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        <article-title>Instationäre Strömungssimulationen und Auswertung von Blutströmungen in zerebralen Aneurysmen mit Stent</article-title>
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          <string-name>Ph. Berg</string-name>
          <email>philipp.berg@st.ovgu.de</email>
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          <string-name>G. Janiga</string-name>
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          <string-name>D. Thévenin</string-name>
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          <label>0</label>
          <institution>Otto-von-Guericke-Universität, Institut für Strömungstechnik &amp; Thermodynamik</institution>
          ,
          <addr-line>Magdeburg</addr-line>
          ,
          <country country="DE">Deutschland</country>
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          <label>1</label>
          <institution>Schlüsselworte: Zerebrale Aneurysmen</institution>
          ,
          <addr-line>Stent, CFD, Hämodynamik</addr-line>
        </aff>
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      <pub-date>
        <year>2011</year>
      </pub-date>
      <fpage>91</fpage>
      <lpage>94</lpage>
      <abstract>
        <p>Tritt infolge von pathologischen Veränderungen der arteriellen Gefäßwände eine Ruptur von zerebralen Aneurysmen ein, schließt sich eine Hämorrhagie mit hoher Mortalitätsrate an. Deshalb kommen bei der Behandlung oftmals Stents zum Einsatz, die die Strömungsgeschwindigkeiten im Aneurysma reduzieren und die resultierenden Wandschubspannungen unter einen kritischen Wert senken. Im Rahmen dieser Arbeit wird mit Hilfe von instationären Simulationen die Hauptblutstromänderung durch die Implantation von zwei Stent-Geometrien in je zwei Gefäßpositionierungen untersucht und mit der unbehandelten Variante verglichen. Die Auswertung mittels zeitabhängiger Kriterien zeigt, dass durch die richtige Wahl der Stent-Geometrie und -Position eine Reduzierung der Einströmung in das Aneurysma um das Vierfache gelingt. Gleichzeit ergibt sich ein signifikanter Abbau des Spannungszustands an der von einer Ruptur bedrohten Gefäßwand des Aneurysmahalses.</p>
      </abstract>
    </article-meta>
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    <sec id="sec-1">
      <title>Problem</title>
      <p>Ziel dieser Arbeit ist die Implementierung einer realitätsnahen instationären Einströmrandbedingung [6], um im
Anschluss den Einfluss der Platzierung verschiedener Stent-Arten auf das Strömungsverhalten in einem sakkulären
Aneurysma zu untersuchen. Die Auswertung erfolgt dabei mithilfe von Kriterien, die mögliche Rückschlüsse auf
Rupturrisiken liefern und Aussagen über die unterschiedlichen Stent-Varianten zulassen.
2</p>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>Methoden</title>
      <p>Die Grundlage der durchgeführten Strömungssimulationen bildet eine im Rahmen der VISC Challenge 2010 [7]
erzeugte patientenspezifische Geometrie, wobei zunächst mit Hilfe der digitalen Subtraktionsangiographie rohe
Aufnahme gewonnen und diese anschließend mit verschiedenen Segmentierungsalgorithmen zu einem 3D-Modell
rekonstruiert wurden (siehe Abbildung 1-links). Es kommen zwei Typen von Stents zum Einsatz, die sich hinsichtlich
ihrer Porosität unterscheiden (Neuroform – 84%, SILK – 60%). Außerdem werden jeweils zwei Positionierungen im
Gefäßsystem untersucht, sodass sich mit der unbehandelten Variante fünf Modelle ergeben [8].</p>
      <p>Die räumliche Diskretisierung erfolgte aufgrund der hohen Komplexität der Geometrie jeweils durch die Generierung
von unstrukturierten Gittern mit Tetraeder-Elementen, die sich durch eine besondere Flexibilität auszeichnen. Dabei
wurde auf eine hohe Auflösung der Stent-Geometrien Wert gelegt, weshalb Elementanzahlen zwischen 2,3 und 13,5
Mio. resultieren. Abb. 1 deutet beispielhaft die Vernetzungen für die Stents Neuroform (mitte) und SILK (rechts) an.
Abb. 1: Patientenspezifische Geometrie mit bezeichneten Gefäßarmen (links), Numerisches Oberflächennetz: Stent
Neuroform (mitte), Stent SILK (rechts)
Die Simulationen wurden mit dem „open-source“ Softwarepaket OpenFOAM® durchgeführt, wobei für alle
Rechnungen unter stationären Annahmen der simpleFoam-Solver und im zeitabhängigen Fall der modifizierte
nonNewtonianIcoFoam-Solver zum Einsatz kam. Aufgrund der hohen Elementanzahl erfolgte im Voraus eine
Dekomposition des Lösungsgebietes und anschließend die Nutzung des Clusters Kármán der
Otto-von-GuerickeUniversität Magdeburg, der über 544 Prozessoren, circa 1,1 TB Arbeitsspeicher und ein InfiniBand-Netzwerk verfügt.
Als Einlassrandbedingung findet das zeit- und ortsabhängige Womersley-Geschwindigkeitsprofil Anwendung, das als
analytische Lösung eine gute Übereinstimmung zu messtechnisch ermittelten Daten aufweist und den pulsatilen
Charakter des Blutflusses berücksichtigt [9]. Das eingeleitete Geschwindigkeitsfeld setzt sich somit aus einem
stationären und einem oszillierenden Anteil zusammen. An allen Gefäßwänden wird die Haftrandbedingung definiert
und zusätzlich ein starres Verhalten angenommen. Den Strömungsauslässen wird jeweils ein konstanter Druck
zugewiesen. Für das betrachtete Medium Blut erfolgt die Annahme einer inkompressiblen (ρ = 1055 kg/m³), isothermen
Flüssigkeit, die aufgrund der Suspension aus Blutplasma und zellulären Bestandteilen nicht-newtonsche Eigenschaften
besitzt. Die Abhängigkeit der Viskosität von der Scherrate wird dabei durch das Carreau-Yasuda-Modell beschrieben,
dessen Parameter experimentell im Rheologielabor ermittelt wurden (η∞ = 4,265 · 10-3 Pa·s) [10].
Für die Auswertung der parallelen Simulationen wurden Kriterien implementiert, die sich auf der Grundlage der
resultierenden Geschwindigkeitsfelder ergeben und deren Berechnung automatisch mit Hilfe eines Skripts erfolgt. Dabei
werden die Ergebnisse des dritten Herzzyklus verwendet. Das Verhältnis des Aneurymavolumens Va und des in das
Aneurysma eintretenden Volumenstroms Qin, der sich über die Eintrittsfläche Ain bestimmen lässt, liefert die
TurnoverTime (TOT). Der Inflow Concentration Index (ICI) berücksichtigt zusätzlich den Volumenstrom am Einströmrand des
Gesamtmodells und ergibt sich aus dem Quotienten der Verhältnisse von Qin zu Qinlet und Ain zu Ao, wobei Ao den Fläche
des Ostiums (Gesamteintrittsfläche) [11] darstellt. Um die auftretenden Wandschubspannungen und deren Gradienten
bei instationärem Strömungsverhalten zu betrachten, werden diese über einen kompletten Herzzyklus zeitlich gemittelt
und als Averaged Wall Shear Stress (AWSS) bzw. Averaged Wall Shear Stress Gradient (AWSSG) zusammengefasst.
Abschließend gibt der Oscillatory Shear Index (OSI) Auskunft über die zeitliche Änderung der Wandschubspannungen
[12].
3</p>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Ergebnisse</title>
      <p>Anhand der eingeführten Kriterien TOT und ICI kann gezeigt werden, dass sich für alle behandelten Varianten eine
Reduzierung des in das Aneurysma eintretenden Volumenstroms und somit eine Verbesserung gegenüber der
unbehandelten einstellt. Dabei erfolgt zunächst eine Prüfung der Stromlinien, um qualitative Eindrücke zu gewinnen, die
wie in Abbildung 2 dargestellt, quantitativ belegt werden können. Die TOT steigt bei der Verwendung des Stent-Typs
Neuroform um circa 10-15%, wobei diese aufgrund des konstanten Aneurysmavolumens ausschließlich durch Qin
reziprok bestimmt wird. Der Einfluss der unterschiedlichen Positionierungen kann dabei vernachlässigt werden. Die
Varianten SILK weisen eine deutlichere Steigerung auf. Hier werden die höchsten Werte allerdings in der Position AD
(siehe Abb.1 für die Gefäßnummerierung) erreicht, die eine Senkung der Einströmung auf etwa 25% des Referenzstroms
zeigen. Der gleiche Effekt wird mit Hilfe des ICI nachgewiesen, der ebenfalls die Konfiguration „SILK AD“ als
optimale Behandlungsmethode einstuft.</p>
      <p>Abb. 2: Darstellung der TOT (links) und des ICI (rechts) für alle simulierten Konfigurationen während eines
vollständigen Herzzyklus
Bei der Betrachtung der über einen Herzzyklus gemittelten Wandschubspannungen treten hohe Werte hauptsächlich an
plötzlichen Gefäßverjüngungen und starken Richtungsänderungen in der Geometrie auf. Folglich stellt sich ein erhöhter
Spannungszustand am Aneurysmahals ein, wobei in diesem Bereich die Gefahr einer auftretenden Ruptur besteht und
die Senkung desgleichen eine zusätzliche Zielstellung bildet. Mit dem Einsatz der betrachteten Stent-Varianten gelingt
ein Abbau dieses Zustands in verschiedenem Maße. Die Stents des Typs Neuroform zeigen in beiden Positionen eine
geringfügige Verbesserung. Lediglich bei der Konfiguration „SILK AD“ ergibt sich ein nahezu vollständig
scherspannungsfreies Ostiumgebiet (siehe Abbildung 3). Die Auswertung der zeitlich gemittelten
Wandschubspannungsgradienten bestätigt die bisherigen Aussagen, da die erhöhten Werte des unbehandelten Modells
ebenfalls signifikant reduziert werden. Zusätzlich werden Gebiete mit starken örtlichen Änderungen der
Wandschubspannungen, ausgedrückt über den zeitabhängigen OSI, nahezu vollständig kompensiert, wodurch eine
niedrige Belastung der inneren Gefäßwände aufkommt.</p>
      <p>Abb. 3: Vergleich der zeitlich gemittelten Wandschubspannungen bei der unbehandelten Variante (links) und der
optimalen Stent-Konfiguration „SILK AD“ (rechts)
Aufgrund nicht zur Verfügung stehender Messwerte, die eine Validierung der durchgeführten Simulation ermöglichen
würden, erfolgt ein Vergleich zu bereits am Lehrstuhl vorhandener Berechnungen. Diese wurden unter der Annahme
eines stationären Strömungsverhaltens mit dem kommerziellen Simulationspaket ANSYS FLUENT® generiert. Bei der
Betrachtung der Geschwindigkeitsverläufe, der Wandschubspannungen und der TOT zeigt sich eine gute
Übereinstimmung, wodurch sich OpenFOAM® als mindestens gleichwertiger Ersatz qualifiziert.
4</p>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Diskussion</title>
      <p>Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass instationäre Strömungssimulationen in zerebralen Aneurysmen mit
Hilfe des „open source“ Pakets OpenFOAM® realisierbar sind und ein anschließender Vergleich der verschiedenen
Stent-Konfigurationen gelingt. Dabei hat sowohl die richtige Wahl des Stent-Typs als auch der Stentposition einen
deutlichen Einfluss auf die positive Beeinflussung der Hämodynamik. Für die in dieser Arbeit untersuchte
patientenspezifische Geometrie stellt nach der Auswertung der implementierten Kriterien die Variante „SILK AD“ die
optimale Behandlungsmethode dar. Wird sich lediglich auf die Erzeugung der Turnover-Time oder des Inflow
Concentration Index fokussiert, genügen stationäre Simulationen mit entsprechend maximaler Haupteinströmung. Für
die Betrachtung des zeitlichen Verlaufs der Wandschubspannungen und deren Gradienten sind instationäre
Berechnungen notwendig. Die dabei verwendeten nicht-kommerziellen Softwarepakete OpenFOAM® und ParaView
zeichnen sich durch eine freie Erweiterbarkeit aus. Somit ist die Möglichkeit gegeben, untersuchungsspezifische
Änderungen beliebig zu implementieren, wodurch dem Anwender eine hohe Flexibilität geboten wird.
Für weiterführende Untersuchungen des Strömungsverhaltens in Aneurysmen ist es notwendig, eine signifikante
Erhöhung der Simulationsanzahl zu generieren. Durch die Betrachtungen vieler verschiedener Patientengeometrien
könnten dabei rupturfördernde Ursachen identifiziert werden. Ein wichtiger Aspekt ist die Reduzierung der
Simulationszeit bei instationärem Strömungsverhalten, wobei diese hauptsächlich durch die Elementqualität und -anzahl
bei der räumlichen Diskretisierung bestimmt wird. Außerdem sollte eine kontinuierliche Verbesserung der
implementierten Ein- und Ausströmrandbedingungen erfolgen, um das physikalische Verhalten zunehmend realistischer
abzubilden. Hier könnten beispielsweise 4D-Geschwindigkeitsmessungen durch den Einsatz von 7 Tesla
Magnetresonanztomographen Verwendung finden und Massenströme in Abhängigkeit der Austrittsquerschnittsflächen
definiert werden.
5</p>
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