Raphael Zender (Hrsg.): Proceedings of DeLFI Workshops 2016 co-located with 14th e-Learning Conference of the German Computer Society (DeLFI 2016) Potsdam, Germany, September 11, 2016 79 Internationalisierung durch Forschendes Lernen im Q-Kolleg im Vergleich zu zwei anderen transnationalen Lehrveranstaltungskonzeptionen Johannes Moes1 und Johannes Siemens1 Abstract: Das bologna.lab der Humboldt-Universität zu Berlin experimentiert seit 2012 mit Q-Kol- legs, d.h. Lehrveranstaltungen, die Freiräume für selbstbestimmtes, Forschendes Lernen in Verbin- dung mit internationalem Austausch schaffen sollen. Die meist zweisemestrigen Q-Kollegs bestehen aus jeweils etwa sechs Studierenden an einem Institut der HU und einer internationalen Partneruni- versität. Zwischen zwei Kurzzeit-Mobilitäten (Begegnungsreise / abschließende studentische Kon- ferenz an der HU) entfaltet sich eine intensive, transnationale Forschungszusammenarbeit, gestützt auf digitale Werkzeuge. Dieses Konzept von internationalem, forschendem Lernen soll zwei Lehr- konzepten gegenübergestellt werden, die entweder mit wöchentlichen forschungsorientierten trans- nationalen Workshops mehrerer Partnerinstitutionen oder mit einem gemeinsamen Abschluss- workshop nach parallelen internationalen Forschungsseminaren in Partneruniversitäten realisiert wurden. Die drei Konzeptionen fördern im unterschiedlichen Maße die forschende Interaktion der Studierenden, und nutzen tatsächliche und virtuelle Mobilität differenziert. Inwieweit sie Vorbilder für eine Internationalisierung auf der Ebene von Lehrveranstaltungen sein können, soll diskutiert werden. Keywords: Internationalisierung, digitale Kommunikation, Videokonferenzen, Transnationale Lehrveranstaltung, Mobilität, virtuelle Mobilität. 1 Einleitung Um neue und innovative Lehrformen im Bachelor und Master-Studium zu fördern, hat die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) ein breitgefächertes Programm aufgelegt: Das so- genannte ‘Q-Programm’ wird gefördert im „Qualitätspakt Lehre“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und seit 2012 vom zu diesem Zweck an der HU ein- gerichteten bologna.lab umgesetzt. Der Buchstabe Q im Titel des Programms spielt auf vier Kernziele für die Teilnehmer_innen an: • to question - eigene Fragen zu entwickeln. • to query - scheinbare Selbstverständlichkeiten anzuzweifeln 1 bologna.lab / International Office - Internationale Lehrentwicklung, Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, Germany, Johannes.Moes@hu-berlin.de, Johannes.Siemens@hu-berlin.de 80 Johannes Moes und Johannes Siemens • to quest - eigene Lösungen zu suchen • qualification - Wissen und Fähigkeiten und Kompetenzen zu erwerben Durch Forschendes Lernen sollen die Studierenden bereits ab dem Bachelorstudium an die Forschung der Universität und an eine forschende Denkweise herangeführt werden [RGD16]. Die Studierenden lernen, wissenschaftliche Fragen zu formulieren, ein entspre- chendes Forschungsdesign zu entwickeln und dieses methodisch fundiert anzuwenden. Das Q-Programm besteht aus vier Kerninitiativen, die durch eine formative Evaluierung begleitet und auf Effekte bei den individuellen Lernenden analysiert werden. Forschen- dem Lernen wird in der Regel ein Strauß an positiven Effekten auf Studierende zuge- schrieben [BJ12, SHL04], aber es gibt nur wenige empirische Studien in Bezug zu indivi- duellen Effekten [DGR14]. Q-Kollegs bilden unter diesen Kerninitiativen diejenige Ver- anstaltungsform, die das Forschende Lernen mit Internationalisierung verbindet. Es han- delt sich dementsprechend um internationale Forschungsgruppen aus Studierenden der HU und einer Partneruniversität im Ausland, die als forschungsorientierte Lehrveranstal- tung innerhalb eines Themenrahmens selbstständig ein Projekt durchführen. Ein Q-Kolleg läuft über ein oder zwei Semester und besteht aus insgesamt jeweils etwa sechs Studieren- den pro Institut (‚Fellows‘), die sich bei persönlichen Besuchen und auf digitalem Weg wissenschaftlich austauschen. Am Ende der Kollegzeit steht eine studentische Konferenz an der HU oder eine andere Form der Präsentation oder Publikation. Q-Kollegs bieten den Studierenden die Möglichkeit, bereits zu einem frühen Zeitpunkt ihres Studiums eigene Forschungsideen zu entwerfen und umzusetzen. Gleichzeitig eröffnen sich durch die Zu- sammenarbeit mit der internationalen Partnereinrichtung erste interkulturelle Kontakte mit Studierenden in einem anderen Land und die Gelegenheit zur intellektuellen Auseinan- dersetzung mit einer anderen Fach-, Lern- und Diskussionskultur [DGR14, MRS16]. Kon- kret zu nennen ist z.B. das Q-Kolleg zu bildwissenschaftlichen Methoden in der Klassi- schen Archäologie, das seit 2012 wiederkehrend zwischen der HU und der Universität Nottingham veranstaltet wird. Die meisten der genannten Aspekte kann man auch bei den Lehrkonzepten der Veran- staltungen ‚ShanghAI Lecture‘ und ‚Teaching the Crisis‘ finden, aber sie weisen ein un- terschiedliches Maß an forschender Interaktion und Begegnung der Studierenden auf. Die ShanghAI Lecture (http://shanghailectures.org) findet seit vielen Jahren als wöchent- licher virtueller Workshop von über zehn Partnerinstituten statt. Eine Videokonferenz wird mit Adobe Connect gekoppelt, um Präsentationen zu teilen und einen guten Ton ge- währleisten zu können, sowie im Hintergrund die Veranstaltung verwalten zu können. Der Workshop wird gleichzeitig live auch gesendet (Streaming). Aufzeichnungen sind nach wenigen Tagen auf der offenen Webseite eingestellt, die auch über ein zusätzliches Repo- sitorium für umfangreiche Dateien verfügt. Die ShanghAI Lecture ist ein Lehrexperiment, das durch mehrere Evaluationen und Studierendenbefragungen wissenschaftlich begleitet wurde [LHZ12, HF12, RH10]. Die beiden internationalen Parallel-Seminare Teaching the crisis und Expanding the mar- gins: Migration, Mobilities, Borders wurden in Form von parallelen Seminaren an einer Internationalisierung durch Forschendes Lernen 81 Gruppe von Universitäten u.a. in Finnland, Griechenland, Türkei, Italien, Spanien, Schweiz mit einem Thema (Krise oder Migration) und mit einer an allen Universitäten einheitlichen Forschungsrichtschnur für die studentischen Projektteams vor Ort durchge- führt (http://teachingthecrisis.net, http://www.expandingthemargins.net). Diese Seminare mündeten jeweils in einem Workshop in Berlin (1-2 Wochen), bei dem die meisten Do- zierenden und ausgewählte studentische Teilnehmer_innen mit ihren Präsentationen aus den studentischen Projekten zum Austausch zusammenkamen. Die Studierenden bekamen Zeit, die Kritik an den Beiträgen auf diesem Workshop einzuarbeiten, und am Ende stand jeweils eine Publikation der Projektwerke auf den Webseiten. 2 Didaktische Aspekte der Internationalisierung in den Lehrveran- staltungskonzepten Alle Lehrveranstaltungskonzepte richten sich an das gleiche Klientel fortgeschrittener Studierender, und alle wollen forschungsorientiert Lehre in einem internationalen Kon- text gestalten. Sie koppeln die Intention des forschungsorientierten Lernens mit einer In- ternationalisierungserfahrung konzeptuell sehr unterschiedlich. Dies lässt sich an sechs Aspekten zeigen, die die jeweiligen didaktischen Konzepte der Veranstaltungen auszeich- nen (vgl. Tab. 1): 1. Forschungsvermittlung: Die gewählte Form der Vermittlung eines Forschungspro- zesses ähnelt sich bei den Q-Kollegs und den internationalen Forschungsseminaren. In beiden werden die Studierenden zur Durchführung eines eigenen kleinen For- schungsprojektes angeregt; es handelt sich also um forschendes Lernen im engeren Sinn. Eine frontale, eher klassische Vermittlung von Inhalten bezieht sich eher auf die Forschungsmethodik und liegt in beiden Veranstaltungen am Anfang, die we- sentliche Vermittlung erfolgt durch eine Reflexion der eigenen Forschungserfah- rungen. Die ShanghAI Lectures dagegen vermitteln durch Präsentationen aus lau- fenden Forschungsprojekten den Beteiligten einen Eindruck von der Forschung bei den internationalen Partnern. Dadurch, dass die Teilnehmer_innen gewöhnlich vor Ort selbst in Forschungsprojekte involviert sind, ist es trotzdem ein Austausch unter Forschenden, der als motivierend und inspirierend empfunden wird. 2. Studentische Kommunikation: Die internationale Kooperation der Studierenden ist bei den Q-Kollegs am intensivsten, bzw. zeitlich am längsten ausgeprägt, weil für gewöhnlich standortübergreifende Forschungsteams zusammengestellt werden. Da- gegen bleibt in den beiden anderen Formaten die Kooperation auf den Standort be- schränkt: in den ShanghAI Lectures sind es wie dargestellt laufende größere For- schungsprojekte, von denen nur kleiner Teilprobleme in den Übungen aufgegriffen werden können. Aus dem Netzwerk heraus kann es dann zu stand-ortübergreifende Teams, Forschungsaufenthalten, Laborrotation etc. kommen, dies ist aber nicht in- tegriertes Ziel. Bei den internationalen Forschungsseminaren sind es die lokalen 82 Johannes Moes und Johannes Siemens Studierendengruppen, die parallel ihre Projekte vorantreiben, während der Aus- tausch auf den gemeinsamen Workshops am Ende fokussiert wird. Entsprechend liegt die Intensität des internationalen Austausches anders gelagert. 3. Einblick in andere Institute: Wenn Internationalisierung der Wissenschaft sich auch auf die anlassbezogene Erfahrung unterschiedlicher Wissenschaftskulturen bezieht, dann erfolgt auch diese in den drei Konzepten auf je unterschiedliche Weise. Im Q- Kolleg vermittelt sich dieser Unterschied in der konkreten internationalen Zusam- menarbeit der Studierenden. Bei den ShanghAI Lectures werden regelmäßig die be- teiligten Institute den Partnern kurz vorgestellt, ein näherer Einblick kann sich in den begleitenden Übungen durch standortübergreifende Kooperationen ergeben. Bei den internationalen Forschungsseminaren ist der Einblick in andere Wissen- schaftskulturen auf den informellen Austausch in den abschließenden Workshops in Berlin beschränkt. 4. Co-Teaching: Die Zusammenarbeit der Dozent_innen gestaltet sich in der Folge der Strukturunterschiede ebenfalls spezifisch, sind aber für alle Dozierenden eine Inter- nationalisierungserfahrung, da sie alle Co-Teaching von Dozierenden aus zwei bzw. mehreren akademischen Kulturen bedeuten und in jedem Fall eine bewusste Ausei- nandersetzung mit Studierenden aus anderen Kulturen bedingen [CW12, Ho13, Sm014]. Zunächst ist der Größenunterschied auffällig: in den Q-Kollegs geht es grundsätzlich basierend auf For-schungskontakten um zwei involvierte Lehrende bzw. Standorte. Die internationalen Forschungsseminare bauen auf einem entspre- chenden (europaweiten) thematisch breiten Netzwerk auf, während sich die Shang- hAI Lectures auf einen eher eng abgrenzbares thematisches Feld beziehen, in dem sich die Akteure weltweit überwiegend kennen. In der Folge kann der Austausch über didaktische Aspekte bei den Q-Kollegs leichter adressiert werden, aber in den größeren Dozieren-den-Gruppen ist die Vielfalt zu betonen. Schon die Paarung zweier Dozent_innen für das Co-Teaching in einer Lehrveranstaltung, die beide aus unterschiedlichen Lernkulturen kommen, kann allerdings erhellend wirken [LP09]. 5. Internationale Real-Life-Begegnung: Eine solche ist in der ShanghAI Lecture in der Veranstaltung nicht vorgesehen, das Konzept ist also völlig auf die digitale Ebene angewiesen, soweit Internationalisierungsziele betroffen sind. Die internationale Begegnung steht bei den beiden anderen Lehrformen mehr im Vordergrund, ist aber in den Q-Kollegs durch meist zwei Begegnungen (am Anfang beim Partner, am Ende an der HU) als intensiver wahrgenommen, da die real-life Teambildung die digitale Kommunkation im Nachgang erleichtert. 6. Publikation: Gemeinsame, d.h. internationale Publikationen machen einen wichti- gen Aspekt der Internationalisierung aus. In den ShanghAI Lectures sind nicht Pub- likationen sondern problem-orientierter gemeinsamer Programmiercode konzeptu- elles Ziel der Veranstaltung. Die Forschungsseminare dokumentieren die studenti- schen Forschungsergebnisse bisher auf entsprechenden eigenen Webseiten. In den Q-Kollegs resultiert die gemeinsame Forschungskooperation der Studierenden, ab- Internationalisierung durch Forschendes Lernen 83 hängig von ihrer Motivation, zum Teil in gemeinsamen Publikationen, die zumin- dest über die eDOC-Server der beteiligten Institutionen verbreitet werden. Q-Kolleg ShanghAI Lecture Internat. parallele Forschungsseminare Grundidee Konzept International gemeinsa- Wöchentliche Workshops Internationale parallele mes Forschendes Lernen mit ca. je 4 Vorträgen und studentische Forschung an zwei Universitäten anschließender Diskus- an mehreren Universitä- über ca. 1 Jahr sion. ten, die in einem gemein- In begleitende Übungen ar- samen Workshop mit ei- beiten Studierende zusam- ner Auswahl der Studie- men an Problemen. renden mündet. Didaktische Aspekte Vermittlung Einführungen ins Thema Überwiegend Vorträge, Anfängliche Einführun- und Methodik, danach aber variabel mit dem Stil gen ins Thema und Me- selbstständiges Forschen der unterschiedlichen Vor- thodik, danach selbst- tragenden, problem-ba- ständiges Forschen sierte Übungen Stud. Kom- Intensiv und stetig zwi- Bedingt in den Übungen Fokussiert auf den Ab- munikation schen int. Studierenden schluss-Workshop Einblick in Informell bei den Kurz- Regelmäßig Kurzpräsenta- Informell beim Ab- andere zeitvisiten tionen der beteiligten Insti- schluss-Workshop Institute tutionen Co-teaching Zwei Lehrveranstal- >10 Lehrveranstalter_in- >10 Lehrveranstalter_in- ter_innen nen plus ca. 10 Gastvortra- nen gende Int. Real- Als kurzzeitige Begeg- - Als Abschlusskonferenz Life-Begeg- nungsreise zum Partner mitausgewählten Teil- nung und als studentische Ab- nehmer_innen, auf der schluss-Konferenz mit studentische Papiere prä- aller Teilnehmer_innen sentiert werden. Publikation Als eDOC-Publikation - Als Webseiten-Beiträge der Papiere von der Ab- der Papiere von der Ab- schluss-Konferenz (er- schluss-Konferenz. wünscht) Tab.1: Gegenüberstellung der wesentlichen organisatorischen und didaktischen Elemente in den drei forschungs-orientierten Lehrkonzeptionen Q-Kolleg, ShanghAI Lecture und Internationale parallele Forschungsseminare. 84 Johannes Moes und Johannes Siemens Q-Kolleg ShanghAI Lecture Internat. parallele Forschungsseminare Nutzung digitaler Werkzeuge Videokon- Als Meilenstein-Konfe- Als Workshop-Konferen- - ferenzen renzen, um den For- zen kombiniert mit Web- schungsfortschritt zu be- konferenzen und sprechen Streaming Web-Kon- Zur Zwischenabsprache Parallel zu Videokonferen- Nur sporadisch für Do- ferenzen und um die Gruppenar- zen, um den besten Aus- zierende beit zu fördern tausch zu gewährleisten CMS (HU) Moodle, Medien-Reposi- Ersetzt durch Webseite und Nur Moodle für das Pa- torium, und Mahara je Dienste der Partnerinstitu- rallel-Seminar an der HU nach Bedarf genutzt. tion (Repositorium) verwendet Stud. Ko- Studentische internatio- In der begl. Übung Nut- Nur lokale, evtl. auch operation nale Vernetzung per zung der Simulationssoft- medienvermittelte Ko- Mail, chat, facebook etc. ware Cyberbotics Webots, operation der Studieren- dort optionale internatio- den. nale Kooperation. Organisatorische Aspekte Teilneh- Max. 2 Institutionen Max. 17 Institutionen ca. 10 Institutionen mer_innen Anzahl ca. 12 Anzahl (gesamt inkl. Anzahl (gesamt) >200 Streaming) >300 Workshop ca. 20-30 Größe Nicht skalierbar Skalierbar Bedingt skalierbar Semester- Zeitabgleich nötig, aber Zeitabgleich nötig Zeitabgleich entfällt abgleich wegen offener Struktur einfach Kosten Mittel für Kurzzeitmobi- Keine für Mobilität Mittel für Kurzzeitmobi- lität aller Teilnehmer_in- lität von Dozent_innen nen und ausgewählter Teil- nehmer_innen. Tab.1 (Fortsetzung): Gegenüberstellung der wesentlichen organisatorischen und didaktischen Elemente in den drei forschungs-orientierten Lehrkonzeptionen Q-Kolleg, ShanghAI Lecture und Internationale parallele Forschungsseminare. 3 Digitale Lehrwerkzeuge in den drei Lehrveranstaltungskonzepten Durch die internationale Kooperation bekommt die digitale Kommunikation in allen drei Konzepten einen hohen Stellenwert, sie findet allerdings jeweils verschiedene Ausprägun- gen. Maßgeblich gestalten kann ein_e Dozent_in digitale Kommunikation nur, wenn sie im Seminar stattfindet, wie z.B. in Form von Adobe Connect basierten Web-konferenzen. Das entspricht der Situation eines traditionellen Seminars, denn Arbeitsgruppen von Stu- dierenden in jeder Form, die außerhalb des Seminars stattfinden, entgingen schon immer der Ausgestaltung durch die Dozent_innen. Nur die Produkte in Form von Hausarbeiten oder Präsentationen u.a. sind im Seminar sichtbar. Lediglich bei den ShanghAI Lectures, Internationalisierung durch Forschendes Lernen 85 in denen eine übergreifende Zusammenarbeit der Studierenden optional ist, ist eine engere Begleitung einer entsprechenden Übung durch Tutor_innen vorgesehen. Hier wird eine eigene Lernsoftware (Cyberbotics Webots) eingesetzt. Die ungefähren Abläufe und Rhythmen des Einsatzes digitaler Werkzeige veranschaulichen die Visualisierungen in Abb. 1, in denen die Zeiten und der Wechsels zwischen gemeinsamen Videokonferenzen, der Arbeit in Kleingruppen und der Bedeutung von In-Real-Life-Treffen der Beteiligten skizziert werden. Der Computer und Medien Service (CMS) der HU setzt in der digital unterstützten Lehre auf Webkonferenzen (Adobe Connect), die von jedem Computer aus mit dem eigenen Login betrieben werden können, und Videokonferenzen (H.323 Standard) in speziell aus- gestatteten Räumen, die vom CMS betreut werden. In den Q-Kollegs werden regelmäßige gemeinsame Videokonferenzen als Meilensteine der Zusammenarbeit organisiert, die das zeitliche Gerüst der Forschung in den studentischen Teams vorgeben. Webkonferenzen haben gegenüber den Videokonferenzen den Vorteil, wesentlich leichter und auch für Un- tergruppen sowie außerhalb der Servicezeiten des CMS aufgesetzt werden zu können. Letzteres ist teilweise durch die Zeitverschiebung zu Partneruniversitäten in Asien oder Amerika nötig. In der regelmäßigen ShanghAI Lecture werden die Vorträge sowohl zeit- gleich gestreamt als auch online für den späteren Abruf zur Verfügung gestellt. Durch die Option der individualisierten Rezeption ist die Anzahl der Teilnehmer_innen deutlich grö- ßer als die Präsenz-Gruppe, aber die Gruppe ist damit auch weniger greifbar. In den inter- nationalen Forschungsseminaren beschränkt sich die grenzübergreifende digitale Koope- ration im Verlauf meist auf höchstens eine einleitende Videokonferenz, im Vordergrund der übergreifenden Zusammenarbeit steht die nicht-medienvermittelte Abschlusskonfe- renz an der HU. Für eine standortübergreifende studentische Forschungskooperation, wie sie bei den dar- gestellten Konzepten von den Q-Kollegs intensiv angestrebt wird, sind gemeinsam nutz- bare Plattformen vor allem für das Teilen und gemeinsame Bearbeiten von Forschungsda- ten wichtig. Mit dem Lernmanagementsystem Moodle, dem Medien-Repositorium (ba- siert auf ResourceSpace) und dem ePortfolio-System Mahara unterstützt der Computer und Medien Service (CMS) Lehrveranstaltungen. Während Moodle kursorientiert ange- legt ist, sind die beiden anderen Systeme relativ offen und erlauben auch die einfache Gestaltung von Webseiten. Die drei Systeme ergänzen sich daher gut. Alle Lehrveranstal- ter_innen können diese Systeme der HU nutzen und sie sind auch extern zugänglich, so dass alle Partnerinstitutionen mit diesen Werkzeugen arbeiten könnten. Die Verschrän- kung dieser elektronischen Plattformen ist bislang in den bisherigen Q-Kollegs, abhängig vom Bedarf, umgesetzt worden. Das internationale Parallel-Seminar braucht die Dienste konzeptionell bedingt kaum, während die ShanghAI Lecture die Dienste des schweizeri- schen Partners nutzt. Bei internationaler Zusammenarbeit sind öfter Entscheidungen zwi- schen verschiedenen Systeme nötig, da in den unterschiedlichen Regionen verschiedene und oft nicht kompatible Systeme genutzt werden. Webseiten als gemeinsame Plattformen transnationaler Lehrveranstaltungen erscheinen dabei häufiger bevorzugt. Sie sind einfach und frei gestaltbar, und sie können durch unterschiedliche Universitätssysteme unterstützt werden. 86 Johannes Moes und Johannes Siemens Abb. 1: Visualisierung der drei Lehrveranstaltungskonzeptionen. Für das Q-Kolleg ist der aufgrund der Semesterzeiten etablierte Zeitplan zwischen British-deutschen Q-Kollegs angegeben, wo die Kurzzeit-Mobilitäten im Feb/März und September liegen. Die beiden anderen Lehrveranstaltungen finden in einem Semester statt, das aber je nach Partner zeitlich differiert. Internationalisierung durch Forschendes Lernen 87 4 Fazit Alle drei hier verglichenen Konzeptionen können auf Fach- bzw. Institutsebene als Kom- plement in die Vor- und Nachbereitung anderer Internationalisierungsmaßnahmen einge- gliedert werden. Unterhalb der oft hohen Schwelle längerer studienbezogener Auslands- aufenthalte bieten diese Lehrveranstaltungen eine Gelegenheit zur Internationalisa- tion@Home, die entweder eine Alternative zur längeren Mobilität oder auch einen Anreiz für diese liefern. Sie bieten gestaltbare Optionen in einem Curriculum, die nur geringe Mittel brauchen, mit denen für Studierende frühe, studien-interne, wettbewerbliche An- reize gesetzt werden können, und mit denen das Lehrpersonal interkulturell weitergebildet werden kann [Fr13]. Eine Analyse von Soria und Trosi [ST13] legt nahe, dass die Einbettung der Lehrveran- staltungen in das Curriculum und begleitenden On-Campus-Aktivitäten wesentlich für die Internationalisierungseffekte sind. In der Untersuchung über neun US-amerikanischen Universitäten fassen Soria und Trosi [ST13] zusammen, dass On-Campus-Aktivitäten wie die Teilnahme an globalen/internationalen Kursen, co-curricularen Aktivitäten sowie In- teraktionen mit internationalen Studierenden eine bessere Wirkung in Bezug auf globale, internationale und interkulturelle Kompetenzen haben können als Auslandsaufenthalte. Keines der didaktischen Konzepte ist strikt gebunden an ein Thema, aber bestimmte The- men, bestimmte Studierendentypen und auch bestimmte Lehrveranstaltertypen mögen mit diesen Herangehensweisen jeweils besser bedient sein. Inwieweit die Ziele, das studenti- sche Forschungsinteresse zu steigern und die Internationalisierung zu fördern, mit einer der Konzeptionen besser oder schlechter erreicht werden, kann bisher auf Grund mangeln- der empirischer Daten nicht bestimmt werden. Erste Ergebnisse aus der Begleitforschung des Q-Programms verweisen auf die Bedeu- tung von selbstständiger Bearbeitung von Forschungsliteratur, Gestaltung des For- schungsdesign und Durchführung von empirischer Forschung als wesentliche Faktoren, um das Forschungsinteresse der Studierenden zu steigern [DGR14]. Das Q-Kolleg imple- mentiert diese Elemente stärker, und die Gestaltung durch die Studierenden ist selbststän- diger als in den beiden anderen Lehrkonzepten. Gleichzeitig bieten die Hilfestellungen in der ShanghAI Lecture und dem Parallel-Seminar bessere Gewähr, um die Herausforde- rungen meistern zu können und Frustrationen abzumildern. Da Universitäten reale Mobi- lität nur begrenzt fördern können, versprechen transnationalen Lehrveranstaltungen mit digitalen Werkzeugen für virtuelle Mobilität eine leichter finanzierbare und leichter ska- lierbare Teilnahme von mehr Studierenden. Lehrkonzepte, die auf reale Begegnung zwi- schen internationalen Studierenden bauen, bedingen zwangsläufig eine eingeschränkte Skalierbarkeit in Bezug auf Partnerinstitutionen und Teilnehmerzahlen, aber bergen eben auch die Chance auf intensive internationaler Begegnung. Die Auswirkungen der Digitalisierung in der Lehre auf die Lehrformen, die Vielfalt von Lehrformen und die Erfolgsbewertungskriterien insbesondere für Internationalisierung sind bisher kaum ausgelotete Fragenkomplexe. Die Projektgruppe Virtuelle Bildung des 88 Johannes Moes und Johannes Siemens DAAD hat viele Aspekte mit einer überwiegend optimistischen Perspektive zusammen- getragen [De14]. Der empirische Vergleich von Lehrformaten mit virtuellen (digitalen) Begegnungen und Lehrformaten mit realen Begegnungen und Mischformen der Begeg- nungen steht aus. Die HU hat mit den drei hier verglichenen Lehrkonzepten die Option, erste empirische Daten zu Lehr- und Lernerfolgen durch begleitende Forschung zu erar- beiten. Da die HU zudem große in- und outgoing Mobilitätsquoten in bestimmten Fächern aufweist, kann sie solche Lehrexperimente nach weiteren Kriterien anlegen und auswer- ten. Es erscheint unmöglich, dass ein einheitliches Lehrformat für alle Fächer, alle Studiensi- tuationen, alle Studierendengruppen und Dozierenden(-gruppen) die optimale Lösung dar- stellt. Jeder Versuch einer größeren Hochschule, eine solche Einheitlichkeit zu schaffen, wäre also zum Scheitern verurteilt. Eine Differenzierung nach Fächern, Studienphase und stärker wissensvermittelnder oder forschungsorientierter Lehre erscheint zwangsläufig. Die drei hier verglichenen Lehrkonzepte fallen in diese Kategorie von Vorbildern und Musterbeispielen, die in unterschiedlichem Maße digitale Werkzeuge und forschendes Lernen nutzen und in die Lehrveranstaltung als essentielle Elemente einbinden. Zentrale Einrichtungen einer Universität wie an der HU das CMS oder das bologna.lab können dabei sinnvoll die Rahmenbedingungen mitgestalten. 5 Literaturverzeichnis [BJ12] Brew, A. und E. Jewell: Enhancing Quality Learning Through Experiences of Research- Based Learning: Implications for Academic Development. International Journal for Ac- ademic Development 17(1), 47-58, 2012 [CW12] Carolan, L. und L. Wang: Reflections on a transnational peer review of teaching. Elt Journal 66(1), 71-80, 2012 [De14] Deutscher Akademischer Austausch Dienst e.V. (DAAD) (Hrsg.): Die Internationalisie- rung der deutschen Hochschule im Zeichen virtueller Lehr- und Lernszenarien, Biele- feld, 2014 [DGR14] Deicke, W., C. Gess und J. Rueß: Increasing Student's Research Interest through Re- search-Based Learning at Humboldt-University. Council on Undergraduate Research Quarterly, 35(1), 27-33, 2014. 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