten
führen. Oder auch, warum andere Antworten
ebenfalls volle Punktzahl erzielen.</p>
        <p>Weitere Lernkarten werden aus dem Stoff der
aktuellen Vorlesung abgeleitet. Ein Assistent wohnt
der Vorlesung bei und macht sich Notizen zu
wichtigen oder ausdrücklich betonten
„Wissensfragmenten“. Aus diesen Notizen entstehen weitere
Lernkarten. Pro Vorlesung erweitert sich der Pool
an Lernkarten im Schnitt um 20 Fragen und
Antworten. Am Ende des Semesters bilden 290
Lernkarten das Wissen aus der Vorlesung ab.</p>
        <p>Neben den Lernkarten stehen den Studierenden
unmittelbar nach der Vorlesung die Folien als PDF
zur Verfügung. Die Verteilung der Folien sowie die
Distribution der Lernkarten erfolgt über die
hochschulinterne Moodle-Plattform2.</p>
        <p>Die Vorlesung wird Mitte Juni, knapp vor Beginn
des letzten Drittels der Vorlesungszeit, evaluiert.
Die Evaluation führt eine unabhängige Person des
Zentrums für Qualitätsentwicklung (ZQE) der
THM in der letzten Viertelstunde der Vorlesung
durch. Es kommt der an Hochschulen übliche
EvaSys-Fragebogen zum Einsatz.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-3-3">
        <title>BrainYoo als Plattform für Lernkarten</title>
        <p>Mit ein, zwei Wochen Verzögerung zur jeweiligen
Vorlesung erhalten die Studierenden über Moodle
ein inkrementelles Update zum aktuellen
„Lernkasten“.</p>
        <p>Die Lernkarten sind mit der Software der Firma
BrainYoo erstellt. Dazu ist ein kostenpflichtiger
Zugang notwendig. Die Studierenden können die
Software zum Lernen kostenfrei nutzen. Es stehen
Apps für Android- wie auch iPhone-Geräte zur
Verfügung. Es gibt eine Desktop-Variante für den
PC und – Onlinefähigkeit vorausgesetzt – eine
webbasierte Version der Lernkartensoftware.
Gerätevielfalt, taugliche Mobilversionen und ausgereifte
Software haben die Wahl auf BrainYoo fallen
lassen.</p>
        <p>Ein mit BrainYoo erstellter digitaler Lernkasten ist
als zip-komprimierte Datei verteilbar und in die
Lernumgebung importierbar. Entpackt stellen sich
die Lernkarten als leicht lesbare und
nachvollziehbare XML-Dateien dar. Die zwischen den
&lt;Question&gt;- und &lt;Answer&gt;-Marken abgelegten
Informationen sind im HTML-Format festgehalten.
Eingebettete Medien liegen ebenfalls der komprimierten
Dateisammlung bei. Die Lernkarten können
prinzipiell auch ohne die BrainYoo-Software verarbeitet
und aufbereitet werden. Die Offenheit des Formats
1 http://goo.gl/jVKN2Y (Zugriff am 31. Okt. 2014)
2 https://moodle.thm.de (Zugriff am 31. Okt. 2014)
ist ein weiterer Fürsprecher für die Wahl von
BrainYoo.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-3-4">
        <title>Die Klausur</title>
        <p>In der letzten Vorlesung bekommen die
Studierenden ein klares Versprechen: „Wer die Lernkarten
beherrscht, dem ist das Bestehen der Klausur
garantiert.“ Die Lernkarten sind damit ausdrücklich
in den Mittelpunkt der Vorbereitungen gerückt.
Bereits erbrachte Leistungen aus den Übungen sind
nur in Grenzen Bestandteil der Klausur – damit
sind weitreichende Doppelprüfungen von Inhalten
ausgeschlossen. So bleiben noch einige Anteile aus
der Vorlesung übrig, die nicht durch Lernkarten
erfasst und die potentiell klausurrelevant sind.
Darauf wird in der letzten Vorlesung hingewiesen.
Zwischen der letzten Vorlesung am Ende des
Sommersemesters und dem Klausurtermin liegen
zwei Monate. Von den drei Prüfungswochen sind
zwei direkt im Anschluss an die Vorlesungszeit;
die dritte Prüfungswoche liegt kurz vor dem
Beginn der nächsten Vorlesungsperiode. Das soll die
Vorbereitungszeiten für die Studierenden
entzerren.</p>
        <p>Eine Woche vor dem Klausurtermin erfolgt über
Moodle eine Benachrichtigung an alle
SWTStudierende, sich zur Vorbereitung besonders mit
den Lernkarten auseinander zu setzen.</p>
        <p>Die schriftliche Klausur enthält schlussendlich eine
Auswahl von 33 der 280 Lernkarten – ein klarer
Entschluss, das Lernkarten-Experiment konsequent
umzusetzen. Pro „Lernkarte“ können maximal drei
Punkte erlangt werden. Bei Fehlern werden die
Punkte in Einserschritten reduziert. Im
ungünstigsten Fall erhält die Studentin oder der Student null
Punkte. Minuspunkte sind ebenso ausgeschlossen
wie halbe Punkte oder gar Viertelpunkte. Jeder und
jede Studierende erhält einen Punkt „geschenkt“,
um in Summe maximal 100 Punkte erreichbar zu
machen.</p>
        <p>Zu der 90minütigen Klausur sind keine Hilfsmittel
zugelassen. 88 Studierende schreiben die Klausur.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-3-5">
        <title>Umfrage</title>
        <p>Eine Woche nach der Klausur werden die Noten an
das Sekretariat des Fachbereichs gemeldet. Mit der
Notenmeldung geht eine E-Mail an all die
Studierende, die die Klausur geschrieben haben und in
Moodle eingetragen sind. Die E-Mail teilt die
Meldung der Note ans Prüfungsamt mit und bittet um
die Teilnahme an einer kurzen, freiwilligen
Umfrage. Der Link zur Umfrage ist in der Email
enthalten. Zwar wird um sofortige Rückmeldung
gebeten, dennoch können Studierende auch erst nach
Einsicht in das Notenergebnis die Fragen
beantworten. Nach zwei Wochen endet die Umfrage.
Die Umfrage und die Erfassung der Antworten ist
mit Google Forms realisiert worden. Zu folgenden
Fragen wird anonym um Antwort gebeten:










</p>
        <sec id="sec-3-5-1">
          <title>Wie fair war die SWT-Klausur? (Mit „fair“</title>
          <p>meine ich: Kam das dran, was Sie erwarten
durften und angekündigt war?) – Antwort
auf einer Skala von „sehr fair“ (1) bis
„absolut unfair“ (5)</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-2">
          <title>Wie schwer war die SWT-Klausur? (Mit</title>
          <p>„schwer“ meine ich: Waren die Fragen zu
kompliziert, war Ihnen nicht klar, was Sie
antworten sollten etc.) – Antwort auf einer
Skala von „sehr schwer“ (1) bis „gar nicht
schwer“ (5)</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-3">
          <title>Waren der Umfang der SWT-Klausur und</title>
          <p>die zur Verfügung stehende Zeit
angemessen – Antwort „Ja“ oder „Nein“</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-4">
          <title>Wieviele Tage haben Sie vor dem Klausur</title>
          <p>termin mit dem Lernen begonnen? (Geben
Sie die Anzahl der Tage ein. Versuchen Sie,
ehrlich zu sein ;-) – Angabe einer positiven
Ganzzahl</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-5">
          <title>Welche Plattformen haben Sie zum Lernen</title>
          <p>mit den Lernkarten genutzt? – Antworten
mit Mehrfachnennungen: „App auf dem
Handy“, „App auf dem Tablett“,
„Webbrowser“, Freitext für „Sonstiges“</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-6">
          <title>Wie effizient ist Ihrer Meinung nach das</title>
          <p>Lernen mit Lernkarten gewesen? (Mit
„effizient“ meine ich: zu lernendes Wissen ist
schnell anzueignen; man weiß sehr gut, wie
gut man den Stoff beherrscht.) – Antwort
auf einer Skala von „sehr effizient“ (1) bis
„gar nicht effizient“ (5)</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-7">
          <title>War die Menge der Lernkarten (290) ange</title>
          <p>messen? – Antwort mit „Ja“ oder „Nein“</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-8">
          <title>Haben Sie außer den Lernkarten zur Klau</title>
          <p>survorbereitung … – Mehrfachnennung
möglich: „die Folien durchgearbeitet“, „die
Testfragen zu Beginn einer Vorlesung
bearbeitet“, „Übungsaufgaben
nachgearbeitet“, Freitext zu „Sonstiges“</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-9">
          <title>Womit haben Sie fest in der Klausur ge</title>
          <p>rechnet, was aber dann doch nicht
abgefragt wurde? – Antwort als Freitext</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-10">
          <title>Würden Sie einem MNI-Studenten bzw. ei</title>
          <p>ner MNI-Studentin empfehlen, die
SWTVorlesung zu besuchen? (Auch wenn man
die Klausur allein mit dem Lernen der
Lernkarten bestehen kann?) – Antwort „Ja“
oder „Nein“</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-11">
          <title>Möchten Sie mir Feedback zur SWTKlausur hinterlassen? (Haben Sie irgend</title>
          <p>welche Anmerkungen rund um die
Klausur?) – Antwort als Freitext.</p>
        </sec>
        <sec id="sec-3-5-12">
          <title>Alle Fragen sind optional zu beantworten.</title>
        </sec>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Evaluation</title>
      <p>Wie viele Studierende haben die Klausurzulassung
erhalten und Bonuspunkte gesammelt? Wie viele
Studierende haben die Vorlesung besucht? Wie
sind die Ergebnisse der Klausur ausgefallen? Und
was hat die Umfrage ergeben? Diese Fragen
werden in den nachfolgenden Unterkapiteln
beantwortet.</p>
      <sec id="sec-4-1">
        <title>Die Übung: Klausurzulassung und Bonuspunkte</title>
        <p>Insgesamt haben 96 Studierende mindestens einmal
die Übung besucht und eine Pflichtaufgabe
eingereicht. 81 Studierende haben mindestens drei
Abgaben gemacht. Die Klausurzulassung haben 71
Studierende mit allen sieben Abgaben erfolgreich
erhalten.</p>
        <p>Wiederholer, die die SWT-Klausur in einem
früheren Semester geschrieben und nicht bestanden
haben, behalten die vormals erlangte
Klausurzulassung. Aus diesem Grund haben so gut wie keine
Wiederholer die Pflichtübungen abgelegt.
Es versuchen sich 60 Studierende an den
Bonusaufgaben – und daran beteiligen sich auch
Wiederholer, um ihre Klausurnote potenziell verbessern
zu können. Sie erreichen in Summe 675 Punkte,
was im Mittel 11,25 Punkte und damit eine mittlere
Verbesserung der Klausurnote um 0,8 ausmacht.
Die Standardabweichung von 8,2 deutet auf eine
hohe Streuung hin. Es gibt einige Studierende, die
nur 5 oder 10 Punkte haben, aber ebenso viele, die
20 oder 25 Punkte erreichen.</p>
        <p>In den Freikommentaren zur EvaSys-Evaluation
zeigt sich, dass Verbesserungen in der
Strukturierung der Übungen und im Umgang mit dem
„Massenbetrieb“ angebracht sind.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-4-2">
        <title>Die Vorlesung</title>
        <p>In Moodle registrieren sich 187 Studierende, zur
ersten Vorlesung erscheinen ca. 120 Studierende.
Zählungen werden keine vorgenommen, es
herrscht keine Anwesenheitspflicht. Geschätzt
kommen zur zweiten und dritten Vorlesung noch
um die 100 Studierende, dann pendelt es sich rasch
auf 70-80 Studierende ein; das entspricht ungefähr
der Zahl der die Übung besuchenden
Studierenden.</p>
        <p>Im letzten Drittel des Semesters kommen um die
40-50 Studierende. Und das, obwohl es in Woche 14
der 15 Vorlesungswochen noch eine letzte
Pflichtübung gibt.</p>
        <p>Auf Nachfrage deutet sich an, dass viele
Studierende gegen Semesterende eine Überlast durch
andere Veranstaltungen empfinden – und die
SWTKlausur ja erst im Oktober sei und man noch genug
Zeit zum Lernen daheim hätte. Es scheint, als sei
der Besucherrückgang nicht in der Vorlesung an
sich begründet.</p>
        <p>Die EvaSys-Evaluation weist auf keine Probleme
mit der Vorlesung hin. Die Bewertungen sind sehr
positiv, das Konzept der Tests zu Beginn der
Vorlesung gefällt. Auch die Lernkarten werden positiv
aufgenommen. Wenn Kritik geäußert wird, so
bezieht sie sich auf die Übung.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-4-3">
        <title>Die Klausur: Abgabe und Notenverteilung</title>
        <p>Von den 96 gemeldeten Kandidaten treten 88 zur
Klausur an; eine Person schreibt die Klausur
zeitgleich im Ausland.</p>
        <p>Im Mittel werden unter Einrechnung eventuell
erlangter Bonuspunkte 66,4 Punkte erreicht bei
einer Standardabweichung von 22,9 Punkten. 21
Studierende (23,9%) bestehen die Klausur nicht.
Ohne die durchgefallenen Studierenden ergibt sich
ein Mittelwert von 76,5 Punkten (Note 2,3) bei einer
Standardabweichung von 13,9 Punkten. Hat ein
Studierender die Klausur nicht bestanden, so sind
im Mittel 32 Punkte bei einer Standardabweichung
von 10,7 Punkten erreicht worden.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-4-4">
        <title>Umfrage</title>
        <p>Ein besonderes Augenmerk soll auf die Umfrage
nach der Klausur gelegt werden. Wenn, dann ist es
den Studierenden nach der Klausur möglich, die
Veranstaltung in der Gesamtschau zu betrachten
und uneingeschränkt Kritik zu üben. Dieser Aspekt
wird von den Pflichtevaluationen an den
Hochschulen weitgehend ausgeblendet. Eine
Rückmeldung nach der Vorlesungszeit ist nicht vorgesehen.
Zur Erinnerung: Mit der Notenmeldung geht eine
E-Mail an alle Studierenden, die die Klausur
mitgeschrieben haben und in Moodle zum Kurs
eingetragen sind. Das sind 83 Studierende.
53 Rückmeldungen sind zur Umfrage nach der
Klausur eingegangen. Dem entspricht eine
Rücklaufquote von 64%. Eine offensichtliche
Doppelmeldung ist hierbei schon entfernt. Mit dieser
Umfrage konnten mehr Studierende erreicht werden
als über die im Rahmen der Vorlesung
durchgeführte EvaSys-Evaluation (n=47).</p>
        <p>Eine überwiegende Mehrheit von 85% hält die
Klausur für „sehr fair“ oder „fair“. Eine Minderheit
von 8% stuft die Klausur als „absolut unfair“ bzw.
„unfair ein“.
70% halten die Klausur für „gar nicht schwer“ oder
„nicht schwer“, weitere 24% halten die Klausur
weder für zu schwer noch für zu leicht. Eine
Minderheit von 6% ist mit dem Schweregrad der
Klausur nicht einverstanden.
94% der Rückmeldungen halten den Umfang der
Klausur und die zur Verfügung stehende
Klausurzeit von 90 Minuten für angemessen; der Rest
widerspricht. Dieses Ergebnis entspricht dem
Eindruck bei der Klausur. Mehr als die Hälfte der
Studierenden hat die Klausur nach 45 Minuten bereits
abgegeben. Nur wenige Studierende nutzen die
gesamte verfügbare Zeit.</p>
        <p>Rund zwei Wochen (Mittelwert ist 15 Tage) haben
die Studierenden vor der Klausur mit dem Lernen
begonnen. Allerdings verrät die
Standardabweichung von 12,4 Tagen, dass es ebenso zahlreiche
Kurzlerner wie auch langfristig Lernende gibt.
Bei der Lernkartensoftware haben sich 55% der
Studierenden der Version für das Smartphone
bedient, 26% nutzen ein Tablett zum Lernen, 32%
haben mit der Browserversion gearbeitet und 20%
benutzen die Desktopversion auf ihrem Rechner.
64% der Studierenden haben dabei entweder nur
das Smartphone, das Tablett, den Browser oder die
Desktopversion genutzt. 36% der Studierenden
arbeiten parallel mit mehreren Varianten und
Endgeräten der Lernsoftware.</p>
        <p>Als „sehr effizient“ bzw. „effizient“ betrachten 83%
der Studierenden das Lernen mit Lernkarten.
Weitere 15% sind in der Einschätzung indifferent.
Gerade einmal 2% halten Lernkarten für „nicht
effizient“. Niemand hält sie für „gar nicht effizient“.
Die Menge an Lernkarten finden 88% der
Studierenden als angemessen, 12% sehen das nicht so.
Neben den Lernkarten haben 90% der
Studierenden die Klausur mit weiteren Maßnahmen
vorbereitet. Von ihnen haben 75% die Folien zur
Vorlesung durchgearbeitet, 46% haben die Testfragen zu
Beginn einer Vorlesung noch einmal bearbeitet,
54% haben die Übungsaufgaben nachgearbeitet.
29 der 53 Rückmeldungen (55%) machen Angaben,
womit Sie in der Klausur gerechnet haben. Einige
hielten die Lernkarten-Ankündigung für so
deutlich, dass sie das Lernen darauf beschränkt haben.
Viele haben Programmieraufgaben und
Diagramme verschiedenster Art (Klassen-, Objekt-,
Zustands- und Sequenzdiagramme) in der Klausur
erwartet.</p>
        <p>Den Vorlesungsbesuch würden 94% der
Studierenden ihren Kommilitonen empfehlen, selbst wenn
man die Klausur allein mit den Lernkarten
bestehen kann. 6% der Studierenden würden das nicht
tun.</p>
        <p>Den Freitext mit Feedback zur Klausur nutzen 25
der Rückmeldungen (47%). 16 Studierende geben
ein sehr positives Feedback ab, was die
Veranstaltung, die Klausur oder die Lernkarten betrifft. 3
Studierende sind in ihrer Kritik weder besonders
positiv noch negativ. Merkliche Kritik äußern 4
Personen, 2 Meinungsbilder fallen differenziert aus.
In den Rückmeldungen wird viermal, teils
deutliche Kritik an den Lernkarten geäußert und zwar
jedes Mal in ähnlicher Tonlage: jeder könne mit
zweiwöchiger Vorbereitung „durch einfaches
Auswendiglernen eine gute Note erreichen“, egal
ob er oder sie in der Vorlesung gewesen sei oder
etwas verstanden habe. Es wäre schön, wenn die
„Klausur einen höheren Anspruch gehabt hätte“.
Dem gegenüber stehen andere Kommentare, die
den Klausurerfolg auf die Effizienz der Lernens mit
Lernkarten zurückführen, die die Vorlesung durch
die Lernkarten gut abgebildet sehen, die glauben,
viel gelernt zu haben: „Die Lernkarten haben mir
beim Lernen sehr geholfen“, „Ich konnte überall
lernen.“</p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-5">
      <title>Diskussion</title>
      <p>Ist lernzentrierte Lehre mit Lernkarten ein
geglücktes Experiment für die Softwaretechnik? Das
diskutiert dieses Kapitel.</p>
      <p>Das Experiment ermutigt, eine lernzentrierte Lehre
mit Lernkarten in der Softwaretechnik fortzusetzen
und auszubauen. Das Etablieren einer
RetrievalKultur zu Vorlesungsbeginn sowie die Verteilung
von Lernkarten kommen bei den Studierenden gut
bis sehr gut an. Das zeigen die EvaSys-Evaluation
und die Auswertung der Umfrage nach der
Klausur deutlich. Mit Lernkarten und auch der Menge
an Lernkarten haben Studierende keine Probleme,
sie schätzen diese Lerntechnik als effizient ein.
Fast jeder Teilnehmer bzw. jede Teilnehmerin hat
etwas für die Klausur getan – so kann man die
relativ hohe Zahl der im Mittel erreichten Punkte
interpretieren. Wenn ein Student oder eine Studentin
die Klausur bestanden hat, dann in der Regel mit
merklichem Abstand von der Bestehensgrenze; die
Durchschnittsnote von 2,3 belegt das. Auch spricht
die hohe Bestehensquote von rund 75% für die
Machbarkeit der Klausur.</p>
      <p>Das Ziel, die Lehre vom Ende her und so von der
Klausur her zu denken und zu gestalten, darf
angesichts von Note und Bestehensquote als Erfolg
bewertet werden. Allerdings müsste dieser Effekt in
einer Zeitreihenstudie auf seinen Bestand hin
untersucht werden. Auch darf man die Messlatte
durchaus höher legen und der Vision folgend die
Möglichkeiten der lernzentrierten Lehre weiter
ausloten: Sind nicht sogar höhere Bestehensquoten
und noch bessere Durchschnittsnoten möglich,
ohne Kompromisse an die Qualität der Lehre und
ihre Inhalte machen zu müssen – Stichwort
„Mastery Learning“?
Durchgefallene Studierende erzielen mit einem
Drittel der Punkte im Schnitt einen Achtungserfolg,
meist ist der Abstand zur Bestehensgrenze jedoch
nicht zu leugnen. Anders ausgedrückt: Drei Viertel
der Studierenden scheinen mit dem
Lernkartenkonzept gut zurechtgekommen zu sein, einem
Viertel darf eine falsche Vorbereitung oder ein
fehlender Wille zur Auseinandersetzung mit den
Lernkarten unterstellt werden.</p>
      <p>Bei einer Auswahl von 33 der 290 Lernkarten darf
man davon ausgehen, dass die Studierenden, die
die Klausur bestanden haben, die Lernkarten
umfassend gelernt haben. Bei dieser relativ geringen
Auswahl ist es unwahrscheinlich, nur Glück in der
Auswahl der Klausurfragen zu haben. Breites
Lernen ist als Strategie zur Vorbereitung
angemessener als punktuelles Lernen. Insofern dürfte ein
Lernziel erreicht sein, die Studierenden mit einem
umfassenden Wissen zur Softwaretechnik
ausgestattet zu haben.</p>
      <p>Aber auch das ist ein wichtiger Punkt: Die
Verantwortung für das Lernen geht – bei aller
lernzentrierten Lehre – zurück an den Studierenden.
Wer sich mit den Lernkarten nicht befasst, hat im
wahrsten Sinne des Wortes „schlechte Karten“.
Wenn die Möglichkeit zum digitalen Lernen
gegeben ist, dann werden Smartphone, Tablett und
Browser herangezogen. Die Anwendung auf dem
Laptop oder dem heimischen Desktop ist nicht
mehr zeitgemäß und verträgt sich nicht mit
mobilem Lernen in Bus oder Bahn oder im Urlaub.
Es gibt nur wenige Studierende, die
Lernkartensysteme für das „Auswendiglernen“ als geeignet, für
das Verständnis deutlich ungeeignet halten. Man
kann beides vermuten: Äußert sich hier der
Unwille, mal etwas wirklich „auswendig“ zu lernen?
(Was, wie besprochen, deutlich mehr leistet.) Oder
ist es der Wunsch, sich über Transferleistungen
deutlich besser profilieren zu wollen? An dieser
Stelle sind weitere Untersuchungen und Studien
angebracht.</p>
    </sec>
    <sec id="sec-6">
      <title>Eine Vision: Was digitale Lernkarten ermöglichen können</title>
      <p>
        Die Möglichkeiten der digitalen Lernkarte sind
noch lange nicht ausgeschöpft. Insbesondere die
Idee einer lernzentrierten Lehre lässt sich mit
digitalen Lernkarten auf die Spitze treiben – und sehr
gut mit anderen Ansätzen vereinen, wie z.B. dem
Inverted Classroom Model
        <xref ref-type="bibr" rid="ref10">(Handke und Sperl
2012)</xref>
        . Eine Vision!
      </p>
      <sec id="sec-6-1">
        <title>Die Ursprünge</title>
        <p>Neu ist die Idee der Lernkarte nicht. Ihr
historischer Wegbereiter ist die Kartei- oder Registerkarte,
die von dem „Vater der modernen Taxonomie“,





Carl von Linné, im 18. Jahrhundert erfunden
wurde, um Wissen effizient mit den Mitteln des
Papierzeitalters zu erfassen, zu verschlagworten und zu
indizieren. Von der Wissenskarte hin zur Lernkarte
ist es nur ein kleiner Schritt. Dokumentiert sind die
Lernkarten der englischen Kinderbuchautorin
Favell Lee Mortimer aus dem Jahr 1834. Die aus der
Lernforschung bekannte Wiederholungsstrategie
Spaced Repetition und die Lernkarte haben jedoch
erst 1973 zum heutigen Lernkasten und dem
Leitner-System geführt. Seitdem sind die Vokabelbox
und andere thematische Lernkarteien populär.
Neu ist auch nicht die „Elektrifizierung“ der
Lernkartei. Es gibt Anbieter von Lernkarten-Software,
die sowohl im Webbrowser als auch auf mobilen
Endgeräten läuft, Geräte gegeneinander
synchronisiert und Verknüpfungen mit sozialen Medien
anbietet. Kommerziell ausgerichtet sind die Angebote
von BrainYoo und StudyBlue; als freie Software ist
beispielsweise Anki verbreitet.</p>
        <p>Dabei sind die Möglichkeiten digital aufbereiteter
Lerninhalte bei weitem nicht ausgeschöpft. Für das
vorgeschlagene System sind drei Aspekte neuartig:</p>
        <sec id="sec-6-1-1">
          <title>Die Art der digitalen Lernkarte</title>
        </sec>
        <sec id="sec-6-1-2">
          <title>Die Beobachtung des Lernens und des Lernprozesses</title>
        </sec>
        <sec id="sec-6-1-3">
          <title>Der Einfluss auf die Lehre</title>
        </sec>
      </sec>
      <sec id="sec-6-2">
        <title>Die Art der digitalen Lernkarte</title>
        <p>Eine Lernkarte aus Papier hat eine Vorder- und
eine Rückseite: vorne steht ein Begriff, eine
Aufforderung oder eine Frage, auf der Rückseite die
Antwort. In ihrer digitalen Version kann die Lernkarte
ähnlich einer Klappkarte um einen Innenteil
erweitert werden, mediale Inhalte bereitstellen und
generell um dynamische und interaktive Elemente
bereichert werden.</p>
        <sec id="sec-6-2-1">
          <title>Bei der traditionellen Lernkarte bewertet</title>
          <p>man die Richtigkeit einer Antwort mit
Blick auf die „Rückseite“ einer Lernkarte
selbst. Interaktive Elemente können die
Eingabe einer Antwort verlangen, bei der
Mehrfachauswahl (Multiple Choice) die
Auswahl der richtigen Antwort einfordern
usw. Der Lernvorgang wird durch
interaktive Elemente aktivierend und immersiv
gestaltet.</p>
        </sec>
        <sec id="sec-6-2-2">
          <title>Dynamische Elemente können z.B. Fragen</title>
          <p>selber generieren, so dass Antworten nicht
einfach auswendig gelernt werden.
Dynamische Elemente können eine Auswahl an
Antworten automatisch erzeugen. Damit
ist für Abwechslung und aktives
Nachdenken gesorgt.</p>
        </sec>
        <sec id="sec-6-2-3">
          <title>Ein „Innenteil“ kann zu einer Lernkarte Er</title>
          <p>klärungen anbieten und dabei Audios oder
Lernvideos einbinden. Der „Innenteil“
erfüllt die Funktion eines multimedialen
Lehr- oder Nachschlagewerks, das
Lernfragmente in einen Kontext stellt.</p>
          <p>All diese Aspekte helfen, das Lernen ansprechend,
sinnhaft und effizient zu gestalten. Ganze
Lehreinheiten können vollständig in Form derartiger
Lernkarten aufbereitet werden. Die Lernkarte bietet den
Aufhänger zum Retrieval-Based Learning, ihr
Innenteil stellt die Anbindung an ganze
Lehreinheiten oder Lektionen her.</p>
          <p>Zu einem Lernkartensystem gehört ein
Karteikasten mit Fächern, in die gelernte Karten einsortiert
und nach einer gewissen Zeit zur Wiedervorlage
gebracht werden; dies nennt man „Spaced
Repetition“. Jede Form des nachhaltigen Lernens bedarf
der Wiederholung, um sich dauerhaft im
Gedächtnis zu verankern. Das Leitner-System schlägt eine
solche Strategie zur Wiedervorlage vor. Ein
digitales Lernkartensystem kann beliebige Systeme zur
Wiedervorlage von Lernkarten umsetzen. Offenbar
ist kein System dem anderen überlegen, doch
mögen persönliche Präferenzen oder schlicht ein
anstehender Prüfungstermin ein bestimmtes
Wiedervorlagesystem favorisieren lassen. Ein digitales
Lernkartensystem sollte solche individuellen
Wünsche und Konfigurationen berücksichtigen.</p>
        </sec>
      </sec>
      <sec id="sec-6-3">
        <title>Die Beobachtung des Lernens und des</title>
      </sec>
      <sec id="sec-6-4">
        <title>Lernprozesses</title>
        <p>Wann lernen Studierende: abends, mittags oder
morgens? Nutzen Studierende „Totzeiten“, z.B.
Pausen zwischen den Vorlesungen zum Lernen?
Wann beginnen sie mit dem Lernen für Prüfungen:
kurz vor der Prüfung oder noch in der
Vorlesungszeit? Wie verteilt sich die Lernintensität und -dauer
über einen Tag und über die Tage einer Woche?
Welche Lernstrategien erweisen sich mit Blick auf
das Prüfungsergebnis als erfolgreich? Ehrlich
gesagt wissen Lehrende darüber erstaunlich wenig.
Digitale Lernkarten eröffnen ganz neue
Möglichkeiten der Transparenz und versprechen
ungekannte Einblicke in den Lernprozess. Es kann
erfasst werden, wann ein Student bzw. eine
Studentin eine Lernkarte lernt, wie lange er oder sie mit
der Lernkarte befasst ist, ob die Lernkarte gekonnt
wurde oder nicht, welche Wiederholungsstrategie
gewählt wird usw. Wenn Lernkarten mit sozialen
Funktionen versehen sind, können
Unstimmigkeiten oder Verständnisprobleme erfasst werden.
Interessant ist auch, ob und welche Lernkarten sich
Studierende zu ihrem Kartensatz hinzufügen.
Es versteht sich von selbst, dass der Datenschutz
gewahrt sein muss. Studierende können ihr
Lernverhalten protokollieren lassen, müssen es aber
nicht – und die Erfassung der Metadaten während
des Lernens ist pseudonymisiert, d.h. die Identität
des Lernenden bleibt gewahrt.</p>
        <p>Ein anderer wichtiger Punkt, der sich mit sozialen
Medien koppeln lässt, ist eine zumindest teilweise
Gamifizierung des Lernens mit Lernkarten. Das
Lernen kann belohnt werden, wenn ein bestimmtes
Lernpensum erreicht wird. Der Lernstand im
Vergleich mit den Kommiliton(inn)en (aktuellen aber
auch mit in der Vergangenheit erfolgreichen
Studierenden) mag zur Einschätzung und Korrektur
des eigenen Lernverhaltens dienen. Die
Gamifizierung mag helfen, die Isolation und die Problematik
der Selbstmotivation beim Alleinlernen zu lösen.
Davon abgesehen spiegelt ein Lernkartensystem an
sich schon Lernerfolge klar zurück und setzt das
Prinzip direkten Feedbacks um. Das sind
Techniken, derer sich auch die Gamifizierung bedient. Es
ist gut möglich, dass Lernkartensysteme keiner
ausgeprägten Gamifizierung bedürfen. Dies gilt es
in weiterführenden Untersuchung zu analysieren.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-6-5">
        <title>Der Einfluss auf die Lehre</title>
        <p>Mit ihrem „Innenteil“ erweitert sich die Lernkarte
vom Lernmedium hin zum Lehrmedium. Der
Inhalt einer Lehrveranstaltung wird portioniert und
gleichermaßen eingeklappt in einen „Innenteil“, die
relevanten und leitgebenden Fragen werden auf
den „Vorderseiten“ eines Lernkartensatzes
vermerkt und auf den „Rückseiten“ beantwortet.
Wenn sich die Lehre an diesem Modell der
Aufbereitung und Ausrichtung orientiert, dann ist die
Lehre hochgradig lernzentriert und damit in letzter
Konsequenz auch prüfungszentriert: eine Prüfung
ist immer auf das zu Lernende ausgerichtet. Dass es
dabei nicht ausschließlich um Lerninhalte von
Lernkarten, sondern auch um Anteile aus z.B.
Übungen und Hausarbeiten geht, versteht sich von
selbst.</p>
        <p>Die Lern- und damit Prüfungszentrierung bringt
eine unmittelbare Konsequenz mit sich: Richtig
gelernt wird vor den Prüfungen. Das ist eine
studentische Realität im derzeitigen Prüfungssystem!
In der Vorlesungszeit findet die Lehre statt, wozu
Vorlesungen, Übungen, Seminare, Praktika,
Hausübungen etc. gehören. Auch dann wird gelernt.
Doch die intensivste Lernzeit liegt unmittelbar vor
den Prüfungen, und meist liegt diese Zeit
außerhalb der Lehrzeit oder überschneidet sich nur in
Teilen mit dem Ende der Vorlesungszeit. Dann,
wenn die Studierenden lernen, fehlt ihnen die
Lehrperson.</p>
        <p>Der „Innenteil“ einer Lernkarte wird in diesem
Moment besonders wichtig. Lehrinhalte können
aufgefrischt und nachgeholt werden. Aber das
kompensiert nicht den fehlenden Dialog mit der
Lehrperson und die Kommunikation der
Studierenden untereinander in der kritischen Phase der
Prüfungsvorbereitung. Der Dialog kann ermöglicht
werden durch kollaborative Elemente und eine
Anbindung an soziale Medien. Zwei Beispiele
dazu.</p>
        <p>(1) Welche Lernkarten bereiten den Studierenden
Probleme? – Die Diskussionen auf einer
sozialen Plattform (wie z.B. Facebook oder
Twitter) um die Art der Fragestellung, die
Verständlichkeit und Einprägsamkeit einer
Antwort, den inhaltlichen Bezug zum
kontextgebenden „Innenteil“ einer Lernkarte,
ist wichtig im Lernprozess und gibt der
Lehrperson Hinweise für Klärungsbedarfe.
Updates zu den Lernkarten, verbesserte
Fragen, klarere Antworten, überarbeitete
Erklärungen während der Lernzeit sind
denkbar.
(2) Welche Lernkarten fügen die Studierenden
hinzu? – Dies ist ein Beispiel für ein
kollaboratives Element: Studierende entwickeln
ergänzende Lernkarten, um z.B. Inhalte aus
Übungen abzudecken, stellen die Karten
zur Diskussion und erlauben anderen die
Aufnahme in ihren individuellen
Kartensatz. Solche Prozesse haben durchaus einen
rückkoppelnden und edukativen Aspekt
auch für die Lehrperson.</p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-7">
      <title>Zum Abschluss</title>
      <p>Es sieht so aus, als ließen sich Studierende leichter
für Lernkarten in der Softwaretechnik begeistern
als gedacht. Die durchgeführte Studie gibt einen
Anhaltspunkt, dass es so sein könnte.</p>
      <p>Die Vorbehalte liegen vermutlich eher bei den
Lehrenden: Man muss Wissen reduzieren und auf den
Punkt bringen; man muss ein Gefühl für die Menge
an Lernkarten und die Relevanz der Lernkarten
entwickeln; man muss bereit sein, Lernkarten als
Werkzeug in die Lehre zu integrieren; man muss
Lernkartenwissen prüfungsrelevant machen. Vor
allem müssen Lehrende mit einem möglichen
Vorurteil aufräumen: Es ist nicht so, dass Studierende
hirnlos auswendig lernten. Die Lernforschung
belegt deutlich, dass beim Retrieval-Based Learning
semantische Verknüpfungen und Verständnis
aufgebaut werden. Davon abgesehen: ohne
Erinnerung, ohne im Besitz des Wissens zu sein, können
erst gar keine Verknüpfungen entstehen.</p>
      <p>Gerade in der Softwaretechnik können sich
Lehrende sehr gut auf ein Lernkarten-Experiment
einlassen. Wer Sorge um Verstehens- und
Verständnisprozesse hat: der praktische,
anwendungsorientierte Übungsanteil in der Softwaretechnik hat
einen wichtigen Anteil daran. So ist ein potentieller
Experimentalraum geschaffen für Lehr- und
Lernexperimente jenseits der traditionellen Vorlesung.
Die Vision der digitalen Lernkarte zeigt, dass es
noch viel auszuprobieren, zu erkunden, zu
erforschen und in seiner Wirksamkeit zu validieren gibt.
Herzlichen Dank an Nils Becker und Artur Klos, die die
SWT-Veranstaltung begleitet und das
LernkartenExperiment möglich gemacht haben.</p>
    </sec>
    <sec id="sec-8">
      <title>Literatur</title>
      <p>Herzberg, D. &amp; Marsden, N. (2005a): Praxisnahe
Förderung von Handlungskompetenz im
Software Engineering, in Studienkommission für
Hochschuldidaktik an Fachhochschulen in
Baden-Württemberg (Hrsg.): Beiträge zum 6. Tag
der Lehre, Geschäftsstelle der
Studienkommission für Hochschuldidaktik, Karlsruhe, S.
99103</p>
    </sec>
  </body>
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