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        <journal-title>München, Germany, September</journal-title>
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        <article-title>Perspektivenverschränkung: Interdisziplinäres, internatio- nales und interkulturelles Lernen mit „networked Weblogs“</article-title>
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          <string-name>Alexander Knoth</string-name>
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      <pub-date>
        <year>2015</year>
      </pub-date>
      <volume>1</volume>
      <issue>2015</issue>
      <fpage>173</fpage>
      <lpage>182</lpage>
      <abstract>
        <p>Der Beitrag thematisiert anhand einer Lehrkonzeption zum Thema „Changing Welfare, Changing States? Comparative Social Policies revisited by Gender“ den Einsatz von „networked Weblogs“ - also miteinander vernetzte Blogs auf einer genuin akademische Plattform. Genauer geht es darum, inwiefern diese dafür geeignet sind, blended learning Kurse aus verschiedenen Teilen der Welt zu versammeln und interdisziplinäre und speziell internationale Lehrveranstaltungen zu organisieren. Es wird gezeigt wie Studierenden dabei unterstützt werden wissenschaftliche Fragen zu formulieren, sie diese schriftlich umsetzen zu können und wie zugleich Interdisziplinarität, Internationalität und Interkulturalität selbst zu reflexiven Gegenständen des Seminars werden. Der Schwerpunkt liegt auf der didaktischen Einbettung und den intendierten Lerneffekten von „networked Weblogs“ als spezieller Gruppe von e-teaching Werkzeugen sowie den Möglichkeiten, die diese Plattform bietet, um Lernräume international zu erweitern und die eigene Lehrveranstaltung zu bereichern. Eine der zentralen Herausforderungen akademischer Lehre besteht darin, didaktische Szenarien zu entwickeln, die den studentischen Kompetenzerwerb (Jung 2010) in Form von methodisch-theoretischen Fähigkeiten, aber auch als Metakompetenzen, die kulturell-soziale Reflexionsfähigkeiten umfassen, unterstützt, sodass Studierende zu mündi1 Universität Potsdam, Lehrstuhl für Geschlechtersoziologie, August-Bebel-Str. 89, 14482 Potsdam 2 Der Beitrag entstand in enger Kooperation mit dem Gründer der Blogplattform newsactivist.com, Gabriel Flacks, vom Champlain College Saint-Lambert (Kanada). Mit ihm zusammen habe ich einen Workshop auf der COIL Konferenz „The Expanding Landscape of COIL Practitioners, Networks and Hubs: What's Next? im März diesen Jahres (2015) in New York City durchgeführt, ihm danke ich für wertvolle Tipps und anregenden Austausch.</p>
      </abstract>
    </article-meta>
  </front>
  <body>
    <sec id="sec-1">
      <title>-</title>
      <p>
        "Radical changes are occurring in what democratic societies teach the young, and these
changes have not been well thought through. Thirsty for national profit, nations and their
systems of education, are heedlessly discarding skills that are needed to keep
democracies alive. If this trend continues, nations all over the world will soon be producing
generations of useful machines, rather than complete citizens who can think for themselves,
criticize tradition, and understand the significance of another person's sufferings and
achievements. The future of the world's democracies hangs in the balance"
        <xref ref-type="bibr" rid="ref5 ref7">(Nussbaum,
2010, S. 2)</xref>
        .
2
      </p>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>Das Seminarkonzept: international &amp; interdisziplinär</title>
      <p>Das Potsdamer Seminarkonzept beruht auf vier Säulen:
(4)
(Inter-)nationale Studierende: Das Seminarkonzept adressierte vorwiegend
internationale und vor allem ERASMUS Studierende unterschiedlicher
Fachrichtungen. Zwar sind Soziologie, Politik- und Verwaltungswissenschaft am
stärksten vertreten gewesen, jedoch nahmen auch Studierende der
Kommunikationswissenschaft, Rechtswissenschaft, Psychologie, Betriebswirtschaftslehre und
auch vereinzelt aus den Naturwissenschaften an diesem Bachelorseminar teil, da
es universitätsweit auch über das Zusatzzertifikat Interdisziplinäre
Geschlechterstudien belegt werden konnte (N=34).
(5)
(6)</p>
      <p>Verschieden, verstreut, vernetzt - Onlinekurs Zusammenarbeit im</p>
      <p>Gesundheitswesen als Beispiel für standortübergreifendes Lernen 153
Thema &amp; theoretische Basis: Thematisch ging es darum, Geschlechterkonzepte
und -verhältnisse sowie deren Beeinflussung durch unterschiedliche
Wohlfahrtsstaatspolitiken ausgewählter Nationalstaaten zu untersuchen. Auf der
Lehragenda standen die Reflektion des zum Modewort avancierenden Terminus
Gender, dessen kulturelle Färbungen bzw. kontextabhängigen Deutungen sowie
dessen analytisches Potential zur Erklärung gesellschaftlicher Strukturen und
Prozesse. Theoretische Grundlage wie auch interdisziplinäre Anschlussfähigkeit
ist das internationale, geschlechtersoziologische Standardwerk „The Sociology
of Gender“ von Amy S. Wharton gewesen, mit dem zugleich eine
disziplinenübergreifende, wissenssoziologische Perspektive eingenommen werden konnte,
die gleichsam internationale Anschlussfähigkeit gewährleistete. Diese
Grundlagenliteratur wurde in unterschiedlichen Formaten während der Präsenzsitzungen
aufbereitet: in Form von round table Diskussionen, Pro-Contra
Gegenüberstellungen oder in thematischen Kleingruppenarbeiten, bspw. um die Argumentation
auf Flipcharts zu visualisieren. Ergänzt wurden diese Formate durch individuelle
Beiträge der Studierenden, die für jede Sitzung vergeben wurden und unter dem
Motto „Being an Expert, preparing the Session“ standen. Die Studierenden
konnten frei wählen, welche Sitzung sie vorbereiten wollten wie auch die Art des
zu erwartenden Beitrags. Das Aufgabenspektrum reichte dabei von
Literaturrecherchen, Kurzpräsentationen zu Ergänzungstexten, Zusammenstellen von
Länderinformationen bis hin zum Aufbereiten von aussagekräftigem Material
zur Situation und Diskussion von Geschlechterverhältnissen in unterschiedlichen
kulturellen Kontexten. Bei allen Beitragsformaten stand die individuelle,
studentische Selektionsleistung und damit die Verarbeitung eines eher weit gefassten
Themenbereichs im Vordergrund.</p>
      <p>
        Guest Lectures: Nicht nur die unterschiedlichen disziplinären Hintergründe,
auch die verschiedenen kulturellen Verortungen sind für die angesprochene,
heterogene Studierendenschaft charakteristisch gewesen. Um die
Kontextabhängigkeit von Geschlechterverhältnissen und deren wohlfahrtstaatlicher Prägung
herauszuarbeiten beschränkte sich das Seminar nicht allein auf internationale
Diskussionen innerhalb des eigenen Seminarraums. Die Perspektiven wurden
dahingehend geweitet, dass Gastdozierende aus verschiedenen Teilen der Welt
im virtuellen Klassenraum, vermittelt über Adobe Connect3, Vorträge hielten
und zum Austausch zur Verfügung standen. So gelang es u.a. Lehrende vom
MIT Boston, vom Gender and Development Center der Sana’a University
(Jemen), der Kansai University Osaka (Japan) oder University of Tokio (Japan) zu
gewinnen. Ergänzt wurden die virtuellen Veranstaltungen durch Präsenzvorträge
u.a. vom Direktor der Nichtregierungsorganisation „Envision Zimbabwe
Womens Trust“ oder der Pressesprecherin der deutsch-äthiopischen
Nichtregie3 Adobe Connect erlaubt aber nicht nur Gastdozierende in das Seminar einzubeziehen, sondern unterstützt
ebenso die synchrone Arbeit und Austausch mit den internationalen Partnerklassen im virtuellen
Klassenzimmer
        <xref ref-type="bibr" rid="ref11">(Wieschowski, 2014)</xref>
        .
      </p>
      <p>(7)
rungsorganisation „Menschen für Menschen“ aus Addis Abeba. Teilweise
wurden diese Vorträge aufgenommen und allen am Kurs beteiligten Studierenden
zur Verfügung gestellt.</p>
      <p>Collaborative Online International Learning (COIL): Um eine kulturelle,
disziplinäre Reflexion nicht nur unter den internationalen Studierenden in
Potsdam anzuregen, wurde das Seminar als blended learning Konzept, zusammen
mit zwei Partnerklassen jenseits des Atlantiks, der SUNY Delhi State University
New York (USA) und dem Vanier College Montréal (Kanada) realisiert. Beide
Kooperationen entstammen dem Netzwerk „Collaborative Online International
Learning“4 (COIL), dem E-Learning Verbund der State Universities von New
York, in dem auch die Universität Potsdam Mitglied ist. Beide Partner eint das
Interesse an der Geschlechterthematik, wenngleich SUNY Delhi diese aus einer
politikwissenschaftlichen Warte heraus betrachtete und Vanier
Geschlechterbilder und -stereotype im deutschen Film, im Rahmen eines multikulturellen
„Language und Movie“ Kurses untersuchte. Gemeinsames Kennenlernen wie auch
gemeinsame Diskussionen wurden synchron im virtuellen Klassenraum
organisiert (und später beim Bloggen vertieft), somit hatten alle Gelegenheit an den
Guest Lectures teilzunehmen und wechselseitig in persönlichen Austausch
miteinander zu treten. Insgesamt fanden fünf solcher Partnering-Treffen im
virtuellen Klassenraum statt. Hierfür sollten die Studierenden unterschiedliche Dinge
vorbereiten: Entweder galt es Fragen zu einem vorher festgelegten
Themenbereich unter Einbeziehung von Seminarliteratur zu formulieren oder Blogeinträge
bspw. in Form von Filmreviews zu verfassen, sodass im gemeinsamen Gespräch
darauf zurückgegriffen und die Diskussion anschließend virtuell bspw. durch
Kommentierung dieser Beiträge im Blog fortgesetzt werden konnten. Treibendes
Moment des Seminars war also eine doppelte Reflexion, einmal in der
Bewusstmachung des eigenen kulturellen Hintergrunds, wie auch der reflexiven
Durchdringung fremdkultureller Kontexte und deren Eigenarten.</p>
      <p>Um die Seminarziele umzusetzen arbeiteten die Studierenden der drei unterschiedlichen
Seminare asynchron auf der kanadischen Blogplattform newsactivist.com zusammen, die
dadurch zum Dreh- und Angelpunkt der kooperativen Perspektivenverschränkung
wurde. Diese virtuelle Klammer des Seminars und dessen didaktische Relevanz werden nun
genauer betrachtet.
4 http://coil.suny.edu.
3
„Networked
strument</p>
      <p>Verschieden, verstreut, vernetzt - Onlinekurs Zusammenarbeit im</p>
      <p>Gesundheitswesen als Beispiel für standortübergreifendes Lernen 155</p>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Weblogs“: newsactivist.com als didaktisches In</title>
      <p>
        Abb. 1 Screenshot der newsactivist-com Startseite (Mai 2015)
Die Blogplattform newsactivist.com5 wurde 2011 von Gabriel Flacks, einem Lehrenden
am Humanities Department des Champlain College Saint-Lambert in Montréal
(Kanada), ins Leben gerufen. Newsactivist wurde entwickelt, um Studierende bei der
Ausbildung von wissenschaftlichen Schreibkompetenzen zu unterstützen. Hierfür wurde eine
umfassende Web 2.0 Plattform geschaffen, die auf vernetzten Weblogs basiert und so
verschiedenste u.s.-amerikanische und internationale Hochschulen miteinander
verbindet. Damit unterscheidet sich newsactivist.com grundlegend von anderen Plattformen
wie bspw. Wordpress oder Mahara, da nicht individuell bzw. institutionenspezifisch ein
eigener Raum gefüllt werden muss, sondern eine institutionenübergreifende Plattform,
die bisher 50 Hochschulen miteinander verbindet und insgesamt 6000 Studierende in
176 Klassen organisiert und so eine niedrigschwellige Basis für die eigene Blogarbeit
sowie (internationale) Kollaborationen bereitstellt. Kernidee ist es den Studierenden eine
kollaborative
        <xref ref-type="bibr" rid="ref5">(Konrad &amp; Traub, 2010)</xref>
        und informelle Lernprozesse (Brodowski et. al.,
2009) ermöglichende Umgebung zur Verfügung zu stellen, in der sich Studierende
wechselseitig beobachten sowie sich als Teil einer Gemeinschaft von Studierenden
verstehen und erfahren (Flacks &amp; Reid, 2014). Hierfür arbeiten die Kurse in ihrem
jeweiligen eigenen, aber gemeinsamen Kursblog, vernetzen sich jedoch zugleich mit ihren
Partnerklassen, wodurch zum einen virtuelle, interinstitutionelle Verbindungen zwischen
den Kursen hergestellt werden und so zum anderen transnationale Lernräume
        <xref ref-type="bibr" rid="ref8">(vgl. Pilch
Ortega &amp; Schröttner, 2012)</xref>
        entstehen.
      </p>
      <p>
        Newsactivist ermöglicht es den Studierenden selbstmotiviert und auf akademischem
Niveau und in einem genuin akademischen Umfeld (da nur registrierte Lehrende
Studierende als Mitglieder von newsactivist zulassen können) sich über die Relevanz und
Diskursivierung von Geschlechterverhältnissen ihres jeweiligen Kontextes auszutauschen,
indem bspw. gemeinsame Materialen wie Texte oder Filme innerhalb des Blogs
diskutiert werden. Die Entwicklung eigner, praxisbezogener und gesellschaftspolitischer
Fra5 Selbige wurde bis jetzt vor allem im Zusammenhang der „educational technology“
        <xref ref-type="bibr" rid="ref6">(Mayrberger &amp; Kumar
2014)</xref>
        diskutiert.
gestellungen der Studierenden steht dabei im Vordergrund, die diese in Form von
Blogeinträgen artikulieren (Flacks &amp; Kaldor, 2015). Der Austausch im Sinne eines
konstruktiven Feedbacks erfolgt mittels einer Kommentarfunktion. Die Studierenden sind
über den gesamten Prozess hinweg Eigner ihrer schriftlichen Produkte, da sie dem
EPortfolio-Gedanken folgend, selbst entscheiden können in welcher Form sie von ihnen
erstellte Inhalte teilen möchten: als unveröffentlichtes Exzerpt an den Dozierenden, als
Beitrag innerhalb der eigenen Klasse und/oder Partnerklasse(n) sowie als Artikel der
allen angemeldeten Nutzern von newsactivist zugänglich ist.
      </p>
      <p>
        Lernziele von newsactivist sind es, Studierende als reflektierte Praktiker (
        <xref ref-type="bibr" rid="ref9">Schön, 1983</xref>
        )
in die Lage zu versetzen Themen wie Kontextabhängigkeit von
Geschlechterverhältnissen unter unterschiedlichsten gesellschaftspolitischen Bedingungen kritisch zu
hinterfragen und zugleich die Schreibkompetenzen der Studierenden zu verbessern.
Methodischdidaktisch soll das Lernen der Studierenden dadurch in Gang gesetzt werden, dass sie im
gemeinsamen virtuellen (Lern-)Raum zusammentreffen und dort mit ihrer Heterogenität
(Herkunft, Ethnizität, Geschlecht, disziplinärer Hintergrund, Studienphase usw.)
konfrontiert werden. Die Seminarthemen dienen damit als Kristallisationspunkte des eigenen
wie auch der fremdkulturellen Kontexte.
      </p>
      <p>
        Produktive Irritationen, die im gemeinsamen Austausch (mündlich wie schriftlich)
entstanden, wurden so zum Movens des Lernens, denn die Studierenden arbeiteten daran,
die emergierten Handlungsproblematiken zu überwinden, indem sie ihre
Handlungsmöglichkeiten erweiterten
        <xref ref-type="bibr" rid="ref2">(Hilzensauer, 2008: 3)</xref>
        . Konkret bedeutet das, dass wiederholt
auftretende clashs of cultures, die sich bspw. an Fragen der Menschenrechte, der Rolle
des Islam in verschiedenen Gesellschaften oder auch des eigenen politischen
Selbstverständnisses überaus kontrovers und gleichsam intensiv entzündeten, sowohl im eigenen,
lokalen Seminar als auch in der Auseinandersetzung mit den Partnerstudierenden –
unabhängig von der persönlichen Ebene – professionell verarbeitet werden mussten.
Innerhalb dieses Prozesses wurde sogar der Abbruch der Kollaboration als eine mögliche
Form der Situationsbewältigung diskutiert. Doch im Gegensatz dazu, entschieden sich
die Studierenden beider Seiten dafür, weiterzumachen und sich genau über diese
unterschiedlichen Wahrnehmungen und Betrachtungsweisen zu verständigen. Das wirkte
beiderseits als kognitiver Öffner bzw. als Horizonterweiterung und ebnete damit nicht
nur den Weg zu erhöhter kultureller Sensibilität, sondern ebenso zur systematischen
Berücksichtigung von theoretischen Begriffen und Konzepten, mit denen empirische
Phänomene konstruktiv beschrieben, untersucht und die eigene „Sicht“ methodisch
kontrolliert werden konnten. Anders formuliert: Konfrontationen mit kulturellen Stereotypen
konnten dahingehend kanalisiert werden, dass diese sozialen Erfahrungen schriftlich
verarbeitet und mit dem erforderlichem Abstand virtuell ausdiskutiert wurden. Die
Studierenden wuchsen gewissermaßen an jeder Form des interkulturellen Austauschs und
konnten dadurch nicht nur ihre sozialen Kompetenzen, sondern ebenso ihre
akademischen Grundfähigkeiten wissenschaftlichen Schreibens ausbauen.
      </p>
      <p>Spannend für diese Art der Lernprozessgestaltung und didaktischen Rahmung von
cam</p>
      <p>Verschieden, verstreut, vernetzt - Onlinekurs Zusammenarbeit im</p>
      <p>Gesundheitswesen als Beispiel für standortübergreifendes Lernen 157
pusübergreifenden Lehrveranstaltungen ist, dass es nicht unbedingt notwendig ist, dass
sich die auf newsactivist engagierten Lehrenden untereinander abstimmen. Die
thematisch diversen und zugleich vielen aktiven Kurse bieten allerhand Möglichketen mit
anderen Personen und deren geposteten Inhalten zu arbeiten. So forderte bspw. im Laufe
des Kurses Flacks seine Studierenden eines Ethics Kurses auf,
Nichtregierungsorganisationen zu recherchieren, sich deren Tätigkeitsprofil anzuschauen und diese
Informationen in Form von konstruktiven Kommentaren an andere Newsaktivisten weiterzugeben.
Dieser Arbeitsauftrag wurde jedoch ohne Kenntnis des Potsdamer Kurses erteilt. Das
hatte aber zur Folge, dass Potsdamer Studierende, die über soziale Bewegungen und
deren Kampf um Frauenrechte schrieben, thematisch vertiefende Hinweise bekamen,
welche NGO sich in diesem Feld besonders betätigen. Die Kommentare evozierten
wiederum Antworten und nicht selten entspannten sich so interessante Diskussionen, in
denen sich die Studierenden als Teil einer größeren und dynamischen Gruppe verstanden
(im Sinne der Selbstbeschreibung von newsactivist als „global network of collaborating
student writers“), die nicht nur Artikel als Teil der Leistungserfassung, als Element
zwischen Lehrenden und Studierenden produzieren, sondern um gesellschaftliche
Grundfragen nachhaltig zu erörtern. Das Beispiel demonstriert anschaulich, wie
bilaterale Kooperationen hin zu tri- oder multilateralen Kollaborationen ausgebaut werden
können, um ganz unterschiedliche Ziele zu verfolgen: die inhaltliche Anreicherung der
eigenen Lehrveranstaltung, den Aufbau von Netzwerken oder die Internationalisierung der
eigenen Lehre. Ebenso können lediglich bestimmte Aspekte der eigenen Veranstaltung
vertieft werden. Das ist bspw. dann der Fall, wenn Studierende eines English Language
Kurses geschlechtersoziologische Artikel von Potsdamer Studierenden auf
Rechtschreibung, Ausdruck und Satzbau hin überprüfen und auf horizontaler Ebene, von Student/in
zu Student/in Rückmeldung geben. Komplementär hierzu lässt sich an eine Vielzahl
weiterer Anschluss- und inhaltlicher Kontaktpunkte denken. Wichtig für die eigene
Kursorganisation ist dabei aber, dass sich Lehrende und Studierende bewusst machen, dass
es auf newsactivist.com zu diesen beschrieben und auch teilweise nicht abgesprochenen
Kommunikationen kommen kann. Gleichzeitig sollten bestimmte Verhaltensregeln, eine
Blognetiquette, diskutiert und von allen Teilnehmenden akzeptiert werden, um einen
respektvollen, konstruktiven Umgang miteinander zu pflegen.
4</p>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Fazit &amp; Ausblick</title>
      <p>Die Beschäftigung mit den vernetzten Weblogs auf newsactivist.com führte dazu, dass
die Studierenden kontinuierlich und das gesamte Semester hindurch Themen auf der
Plattform bearbeiteten. Grafik 1 zeigt, dass von Oktober bis April durchschnittlich ca.
610 Aufrufe des Seminarblogs auf newsactivist.com pro Monat erfolgten und jede/r
Studierende im Schnitt 2 bis drei Mal pro Woche am Blog arbeitete. Die Intensität der
Beteiligung und Auseinandersetzung mit dem Seminar ist damit als Erfolg zu werten,
zumal anderweitige Kollaborationen in sozialen Netzwerken, per Videokonferenz oder
Mail, überhaupt nicht erfasst wurden.</p>
      <p>Aufgrund der technischen Beschaffenheit der Blogplattform beziehungsweise den
Möglichkeiten verschiedenste Nutzeraktivitäten deskriptiv auszuwerten, würde es sich für
zukünftige Szenarien anbieten, Komponenten der Learning Analytics, deren Einsatz aus
hochschuldidaktischer Perspektive u.a. auf der GML2 Tagung6 oder der DeLFI Tagung
2014 intensiv diskutiert wurden, systematischer als hier geschehen als didaktisches
Mittel zu berücksichtigen. Das könnte bspw. die Erhebung einzelner Aufrufe bestimmter
Artikel betreffen, um im Seminar über deren Relevanz und Spezifika zu diskutieren oder
auch auf die komplette Verweildauer auf newsactivist.com zielen, um mehr darüber zu
erfahren, mit welchen dort geposteten Inhalten sich die Studierenden, über den Radius
des eigenen Seminars hinaus, auseinander setzen.</p>
      <p>Die Evaluation des Seminars an der 24 der 34 Potsdamer Studierenden teilgenommen
haben und die am Seminarende erfolgte, ergab darüber hinaus, dass 85% der
Studierenden mit dem Seminarkonzept völlig zufrieden waren. Die Teilnehmer/innen lobten vor
allem die internationale, interdisziplinäre (Online-)Kollaboration wie auch den großen
Anteil selbstständigen, eigenverantwortlichen Arbeitens. Eine Teilnehmerin bemerkt
dazu: „Die experimentale Art und Weise der Lehrveranstaltung war sehr erfrischend
verglichen mit anderen Lehrveranstaltungen, die sonst angeboten werden. Die Tatsache,
dass die Veranstaltung auf Englisch war und der interkulturelle Kurs war eine super
Erfahrung“ (sic). Ein/e andere Teilnehmer/in hebt „kulturelle Unterschied und
wissenschaftliche Perspektive über das Thema“ (sic) als lernförderliche Aspekte hervor. Eine
dritte Teilnehmerin lobt, „es war toll so viele Menschen aus verschiedene Länder zu
treffen – schließlich auch aus Deutschland, wie ein Paradox“ (sic), womit sie darauf
aufmerksam macht, dass im Verlauf des Seminars, aufgrund der unterschiedlich
gelagerten Perspektivenverschränkungen, jeder einmal aus der Sicht des „Anderen“ als
„international“ betrachtet wird.
6 http://www.gml-2014.de/_beitraege/salden.html</p>
      <p>Verschieden, verstreut, vernetzt - Onlinekurs Zusammenarbeit im</p>
      <p>Gesundheitswesen als Beispiel für standortübergreifendes Lernen 159
Eine hohe Themen-Motivation und aktive Beteiligung sind ebenso sehr positive
Merkmale des Seminarkonzepts, denn 62% der Teilnehmer/innen fühlen sich aufgrund der
Veranstaltung darin bestärkt, ihr Studium fortzusetzen. 84% empfanden die behandelten
Themen interessant und über die Hälfte der Studierenden (54%) beschäftigt sich aus
Spaß über die Veranstaltung hinaus mit diesem Themengebiet. 64% der
Teilnehmer/innen gaben an, sie hätten sich aktiv eingebracht. Bezogen auf die erwähnten
kulturellen Irritationen lässt sich festhalten, dass alle Studierenden (100%) ausgesagt haben,
im Seminar hätte ein respektvoller Umgang miteinander geherrscht.</p>
      <p>Insgesamt schätzen 93% der Teilnehmer/innen ihren Erkenntniszuwachs als sehr hoch
bzw. eher hoch ein. Weniger gut wurden die technische Auseinandersetzung mit Adobe
Connect sowie die temporär schwankende Qualität der Übertragungsleistungen innerhalb
der virtuellen Klassenräume durch fünf offenen Antworten bewertet, wenngleich beide
Aspekt nicht dazu geführt haben, dass der Kurs insgesamt negativ bewertet wurde.
Resümierend lässt sich festhalten, dass das hier vorgestellte Konzept als Blaupause für
andere Seminare fungieren kann und dazu einlädt, die Potentiale von newsactivist.com
als zentralem didaktischen Instrument weiter auszuloten. Lernräume werden durch den
Einsatz von networked Weblogs in zweierlei Hinsicht erweitert: einmal, indem
physische Distanzen virtuell überbückt werden und so eine Vielzahl von Personen in das
Seminargeschehen mit einbezogen werden (können), die sonst nur schwerlich erreichbar
wären. Und zum anderen, indem die eigene Lehrveranstaltung um disziplinäre,
interdisziplinäre oder kulturelle Komponenten erweitert werden kann, was ebenso zur
Erweiterung des lokalen Lehrangebots beiträgt. Dabei muss jedoch bedacht werden, dass der
organisatorische Aufwand für die Realisierung eines solchen Vorhabens, was
newsactivist.com betrifft, zwar relativ gering ist, der Gesamtaufwand, jedenfalls des präsentierten
Szenarios, jedoch ziemlich hoch ist. Sicher könnte die Bedienungsfreundlichkeit von
newsactivist.com noch erhöht werden, indem bspw. registrierte Bloger/innen per E-Mail
über virtuelle Kursaktivitäten benachrichtigt werden würden oder erweiterte
Möglichkeiten bestünden, Grafiken und andere Materialien in Blogposts einzubetten. Insgesamt hat
sich die genuin akademische kostenfreie non- profit-Blogplattform jedoch als sehr
motivierendes Werkzeug für Studierende und Lehrende gleichermaßen erwiesen.</p>
    </sec>
    <sec id="sec-5">
      <title>Literaturverzeichnis</title>
      <p>Brodowski, M., Devers-Kanoglu, U., Overwien, B., Rohs, M., Salinger, S. &amp; Walser, M. (Hrsg.)
(2009). Informelles Lernen und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung Beiträge aus
Theorie und Praxis. Leverkusen: Opladen.</p>
      <p>Flacks, G. &amp; Reid, L. (2014). NewsActivist.com: Reconsidering Community Engagement with</p>
      <p>Web 2.0. Proceedings of INTCESS14, 1519-1525.</p>
      <p>Flacks, G. &amp; Kaldor, E. (2015). Creating Interactive Audiences For Student Writers In Large</p>
      <p>Classes: Blogging On The Newsactivist Social Network. Educational Technology
Sys</p>
      <p>Alexander Knoth et al.</p>
    </sec>
  </body>
  <back>
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      <ref id="ref1">
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          <year>1988</year>
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          <article-title>Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung</article-title>
          . Campus: Frankfurt/New York.
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      </ref>
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          <year>2010</year>
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          . Baltmannsweiler:
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