=Paper= {{Paper |id=Vol-1669/WS2_3_087_Paper |storemode=property |title=Internationalisierung durch Forschendes Lernen im Q-Kolleg im Vergleich zu zwei anderen transnationalen Lehrveranstaltungskonzeptionen. |pdfUrl=https://ceur-ws.org/Vol-1669/WS2_3_087_Paper.pdf |volume=Vol-1669 |authors=Johannes Moes,Johannes Siemens |dblpUrl=https://dblp.org/rec/conf/delfi/MoesS16 }} ==Internationalisierung durch Forschendes Lernen im Q-Kolleg im Vergleich zu zwei anderen transnationalen Lehrveranstaltungskonzeptionen.== https://ceur-ws.org/Vol-1669/WS2_3_087_Paper.pdf
                                    Raphael Zender (Hrsg.): Proceedings of DeLFI Workshops 2016
         co-located with 14th e-Learning Conference of the German Computer Society (DeLFI 2016)
                                                        Potsdam, Germany, September 11, 2016 79

Internationalisierung durch Forschendes Lernen im
Q-Kolleg im Vergleich zu zwei anderen transnationalen
Lehrveranstaltungskonzeptionen

Johannes Moes1 und Johannes Siemens1



Abstract: Das bologna.lab der Humboldt-Universität zu Berlin experimentiert seit 2012 mit Q-Kol-
legs, d.h. Lehrveranstaltungen, die Freiräume für selbstbestimmtes, Forschendes Lernen in Verbin-
dung mit internationalem Austausch schaffen sollen. Die meist zweisemestrigen Q-Kollegs bestehen
aus jeweils etwa sechs Studierenden an einem Institut der HU und einer internationalen Partneruni-
versität. Zwischen zwei Kurzzeit-Mobilitäten (Begegnungsreise / abschließende studentische Kon-
ferenz an der HU) entfaltet sich eine intensive, transnationale Forschungszusammenarbeit, gestützt
auf digitale Werkzeuge. Dieses Konzept von internationalem, forschendem Lernen soll zwei Lehr-
konzepten gegenübergestellt werden, die entweder mit wöchentlichen forschungsorientierten trans-
nationalen Workshops mehrerer Partnerinstitutionen oder mit einem gemeinsamen Abschluss-
workshop nach parallelen internationalen Forschungsseminaren in Partneruniversitäten realisiert
wurden. Die drei Konzeptionen fördern im unterschiedlichen Maße die forschende Interaktion der
Studierenden, und nutzen tatsächliche und virtuelle Mobilität differenziert. Inwieweit sie Vorbilder
für eine Internationalisierung auf der Ebene von Lehrveranstaltungen sein können, soll diskutiert
werden.
Keywords: Internationalisierung, digitale Kommunikation, Videokonferenzen, Transnationale
Lehrveranstaltung, Mobilität, virtuelle Mobilität.



1        Einleitung
Um neue und innovative Lehrformen im Bachelor und Master-Studium zu fördern, hat die
Humboldt-Universität zu Berlin (HU) ein breitgefächertes Programm aufgelegt: Das so-
genannte ‘Q-Programm’ wird gefördert im „Qualitätspakt Lehre“ des Bundesministeriums
für Bildung und Forschung (BMBF) und seit 2012 vom zu diesem Zweck an der HU ein-
gerichteten bologna.lab umgesetzt. Der Buchstabe Q im Titel des Programms spielt auf
vier Kernziele für die Teilnehmer_innen an:
•         to question - eigene Fragen zu entwickeln.
•         to query - scheinbare Selbstverständlichkeiten anzuzweifeln



1
    bologna.lab / International Office - Internationale Lehrentwicklung, Humboldt-Universität zu Berlin, Unter
    den Linden 6, 10099 Berlin, Germany, Johannes.Moes@hu-berlin.de, Johannes.Siemens@hu-berlin.de
80   Johannes Moes und Johannes Siemens

•     to quest - eigene Lösungen zu suchen
•     qualification - Wissen und Fähigkeiten und Kompetenzen zu erwerben
Durch Forschendes Lernen sollen die Studierenden bereits ab dem Bachelorstudium an
die Forschung der Universität und an eine forschende Denkweise herangeführt werden
[RGD16]. Die Studierenden lernen, wissenschaftliche Fragen zu formulieren, ein entspre-
chendes Forschungsdesign zu entwickeln und dieses methodisch fundiert anzuwenden.
Das Q-Programm besteht aus vier Kerninitiativen, die durch eine formative Evaluierung
begleitet und auf Effekte bei den individuellen Lernenden analysiert werden. Forschen-
dem Lernen wird in der Regel ein Strauß an positiven Effekten auf Studierende zuge-
schrieben [BJ12, SHL04], aber es gibt nur wenige empirische Studien in Bezug zu indivi-
duellen Effekten [DGR14]. Q-Kollegs bilden unter diesen Kerninitiativen diejenige Ver-
anstaltungsform, die das Forschende Lernen mit Internationalisierung verbindet. Es han-
delt sich dementsprechend um internationale Forschungsgruppen aus Studierenden der
HU und einer Partneruniversität im Ausland, die als forschungsorientierte Lehrveranstal-
tung innerhalb eines Themenrahmens selbstständig ein Projekt durchführen. Ein Q-Kolleg
läuft über ein oder zwei Semester und besteht aus insgesamt jeweils etwa sechs Studieren-
den pro Institut (‚Fellows‘), die sich bei persönlichen Besuchen und auf digitalem Weg
wissenschaftlich austauschen. Am Ende der Kollegzeit steht eine studentische Konferenz
an der HU oder eine andere Form der Präsentation oder Publikation. Q-Kollegs bieten den
Studierenden die Möglichkeit, bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihres Studiums eigene
Forschungsideen zu entwerfen und umzusetzen. Gleichzeitig eröffnen sich durch die Zu-
sammenarbeit mit der internationalen Partnereinrichtung erste interkulturelle Kontakte mit
Studierenden in einem anderen Land und die Gelegenheit zur intellektuellen Auseinan-
dersetzung mit einer anderen Fach-, Lern- und Diskussionskultur [DGR14, MRS16]. Kon-
kret zu nennen ist z.B. das Q-Kolleg zu bildwissenschaftlichen Methoden in der Klassi-
schen Archäologie, das seit 2012 wiederkehrend zwischen der HU und der Universität
Nottingham veranstaltet wird.
Die meisten der genannten Aspekte kann man auch bei den Lehrkonzepten der Veran-
staltungen ‚ShanghAI Lecture‘ und ‚Teaching the Crisis‘ finden, aber sie weisen ein un-
terschiedliches Maß an forschender Interaktion und Begegnung der Studierenden auf.
Die ShanghAI Lecture (http://shanghailectures.org) findet seit vielen Jahren als wöchent-
licher virtueller Workshop von über zehn Partnerinstituten statt. Eine Videokonferenz
wird mit Adobe Connect gekoppelt, um Präsentationen zu teilen und einen guten Ton ge-
währleisten zu können, sowie im Hintergrund die Veranstaltung verwalten zu können. Der
Workshop wird gleichzeitig live auch gesendet (Streaming). Aufzeichnungen sind nach
wenigen Tagen auf der offenen Webseite eingestellt, die auch über ein zusätzliches Repo-
sitorium für umfangreiche Dateien verfügt. Die ShanghAI Lecture ist ein Lehrexperiment,
das durch mehrere Evaluationen und Studierendenbefragungen wissenschaftlich begleitet
wurde [LHZ12, HF12, RH10].
Die beiden internationalen Parallel-Seminare Teaching the crisis und Expanding the mar-
gins: Migration, Mobilities, Borders wurden in Form von parallelen Seminaren an einer
                                         Internationalisierung durch Forschendes Lernen   81

Gruppe von Universitäten u.a. in Finnland, Griechenland, Türkei, Italien, Spanien,
Schweiz mit einem Thema (Krise oder Migration) und mit einer an allen Universitäten
einheitlichen Forschungsrichtschnur für die studentischen Projektteams vor Ort durchge-
führt (http://teachingthecrisis.net, http://www.expandingthemargins.net). Diese Seminare
mündeten jeweils in einem Workshop in Berlin (1-2 Wochen), bei dem die meisten Do-
zierenden und ausgewählte studentische Teilnehmer_innen mit ihren Präsentationen aus
den studentischen Projekten zum Austausch zusammenkamen. Die Studierenden bekamen
Zeit, die Kritik an den Beiträgen auf diesem Workshop einzuarbeiten, und am Ende stand
jeweils eine Publikation der Projektwerke auf den Webseiten.


2    Didaktische Aspekte der Internationalisierung in den Lehrveran-
     staltungskonzepten
Alle Lehrveranstaltungskonzepte richten sich an das gleiche Klientel fortgeschrittener
Studierender, und alle wollen forschungsorientiert Lehre in einem internationalen Kon-
text gestalten. Sie koppeln die Intention des forschungsorientierten Lernens mit einer In-
ternationalisierungserfahrung konzeptuell sehr unterschiedlich. Dies lässt sich an sechs
Aspekten zeigen, die die jeweiligen didaktischen Konzepte der Veranstaltungen auszeich-
nen (vgl. Tab. 1):
1.    Forschungsvermittlung: Die gewählte Form der Vermittlung eines Forschungspro-
      zesses ähnelt sich bei den Q-Kollegs und den internationalen Forschungsseminaren.
      In beiden werden die Studierenden zur Durchführung eines eigenen kleinen For-
      schungsprojektes angeregt; es handelt sich also um forschendes Lernen im engeren
      Sinn. Eine frontale, eher klassische Vermittlung von Inhalten bezieht sich eher auf
      die Forschungsmethodik und liegt in beiden Veranstaltungen am Anfang, die we-
      sentliche Vermittlung erfolgt durch eine Reflexion der eigenen Forschungserfah-
      rungen. Die ShanghAI Lectures dagegen vermitteln durch Präsentationen aus lau-
      fenden Forschungsprojekten den Beteiligten einen Eindruck von der Forschung bei
      den internationalen Partnern. Dadurch, dass die Teilnehmer_innen gewöhnlich vor
      Ort selbst in Forschungsprojekte involviert sind, ist es trotzdem ein Austausch unter
      Forschenden, der als motivierend und inspirierend empfunden wird.
2.    Studentische Kommunikation: Die internationale Kooperation der Studierenden ist
      bei den Q-Kollegs am intensivsten, bzw. zeitlich am längsten ausgeprägt, weil für
      gewöhnlich standortübergreifende Forschungsteams zusammengestellt werden. Da-
      gegen bleibt in den beiden anderen Formaten die Kooperation auf den Standort be-
      schränkt: in den ShanghAI Lectures sind es wie dargestellt laufende größere For-
      schungsprojekte, von denen nur kleiner Teilprobleme in den Übungen aufgegriffen
      werden können. Aus dem Netzwerk heraus kann es dann zu stand-ortübergreifende
      Teams, Forschungsaufenthalten, Laborrotation etc. kommen, dies ist aber nicht in-
      tegriertes Ziel. Bei den internationalen Forschungsseminaren sind es die lokalen
82   Johannes Moes und Johannes Siemens

      Studierendengruppen, die parallel ihre Projekte vorantreiben, während der Aus-
      tausch auf den gemeinsamen Workshops am Ende fokussiert wird. Entsprechend
      liegt die Intensität des internationalen Austausches anders gelagert.
3.    Einblick in andere Institute: Wenn Internationalisierung der Wissenschaft sich auch
      auf die anlassbezogene Erfahrung unterschiedlicher Wissenschaftskulturen bezieht,
      dann erfolgt auch diese in den drei Konzepten auf je unterschiedliche Weise. Im Q-
      Kolleg vermittelt sich dieser Unterschied in der konkreten internationalen Zusam-
      menarbeit der Studierenden. Bei den ShanghAI Lectures werden regelmäßig die be-
      teiligten Institute den Partnern kurz vorgestellt, ein näherer Einblick kann sich in
      den begleitenden Übungen durch standortübergreifende Kooperationen ergeben.
      Bei den internationalen Forschungsseminaren ist der Einblick in andere Wissen-
      schaftskulturen auf den informellen Austausch in den abschließenden Workshops
      in Berlin beschränkt.
4.    Co-Teaching: Die Zusammenarbeit der Dozent_innen gestaltet sich in der Folge der
      Strukturunterschiede ebenfalls spezifisch, sind aber für alle Dozierenden eine Inter-
      nationalisierungserfahrung, da sie alle Co-Teaching von Dozierenden aus zwei bzw.
      mehreren akademischen Kulturen bedeuten und in jedem Fall eine bewusste Ausei-
      nandersetzung mit Studierenden aus anderen Kulturen bedingen [CW12, Ho13,
      Sm014]. Zunächst ist der Größenunterschied auffällig: in den Q-Kollegs geht es
      grundsätzlich basierend auf For-schungskontakten um zwei involvierte Lehrende
      bzw. Standorte. Die internationalen Forschungsseminare bauen auf einem entspre-
      chenden (europaweiten) thematisch breiten Netzwerk auf, während sich die Shang-
      hAI Lectures auf einen eher eng abgrenzbares thematisches Feld beziehen, in dem
      sich die Akteure weltweit überwiegend kennen. In der Folge kann der Austausch
      über didaktische Aspekte bei den Q-Kollegs leichter adressiert werden, aber in den
      größeren Dozieren-den-Gruppen ist die Vielfalt zu betonen. Schon die Paarung
      zweier Dozent_innen für das Co-Teaching in einer Lehrveranstaltung, die beide aus
      unterschiedlichen Lernkulturen kommen, kann allerdings erhellend wirken [LP09].
5.    Internationale Real-Life-Begegnung: Eine solche ist in der ShanghAI Lecture in der
      Veranstaltung nicht vorgesehen, das Konzept ist also völlig auf die digitale Ebene
      angewiesen, soweit Internationalisierungsziele betroffen sind. Die internationale
      Begegnung steht bei den beiden anderen Lehrformen mehr im Vordergrund, ist aber
      in den Q-Kollegs durch meist zwei Begegnungen (am Anfang beim Partner, am
      Ende an der HU) als intensiver wahrgenommen, da die real-life Teambildung die
      digitale Kommunkation im Nachgang erleichtert.
6.    Publikation: Gemeinsame, d.h. internationale Publikationen machen einen wichti-
      gen Aspekt der Internationalisierung aus. In den ShanghAI Lectures sind nicht Pub-
      likationen sondern problem-orientierter gemeinsamer Programmiercode konzeptu-
      elles Ziel der Veranstaltung. Die Forschungsseminare dokumentieren die studenti-
      schen Forschungsergebnisse bisher auf entsprechenden eigenen Webseiten. In den
      Q-Kollegs resultiert die gemeinsame Forschungskooperation der Studierenden, ab-
                                            Internationalisierung durch Forschendes Lernen      83

      hängig von ihrer Motivation, zum Teil in gemeinsamen Publikationen, die zumin-
      dest über die eDOC-Server der beteiligten Institutionen verbreitet werden.


              Q-Kolleg                    ShanghAI Lecture             Internat.  parallele
                                                                       Forschungsseminare
 Grundidee
 Konzept      International gemeinsa-     Wöchentliche Workshops Internationale parallele
              mes Forschendes Lernen      mit ca. je 4 Vorträgen und studentische Forschung
              an zwei Universitäten       anschließender     Diskus- an mehreren Universitä-
              über ca. 1 Jahr             sion.                      ten, die in einem gemein-
                                          In begleitende Übungen ar- samen Workshop mit ei-
                                          beiten Studierende zusam- ner Auswahl der Studie-
                                          men an Problemen.          renden mündet.
 Didaktische Aspekte
 Vermittlung Einführungen ins Thema       Überwiegend        Vorträge, Anfängliche Einführun-
             und Methodik, danach         aber variabel mit dem Stil gen ins Thema und Me-
             selbstständiges Forschen     der unterschiedlichen Vor- thodik, danach selbst-
                                          tragenden,     problem-ba- ständiges Forschen
                                          sierte Übungen
 Stud. Kom- Intensiv und stetig zwi-      Bedingt in den Übungen Fokussiert auf den Ab-
 munikation schen int. Studierenden                                     schluss-Workshop
 Einblick in Informell bei den Kurz-      Regelmäßig Kurzpräsenta- Informell beim Ab-
 andere      zeitvisiten                  tionen der beteiligten Insti- schluss-Workshop
 Institute                                tutionen
 Co-teaching Zwei        Lehrveranstal-   >10 Lehrveranstalter_in- >10 Lehrveranstalter_in-
             ter_innen                    nen plus ca. 10 Gastvortra- nen
                                          gende
  Int. Real- Als kurzzeitige Begeg-       -                             Als Abschlusskonferenz
  Life-Begeg- nungsreise zum Partner                                    mitausgewählten Teil-
  nung         und als studentische Ab-                                 nehmer_innen, auf der
               schluss-Konferenz mit                                    studentische Papiere prä-
               aller Teilnehmer_innen                                   sentiert werden.
  Publikation Als eDOC-Publikation        -                             Als Webseiten-Beiträge
               der Papiere von der Ab-                                  der Papiere von der Ab-
               schluss-Konferenz (er-                                   schluss-Konferenz.
               wünscht)
Tab.1: Gegenüberstellung der wesentlichen organisatorischen und didaktischen Elemente in den drei
forschungs-orientierten Lehrkonzeptionen Q-Kolleg, ShanghAI Lecture und Internationale parallele
Forschungsseminare.
84   Johannes Moes und Johannes Siemens



              Q-Kolleg                     ShanghAI Lecture           Internat.  parallele
                                                                      Forschungsseminare
 Nutzung digitaler Werkzeuge
 Videokon- Als Meilenstein-Konfe-          Als Workshop-Konferen- -
 ferenzen  renzen, um den For-             zen kombiniert mit Web-
           schungsfortschritt zu be-       konferenzen            und
           sprechen                        Streaming
 Web-Kon- Zur Zwischenabsprache            Parallel zu Videokonferen- Nur sporadisch für Do-
 ferenzen  und um die Gruppenar-           zen, um den besten Aus- zierende
           beit zu fördern                 tausch zu gewährleisten
 CMS (HU) Moodle, Medien-Reposi-           Ersetzt durch Webseite und Nur Moodle für das Pa-
           torium, und Mahara je           Dienste der Partnerinstitu- rallel-Seminar an der HU
           nach Bedarf genutzt.            tion (Repositorium)         verwendet
 Stud. Ko- Studentische internatio-        In der begl. Übung Nut- Nur lokale, evtl. auch
 operation nale Vernetzung per             zung der Simulationssoft- medienvermittelte Ko-
           Mail, chat, facebook etc.       ware Cyberbotics Webots, operation der Studieren-
                                           dort optionale internatio- den.
                                           nale Kooperation.
 Organisatorische Aspekte
 Teilneh-     Max. 2 Institutionen         Max. 17 Institutionen ca. 10 Institutionen
 mer_innen    Anzahl ca. 12                Anzahl (gesamt inkl. Anzahl (gesamt) >200
                                           Streaming) >300       Workshop ca. 20-30
 Größe        Nicht skalierbar             Skalierbar            Bedingt skalierbar
 Semester-    Zeitabgleich nötig, aber     Zeitabgleich nötig    Zeitabgleich entfällt
 abgleich     wegen offener Struktur
              einfach
 Kosten       Mittel für Kurzzeitmobi-     Keine für Mobilität      Mittel für Kurzzeitmobi-
              lität aller Teilnehmer_in-                            lität von Dozent_innen
              nen                                                   und ausgewählter Teil-
                                                                    nehmer_innen.
Tab.1 (Fortsetzung): Gegenüberstellung der wesentlichen organisatorischen und didaktischen
Elemente in den drei forschungs-orientierten Lehrkonzeptionen Q-Kolleg, ShanghAI Lecture und
Internationale parallele Forschungsseminare.



3    Digitale Lehrwerkzeuge in den drei Lehrveranstaltungskonzepten
Durch die internationale Kooperation bekommt die digitale Kommunikation in allen drei
Konzepten einen hohen Stellenwert, sie findet allerdings jeweils verschiedene Ausprägun-
gen. Maßgeblich gestalten kann ein_e Dozent_in digitale Kommunikation nur, wenn sie
im Seminar stattfindet, wie z.B. in Form von Adobe Connect basierten Web-konferenzen.
Das entspricht der Situation eines traditionellen Seminars, denn Arbeitsgruppen von Stu-
dierenden in jeder Form, die außerhalb des Seminars stattfinden, entgingen schon immer
der Ausgestaltung durch die Dozent_innen. Nur die Produkte in Form von Hausarbeiten
oder Präsentationen u.a. sind im Seminar sichtbar. Lediglich bei den ShanghAI Lectures,
                                         Internationalisierung durch Forschendes Lernen   85

in denen eine übergreifende Zusammenarbeit der Studierenden optional ist, ist eine engere
Begleitung einer entsprechenden Übung durch Tutor_innen vorgesehen. Hier wird eine
eigene Lernsoftware (Cyberbotics Webots) eingesetzt. Die ungefähren Abläufe und
Rhythmen des Einsatzes digitaler Werkzeige veranschaulichen die Visualisierungen in
Abb. 1, in denen die Zeiten und der Wechsels zwischen gemeinsamen Videokonferenzen,
der Arbeit in Kleingruppen und der Bedeutung von In-Real-Life-Treffen der Beteiligten
skizziert werden.
Der Computer und Medien Service (CMS) der HU setzt in der digital unterstützten Lehre
auf Webkonferenzen (Adobe Connect), die von jedem Computer aus mit dem eigenen
Login betrieben werden können, und Videokonferenzen (H.323 Standard) in speziell aus-
gestatteten Räumen, die vom CMS betreut werden. In den Q-Kollegs werden regelmäßige
gemeinsame Videokonferenzen als Meilensteine der Zusammenarbeit organisiert, die das
zeitliche Gerüst der Forschung in den studentischen Teams vorgeben. Webkonferenzen
haben gegenüber den Videokonferenzen den Vorteil, wesentlich leichter und auch für Un-
tergruppen sowie außerhalb der Servicezeiten des CMS aufgesetzt werden zu können.
Letzteres ist teilweise durch die Zeitverschiebung zu Partneruniversitäten in Asien oder
Amerika nötig. In der regelmäßigen ShanghAI Lecture werden die Vorträge sowohl zeit-
gleich gestreamt als auch online für den späteren Abruf zur Verfügung gestellt. Durch die
Option der individualisierten Rezeption ist die Anzahl der Teilnehmer_innen deutlich grö-
ßer als die Präsenz-Gruppe, aber die Gruppe ist damit auch weniger greifbar. In den inter-
nationalen Forschungsseminaren beschränkt sich die grenzübergreifende digitale Koope-
ration im Verlauf meist auf höchstens eine einleitende Videokonferenz, im Vordergrund
der übergreifenden Zusammenarbeit steht die nicht-medienvermittelte Abschlusskonfe-
renz an der HU.
Für eine standortübergreifende studentische Forschungskooperation, wie sie bei den dar-
gestellten Konzepten von den Q-Kollegs intensiv angestrebt wird, sind gemeinsam nutz-
bare Plattformen vor allem für das Teilen und gemeinsame Bearbeiten von Forschungsda-
ten wichtig. Mit dem Lernmanagementsystem Moodle, dem Medien-Repositorium (ba-
siert auf ResourceSpace) und dem ePortfolio-System Mahara unterstützt der Computer
und Medien Service (CMS) Lehrveranstaltungen. Während Moodle kursorientiert ange-
legt ist, sind die beiden anderen Systeme relativ offen und erlauben auch die einfache
Gestaltung von Webseiten. Die drei Systeme ergänzen sich daher gut. Alle Lehrveranstal-
ter_innen können diese Systeme der HU nutzen und sie sind auch extern zugänglich, so
dass alle Partnerinstitutionen mit diesen Werkzeugen arbeiten könnten. Die Verschrän-
kung dieser elektronischen Plattformen ist bislang in den bisherigen Q-Kollegs, abhängig
vom Bedarf, umgesetzt worden. Das internationale Parallel-Seminar braucht die Dienste
konzeptionell bedingt kaum, während die ShanghAI Lecture die Dienste des schweizeri-
schen Partners nutzt. Bei internationaler Zusammenarbeit sind öfter Entscheidungen zwi-
schen verschiedenen Systeme nötig, da in den unterschiedlichen Regionen verschiedene
und oft nicht kompatible Systeme genutzt werden. Webseiten als gemeinsame Plattformen
transnationaler Lehrveranstaltungen erscheinen dabei häufiger bevorzugt. Sie sind einfach
und frei gestaltbar, und sie können durch unterschiedliche Universitätssysteme unterstützt
werden.
86   Johannes Moes und Johannes Siemens




Abb. 1: Visualisierung der drei Lehrveranstaltungskonzeptionen. Für das Q-Kolleg ist der aufgrund
der Semesterzeiten etablierte Zeitplan zwischen British-deutschen Q-Kollegs angegeben, wo die
Kurzzeit-Mobilitäten im Feb/März und September liegen. Die beiden anderen Lehrveranstaltungen
finden in einem Semester statt, das aber je nach Partner zeitlich differiert.
                                         Internationalisierung durch Forschendes Lernen   87

4    Fazit
Alle drei hier verglichenen Konzeptionen können auf Fach- bzw. Institutsebene als Kom-
plement in die Vor- und Nachbereitung anderer Internationalisierungsmaßnahmen einge-
gliedert werden. Unterhalb der oft hohen Schwelle längerer studienbezogener Auslands-
aufenthalte bieten diese Lehrveranstaltungen eine Gelegenheit zur Internationalisa-
tion@Home, die entweder eine Alternative zur längeren Mobilität oder auch einen Anreiz
für diese liefern. Sie bieten gestaltbare Optionen in einem Curriculum, die nur geringe
Mittel brauchen, mit denen für Studierende frühe, studien-interne, wettbewerbliche An-
reize gesetzt werden können, und mit denen das Lehrpersonal interkulturell weitergebildet
werden kann [Fr13].
Eine Analyse von Soria und Trosi [ST13] legt nahe, dass die Einbettung der Lehrveran-
staltungen in das Curriculum und begleitenden On-Campus-Aktivitäten wesentlich für die
Internationalisierungseffekte sind. In der Untersuchung über neun US-amerikanischen
Universitäten fassen Soria und Trosi [ST13] zusammen, dass On-Campus-Aktivitäten wie
die Teilnahme an globalen/internationalen Kursen, co-curricularen Aktivitäten sowie In-
teraktionen mit internationalen Studierenden eine bessere Wirkung in Bezug auf globale,
internationale und interkulturelle Kompetenzen haben können als Auslandsaufenthalte.
Keines der didaktischen Konzepte ist strikt gebunden an ein Thema, aber bestimmte The-
men, bestimmte Studierendentypen und auch bestimmte Lehrveranstaltertypen mögen mit
diesen Herangehensweisen jeweils besser bedient sein. Inwieweit die Ziele, das studenti-
sche Forschungsinteresse zu steigern und die Internationalisierung zu fördern, mit einer
der Konzeptionen besser oder schlechter erreicht werden, kann bisher auf Grund mangeln-
der empirischer Daten nicht bestimmt werden.
Erste Ergebnisse aus der Begleitforschung des Q-Programms verweisen auf die Bedeu-
tung von selbstständiger Bearbeitung von Forschungsliteratur, Gestaltung des For-
schungsdesign und Durchführung von empirischer Forschung als wesentliche Faktoren,
um das Forschungsinteresse der Studierenden zu steigern [DGR14]. Das Q-Kolleg imple-
mentiert diese Elemente stärker, und die Gestaltung durch die Studierenden ist selbststän-
diger als in den beiden anderen Lehrkonzepten. Gleichzeitig bieten die Hilfestellungen in
der ShanghAI Lecture und dem Parallel-Seminar bessere Gewähr, um die Herausforde-
rungen meistern zu können und Frustrationen abzumildern. Da Universitäten reale Mobi-
lität nur begrenzt fördern können, versprechen transnationalen Lehrveranstaltungen mit
digitalen Werkzeugen für virtuelle Mobilität eine leichter finanzierbare und leichter ska-
lierbare Teilnahme von mehr Studierenden. Lehrkonzepte, die auf reale Begegnung zwi-
schen internationalen Studierenden bauen, bedingen zwangsläufig eine eingeschränkte
Skalierbarkeit in Bezug auf Partnerinstitutionen und Teilnehmerzahlen, aber bergen eben
auch die Chance auf intensive internationaler Begegnung.
Die Auswirkungen der Digitalisierung in der Lehre auf die Lehrformen, die Vielfalt von
Lehrformen und die Erfolgsbewertungskriterien insbesondere für Internationalisierung
sind bisher kaum ausgelotete Fragenkomplexe. Die Projektgruppe Virtuelle Bildung des
88   Johannes Moes und Johannes Siemens

DAAD hat viele Aspekte mit einer überwiegend optimistischen Perspektive zusammen-
getragen [De14]. Der empirische Vergleich von Lehrformaten mit virtuellen (digitalen)
Begegnungen und Lehrformaten mit realen Begegnungen und Mischformen der Begeg-
nungen steht aus. Die HU hat mit den drei hier verglichenen Lehrkonzepten die Option,
erste empirische Daten zu Lehr- und Lernerfolgen durch begleitende Forschung zu erar-
beiten. Da die HU zudem große in- und outgoing Mobilitätsquoten in bestimmten Fächern
aufweist, kann sie solche Lehrexperimente nach weiteren Kriterien anlegen und auswer-
ten.
Es erscheint unmöglich, dass ein einheitliches Lehrformat für alle Fächer, alle Studiensi-
tuationen, alle Studierendengruppen und Dozierenden(-gruppen) die optimale Lösung dar-
stellt. Jeder Versuch einer größeren Hochschule, eine solche Einheitlichkeit zu schaffen,
wäre also zum Scheitern verurteilt. Eine Differenzierung nach Fächern, Studienphase und
stärker wissensvermittelnder oder forschungsorientierter Lehre erscheint zwangsläufig.
Die drei hier verglichenen Lehrkonzepte fallen in diese Kategorie von Vorbildern und
Musterbeispielen, die in unterschiedlichem Maße digitale Werkzeuge und forschendes
Lernen nutzen und in die Lehrveranstaltung als essentielle Elemente einbinden. Zentrale
Einrichtungen einer Universität wie an der HU das CMS oder das bologna.lab können
dabei sinnvoll die Rahmenbedingungen mitgestalten.


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