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|title=Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien(Gender-appropriate Research Design for Digital Media)
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==Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien(Gender-appropriate Research Design for Digital Media)==
Gendergerechtes Forschungsdesign
für Digitale Medien
Dorothea Erharter
ZIMD
Zentrum für Interaktion, Medien & soziale Diversität
Wien
d.e@zimd.at
Abstract—The use of digital media is one of the core themes of wichtigsten Elemente gendergerechten Forschungsdesigns für
gender-relevant technological research. The development of digitale Medien zusammengefasst und mit Beispielen belegt.
innovative media is always research at the interface with humans.
However, although the skills of the target groups may not be
more different in media usage, there are often blind spots in
II. THEMATISCHE EINGRENZUNG
media development, and the requirements of the target groups In welchen Projekten sollen Gender-Aspekte berücksichtigt
are not consistently well met. Based on best practice projects, the werden, und was kann es dort bringen? Diese Frage ist
authors explain how the inclusion of gender in research design zunächst für alle Projekte zu stellen.
can close such gaps and make better use of potentials.
A. Gender-Relevanz
Zusammenfassung—Die Nutzung digitaler Medien ist eines
der Kernthemen genderrelevanter technologischer Forschung. Der Begriff der Gender-Relevanz wurde 2006 von Bührer
Entwicklung innovativer Medien ist immer auch Forschung an & Schraudner eingeführt. Als genderrelevant gelten
der Schnittstelle zum Menschen. Doch obwohl die Kompetenzen Forschungen und Produktentwicklungen prinzipiell an der
der Zielgruppen in der Mediennutzung unterschiedlicher nicht Schnittstelle zum Menschen, wobei hier sowohl körperliche als
sein könnten, gibt es in der Medienentwicklung häufig blinde auch soziokulturelle und Nutzungszusammenhänge
Flecken, und den Anforderungen der Zielgruppen wird nicht berücksichtigt werden sollen [2]. Für digitale Medien bedeutet
überall gleichbleibend gut entsprochen. Anhand von Best das, dass alle Projekte gender-relevant sind, die
Practise Projekten erläutert die Autorin, wie durch die Nutzungsschnittstellen haben. Nicht gender-relevant wären zum
Berücksichtigung von Gender im Forschungsdesign derartige Beispiel Untersuchungen, mit welchen Protokollen Daten
Gaps geschlossen und Potenziale besser genutzt werden können. einfacher oder schneller übertragen werden können, oder
welche Materialien sich als Leitersysteme besser eignen.
I. EINLEITUNG
B. Innovationspotential
Die Implementierung von Gender in Organisationen gilt als
Gradmesser für Innovationsfähigkeit [1]. Vielfach ist aus Dass die Berücksichtigung von Genderaspekten ein
diesem Grund die Berücksichtigung von Gender in technologisches Innovationspotenzial mit sich bringt, ist
technologischen Forschungsprojekten bereits eine Anforderung mittlerweile gut belegt. Gemäß Bührer und Schraudner [2]
und ein wichtiges Kriterium der Forschungsförderung, können dadurch neue Zielgruppen und
beispielsweise in allen Basisprogrammen der Österreichischen Nutzungszusammenhänge für technologische Produkte
Forschungsförderungsgesellschaft. erschlossen werden. Laut Schiebinger können Gender-Aspekte
Impulse für die Entwicklung neuer Produkte und
Als gender-relevant gilt jegliche Forschung an der Dienstleistungen liefern, die den Anforderungen komplexer
Schnittstelle zum Menschen [2]. Mediennutzung ist damit das NutzerInnengruppen gerecht werden und damit das
Kerngebiet genderrelevanter Projekte im IKT-Sektor und in menschliche Wohlbefinden einschließlich der Gleichstellung
allen technologischen Bereichen. Während im der Geschlechter fördern. Damit werde insgesamt die globale
biomedizinischen Sektor die Physis des Menschen im Zentrum Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit gefördert [3].
steht und damit biologische Unterschiede eine wichtige Rolle
spielen können, sind diese in der Mediennutzung Die Berücksichtigung von Gender-Aspekten in
vernachlässigbar. Ein auf geschlechtsspezifische Unterschiede Forschungsprojekten bringt nach Meinung der Autorin vor
fokussierendes Forschungsdesign birgt daher die Gefahr in allen Dingen eines: Die Öffnung der Projekte für
sich, Geschlechterstereotype zu verstärken. Um das zu unterschiedliche Sichtweisen. Denn ein gelungen angewendeter
vermeiden ist der Fokus auf Gender, also das soziokulturelle Gender-Fokus öffnet den Blick auch für weitere Diversity-
Geschlecht zu legen. Mit diesem Artikel werden auf Basis des Dimensionen und insgesamt für die Lebensrealitäten
Forschungsstands und der Erfahrungen der Autorin in unterschiedlicher Menschen, ohne dabei die Kategorie
informationstechnologischen Forschungsprojekten die „Gender“ aus den Augen zu verlieren oder zu verwässern.
29
Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien
Damit schleicht sich durch den Gender-Fokus ein sehr von Gender-Aspekten in Forschungs- und
menschzentrierter Ansatz in die Forschung ein, der zugleich Entwicklungsvorhaben entwickelt [9]. Der Leitfaden wurde
auch Fremd- und Selbstzuschreibungen im Blick hat, und die anhand einer Reihe von Fallbeispielen aus sehr
Konsequenzen, die sich daraus für das alltägliche Leben unterschiedlichen technologischen Richtungen überprüft und
ergeben. Vom reinen Human Centered Design unterscheidet für NaturwissenschaftlerInnen und TechnikerInnen
sich dieser Ansatz dadurch, dass die sehr wirkmächtige verständlich dargestellt [2]. Abweichend vom aktuellen Stand
Kategorie „Gender“ nie aus den Augen verloren wird. der Gender-Forschung wurde in den Beispielen des Leitfadens
das Gender-Konzept allerdings auf eine „strikt binäre Logik
Dass allein dadurch Innovationen gefördert werden, zeigen verengt“ [6]. Bei einer geringeren Überlebenschance von
mittlerweile zahlreiche Forschungsprojekte. Zwei Beispiele
Frauen im Fall eines Herzinfarkts ist diese biologisch-
seien hier genannt: Im Projekt Con Bioenergy wurde nach
dualistische Sichtweise sinnvoll. Es soll gemäß Leitfaden aber
Befragungen, Beobachtungen in Haushalten und auch nach unterschiedlichen Nutzungszusammenhängen von
Fehlersimulationen erkannt, dass es häufig Frauen sind, die im
Frauen und Männern oder deren unterschiedlichen
Fehlerfall an Heizthermen agieren. Es wurde ein Support-
Anforderungen an die Gestaltung gefragt werden, ohne dabei
Button an den Geräten eingeführt und Smartphones, Internet auf Lebensrealitäten zu fokussieren. Damit läuft der Leitfaden
und Tablet-PC werden seither zur Störungsbehebung
Gefahr „Geschlechterstereotype zu verstärken und die Vielfalt
verwendet. [4]. Es muss nicht extra betont werden, dass diese
der sozialen Welt nur ungenügend zu adressieren.“ [10]. Die
Funktionen allen NutzerInnen zu Gute kommen.
Gender-Studies setzen im Gegensatz dazu eine intersektionale
Im Projekt FEMroute sollte ein Fußgänger- Überlagerung verschiedener Faktoren voraus und fordern
Navigationssystem für Frauen geschaffen werden. Aus dem beispielsweise eine Berücksichtigung der Lebensrealitäten
zunächst rein geschlechtsspezifischen Ansatz wurde ein entlang physischer und soziokultureller
Projekt, das das Innovationspotenzial durch Genderfokus sehr Unterscheidungsmerkmale ein.
gut verdeutlicht. Ca. 20 gut ausgewählte Testpersonen (siehe I)
Mittlerweile ist das von Londa Schiebinger geleitete, an der
wurden entlang einer Testroute bei jeder Kreuzung gefragt, wo
University of Stanford initiierte, internationale Projekt
sie weitergehen würden und warum. Aus den vielfältigen Gendered Innovations ist das Leuchtturmprojekt zum Thema
Antworten entwickelte das Team Kategorien für Routen.
Gender in Forschungsvorhaben. Mehr als 60 ExpertInnen aus
Neben den üblichen Wahlmöglichkeiten „schnell“ und ganz Europa, den Vereinigten Staaten und Kanada erarbeiteten
„attraktiv“ konnten weitere wesentliche Routenarten von 2009 bis 2012 Materialien zur Integration von Gender-
identifiziert werden: „sicher“ und „komfortabel“ [5]. Aspekten in verschiedene naturwissenschaftliche und
technische Disziplinen.
III. FORSCHUNGSSTAND
Auf der Plattform http://genderedinnovations.stanford.edu
Im Gegensatz zu einem solch umfassenden Zugang wird – werden die in diesem Projekt erarbeiteten Methoden und
auch in Forschungsprojekten – häufig implizit ein engerer inhaltlichen Ergebnisse präsentiert und laufend ergänzt. Sie
Zugang gewählt, in dem die eigenen Bedürfnisse und bauen in grundlegenden Konzepten teilweise auf den
Anforderungen auf andere projiziert werden. Ergebnissen von Discover Gender auf und stehen im Web zur
Für diesen Sachverhalt wurde der Begriff I-Methodology freien Nutzung zur Verfügung [3]. Inzwischen wurde fast die
von Corinna Bath [6] im deutschen Sprachraum eingeführt: gesamte Plattform von der TU Wien unter der Leitung von B.
Technologische Entwicklungen in Europa werden von relativ Ratzer ins Deutsche übertragen und steht unter
homogenen Teams aus Männern mittleren Alters dominiert, www.geschlecht-und-innovation.at zur Verfügung.
was dazu führt, dass vor allem die Bedürfnisse und Die große Qualität der beiden Projekte Gendered
Anforderungen dieser Gruppe berücksichtigt werden und Innovations und Discover Gender liegt in einer Sammlung von
andere KundInnengruppen vernachlässigt werden [7]. Dies hat Leitfragen zur Reflexion der Forschungskultur, von Standards
ernste Konsequenzen: und Prämissen der jeweiligen Disziplin, zum Forschungsdesign
„It decreases the innovative power and inventiveness und zur sprachlichen und visuellen Repräsentation.
because of missing opponent, ambiguous or even conflicting Ein Vorgehensmodell, mit dem Gender- und Diversity-
viewpoints. It increases the pitfalls of „I-methodologies“ which Forschung für die Informatik nutzbar gemacht werden kann,
means that the producers‘ assumptions become more or less stellte die Hochschule Bremen mit GERD (Gender Extended
consciously the leading benchmarks for technological Research and Development) vor. Sie unterscheiden zwischen
developments instead of real users‘ needs and demands.“ [8] Kernprozessen, die an ein Wasserfallmodell angelehnt sind,
Mittlerweile gibt es zahlreiche Beispiele für Forschungs- und Reflexionsaspekten, die als Kontext in diese Kernprozesse
und Medienprojekte, in denen es gelungen ist, durch einen einfließen. Diese Reflexionsaspekte sind relativ allgemein
Gender-Fokus den Blick zu erweitern und damit auch formuliert und erfordern nach Angaben der
innovativere Ergebnisse zu erzielen. ProjektmitarbeiterInnen für die Anwendung zunächst Know-
How-Transfer [10].
Das Projekt Discover Gender, dessen Federführung beim
Fraunhofer Institut für Innovationsforschung lag, war der erste
IV. ZUSCHREIBUNGEN
Beitrag, Gender in Forschungsprojekten systematisiert
aufzubereiten. Es wurde ein Leitfaden zur Berücksichtigung Zuschreibungen begleiten – und erleichtern – das
menschliche Leben, sie sind „normal“. Es geht also nicht
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Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien
darum, Zuschreibungen zu verhindern oder auszulöschen, älteren Menschen verstanden und flüssig genutzt werden kann.
sondern darum, sie zu reflektieren und bewusst zu machen. Wird der Webshop dann gestaltet, ohne ältere Menschen
Denn unbewusste Zuschreibungen verstellen den Blick auf die einzubeziehen, wird er möglicherweise für diese Gruppe
tatsächlichen Bedürfnisse und Anforderungen. Neben wirklich schwerer zu verwenden sein, weil die Schrift vielleicht
Zuschreibungen, die auf I-Methodology [7] beruhen, sind zu klein ist, oder die Buttons schwer verständlich. Damit
Stereotypen und Vorurteile sowie Selbstzuschreibungen für werden ältere Menschen dann de facto als Zielgruppe
Forschungsprozesse relevant. ausgeschlossen und die Zuschreibung bestätigt sich. Bedenkt
man, dass die Altersgruppe 50 Plus in Österreich 44 % der
A. Stereotype und Vorurteile Kaufkraft besitzt, kann man den enormen Schaden ermessen,
Zuschreibungen über die Bedürfnisse und Anforderungen den solche Zuschreibungen auslösen. Und umgekehrt lässt sich
anderer an Produkte entstehen zum einen auf Basis dieser auch das Potenzial erkennen, das darin steckt, die eigenen
Projektionen, zum anderen durch stereotype Vorstellungen von Stereotypen - die wie gesagt jede/r hat - zu reflektieren und
Gruppen, also so genannte Stereotypen undVorurteile. damit in der Lage zu sein, Zielgruppen adäquat anzusprechen.
„Stereotypen dienen dazu, einen Gegenstand, eine Person Im Projekt G-U-T haben wir Leitfragen entwickelt, anhand
oder eine Gruppe zu charakterisieren. Ein Vorurteil ist ein derer eine produktspezifische Selbstreflexion durchgeführt
Urteil, das ohne vorherige Erfahrung über etwas gefällt wurde. werden kann. Dabei geht es neben der Reflexion von
Beide erfüllen für die Menschen die Funktion, Unsicherheit Stereotypen auch um die den Projekten zugrundeliegende
und Bedrohung psychisch abzuwehren. Sie dienen dazu, die Zielsetzung, die Zielgruppen, deren Bedürfnisse und
Welt überschaubar zu machen, Komplexität zu reduzieren. Sie Interessen, physiologische Unterschiede und
schaffen Sicherheit für das eigene Handeln.“ [11] Nutzungsszenarien etc. [12].
Das Wort „Vorurteil“ ist üblicherweise negativ besetzt. Um B. Selbstzuschreibungen und Technikhaltungen
Vorurteile besprechbar zu machen, muss meist erst diese
Es gibt aber auch Selbstzuschreibungen. Diese sind
negative Konnotation aufgelöst werden. Vorurteile haben ebenfalls durch Rollenerwartungen geprägt und beeinflussen
ursprünglich eine wichtige lebenspraktische Funktion und
das Selbstbild und damit insbesondere auch die Haltungen
funktionieren oft ohne unser aktives Zutun bzw. sind auch
gegenüber Technik und digitalen Medien. Eine solche
kognitiv nur begrenzt zugänglich: Sie helfen, möglicherweise Selbstzuschreibung könnte sein: „Das kann ich nicht, dafür bin
gefährliche Situationen rasch einzuschätzen und
ich schon zu alt“ oder „Alles Technische macht bei uns der
Entscheidungen zu treffen. Daher wäre es ein Defizit, wenn
Karli.“
jemand keine Vorurteile hätte. Allerdings: Die meisten
Situationen, in denen Menschen sich heute befinden, enthalten Selbstzuschreibungen und Technikhaltungen beeinflussen
keine potenzielle Gefahr, – und dann sind Vorurteile ein sich gegenseitig, so dass „männlich“ konnotierte technische
Hindernis, weil sie eine differenzierte Betrachtung unmöglich Artefakte (Bohrmaschine) eher als „Technik“ eingestuft
machen. Es ist also im Zuge der Entwicklung von Medien- werden als weiblich konnotierte technische Artefakte (Mixer).
Produkten von zentraler Bedeutung, dass das Team sich über
die eigenen Vorannahmen bewusst wird. V. GENDERGERECHTES FORSCHUNGSDESIGN
Stereotypen sind Charaktarisierungen von Menschen Die Autorin hat in den letzten Jahren im ZIMD einige
aufgrund eines Merkmals– z.B. Männer/Frauen, ältere Forschungsprojekte im Bereich digitaler Medien mit Gender-
Menschen, Jugendliche, Arbeitende, Arbeitslose, Menschen Fokus im durchgeführt, die als Basis für diesen Artikel dienen.
mit fremdem/nationalem Hintergrund, StädterInnen, Menschen In all diesen Projekten befindet sich gendergerechtes
vom Land. Mit diesem Merkmal werden weitere Eigenschaften Forschungsdesign immer im Spannungsfeld von
verknüpft, die diesen Personen dann zugeschrieben, bzw. auf geschlechtsspezifischen Unterschieden und der Kritik daran.
die sie reduziert werden. Haben Menschen in der Realität Dies hat damit zu tun, dass es beim Versuch Gender zu
andere Eigenschaften als dem Stereotyp entspricht, werden berücksichtigen, ja vordergründig um Unterschiede zwischen
diese häufig abgewertet, beispielsweise als „unweiblich“ oder Männern und Frauen geht. Und da Männlichkeit und
„unmännlich“. Damit wird ein gesellschaftlicher Druck Weiblichkeit auf den ersten Blick biologisch bedingt scheinen,
aufgebaut, diesen Stereotypen zu entsprechen. wird zunächst von Forschungsteams fast immer auf biologische
Stereotypen und Vorurteile stimmen meistens nur sehr Unterschiede fokussiert.
bedingt. Sie schränken die Kommunikation auf das ein, was Im Projekt G-U-T (http://g-u-t.zimd.at) haben wir durch
erwartet wird, und werden damit zur selbsterfüllenden vergleichende Analyse überprüft, welche Gender-Aspekte und
Prophezeiung: Man nimmt nur das wahr, was man schon Diversity-Dimensionen in der Praxis für das Design und
gewusst hat. Development von Apps und Websites relevant sind, und eine
In der Entwicklung von digitalen Medien schränkt man Guideline zu deren Berücksichtigung entwickelt [13]. Im
durch Stereotypen und Vorurteile häufig die Zielgruppen ein. Projekt MOBISENIORA (www.mobiseniora.at) wurde die
Jemand könnte zum Beispiel davon ausgehen, dass ältere Nutzung von Smartphones und Tablets durch Seniorinnen und
Menschen keine Computer nutzen und daher als Zielgruppe für Senioren unter Berücksichtigung von Gender-Aspekten
den Webshop ausgeschlossen werden können. Dann wäre es untersucht und Leitfäden für App-Entwicklung,
auch nicht nötig, den Webshop so zu gestalten, dass er von Bildungsangebote sowie Verkaufsberatung und Support durch
Telekom-Anbieter entwickelt [14]. Im Projekt GEMPLAY
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Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien
(www.gemplay.at) wurden gendergerechte Spielkonzepte für durch biologische Unterschiede durch Doing Gender zustande
Videogames zur Bewegungsförderung entwickelt. kommen [17].
In GENSISYS (http://mc.fhstp.ac.at/projects/gensisys) wur- Beispielsweise wirkt es sich massiv auf Nutzungsszenarien
de ein Methodenset zur Evaluation von Gender und Diversity aus, ob jemand Betreuungspflichten hat, da diese Personen im
Dimensionen für Ergonomie und Usability an Arbeitsplätzen Laufe eines Tages deutlich mehr Wege zurück legen, stärker
entwickelt. Im Folgenden werden die methodischen abgelenkt sind, etc. Dass sie dadurch andere Anforderungen,
Erkenntnisse zu gendergerechtem Forschungsdesign aus diesen zum Beispiel an Navigationssysteme, haben können, ist nicht
Forschungsprojekten zusammengefasst und mit Beispielen an das biologische Geschlecht gekoppelt, es ist eine Gender-
belegt. Thematik [18]. In der Medien-Forschung ist daher nicht nur
von Männern und Frauen auszugehen, sondern von Menschen
A. Besonderheiten von Medien-Projekten mit vielen verschiedenen Merkmalen und in vielen
Nur sehr wenige biologische Unterschiede wirken sich auf verschiedenen Nutzungskontexten, da sonst die Gefahr der
die Nutzung digitaler Medien aus. Diese sind biologisch meist Stereotypisierung besteht. Davon profitieren auch Männer, wie
nur mit-beeinflusst und häufig stärker durch Diversity-Faktoren Raewyn Connell gezeigt hat, die von verschiedenen
wie das Alter geprägt. Diversity-Faktoren können in "Männlichkeiten" spricht [19].
Medienprojekten eine große innovationstreibende Kraft
entwickeln [15]. C. Berücksichtigung der Lebensrealitäten
Wie gezeigt wurde, betreffen für Medienprojekte relevante
Im Gegensatz zu biomedizinischer Forschung spielen
Genderaspekte vor allem die unterschiedlichen
biologische Unterschiede in den Medienprojekten und in den
Lebensrealitäten und Einstellungen von Männern und Frauen.
Bereichen, in denen es um Nutzungsschnittstellen geht, fast
Hier sind insbesondere die folgenden Bereiche relevant:
ausschließlich hinsichtlich Beeinträchtigungen und
Behinderungen eine Rolle, wie sie durch Accessibility • Raum-zeitliche Rahmenbedingungen und Wege, die
(Inclusive Design, Design for All) adressiert werden. wesentlich von den Lebensumständen und eventuellen
Betreuungspflichten geprägt sind [18];
Im Projekt G-U-T konnte das Team der Autorin
festestellen, dass biologische Unterschiede zwischen Frauen • Werthaltungen und Einstellungen gegenüber Technik,
und Männern für die Gestaltung von Websites und Apps keine die wesentlich durch Sozialisationsprozesse geprägt
nennenswerte Rolle spielen. Im Projekt MOBISENIORA sind [16];
wurde darüber hinaus bestätigt, dass selbst die Unterscheidung
zwischen Jung und Alt in biologischer Hinsicht auf einige • Technikerfahrung und Technikwissen, die wesentlich
wenige mögliche Beeinträchtigungen hinausläuft, die – durch die berufliche Biographie geprägt sind [16].
zumindest in diesem Projekt – eine weitaus geringere Rolle Um diese Einflussgrößen strukturiert zu erfassen, muss
spielten als vom Team zuvor angenommen [16]. offen gefragt und die Nähe zu den NutzerInnen gesucht
In den genannten Projekten hat sich gezeigt, dass mit werden. Partizipative Methoden sind dafür unerlässlich.
wenigen Ausnahmen, in denen ergonomische Aspekte eine Egal, welche Methoden aus dem vielfältigen Vokabular des
Rolle spielen, in der Medien-Forschung und -Entwicklung über Participatory Design gewählt werden: Die Fragestellungen
den Bereich der Accessibility hinausgehende biologische sollten die oben genannten Bereiche abdecken bzw. dafür offen
Unterschiede vernachlässigt werden können. Der Umfang der gehalten und in der Auswertung auf diesbezügliche
Fragestellungen in Materialien zur Berücksichtigung von Unterschiede geachtet werden.
Gender- und Diversity-Aspekten, wie den unter II.C genannten,
konnte für diesen Bereich daher deutlich verringert werden. Im Projekt MOBISENIORA wurden beispielsweise mittels
semistrukturierter Interviews die Technikhaltungen und das
B. Doing Gender Nutzungsverhalten von SeniorInnen und ihre Erwartungen an
Smartphones/Tablets im Kontext ihrer Sozialisationsprozesse
In der Geschlechterforschung gibt es den Begriff des Doing betrachtet. Dabei konnten sehr vielfältige Aspekte einfließen.
Gender [17]. Damit ist gemeint, dass das soziale Geschlecht im In der Auswertung konnten einige genderspezifische, also
Wesentlichen erst durch das Tun zustande kommt. Verhalte ich durch soziokulturelle Faktoren geprägte Unterschiede sichtbar
mich als Frau, werde ich als Frau wahrgenommen, verhalte ich gemacht werden. Im Projekt GENSISYS kamen die
mich als Mann, werde ich als Mann wahrgenommen. Dies aufschlussreichsten und spannendsten Ergebnisse durch
inkludiert Kleidung, Aufmachung, aber auch Körperhaltung, qualitative Methoden wie Kontextanalyse,
sowie Handlungen, Arbeitsteilung etc. Die Lebensrealitäten der Arbeitsplatzbeschreibung und Tagebuch zustande, auch wenn
Menschen sind mehr oder weniger stark durch Doing Gender sich darin kaum genderspezifische Unterschiede spiegelten.
geprägt, also durch den Vollzug dessen, was das jeweilige Dennoch waren diese Ergebnisse durch die Berücksichtigung
Umfeld von Männern bzw. Frauen erwartet. Die von Gender-Faktoren getriggert.
Lebensrealitäten können sich in vielfältiger Weise
unterscheiden, hier spielen auch andere Diversity-Faktoren
D. Geschlechtsspezifische Unterschiede
eine Rolle. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass
Unterschiede zwischen Männern und Frauen viel mehr als Zunächst: Wir unterscheiden geschlechtsspezifische und
genderspezifische Unterschiede. Unter geschlechtsspezifisch
verstehen wir Unterschiede auf biologischer Ebene (Sex).
32
Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien
Unter genderspezifisch verstehen wir Unterschiede, die durch geschlechtsspezifische Unterschiede reflektieren. Die meisten
soziokulturelle Faktoren zustande kommen. Unterschiede waren entweder recht dünn belegt oder durch
soziokulturelle Faktoren zu erklären. Bewährt hat sich in
Geschlechtsspezifische Unterschiede wurden
diesem Projekt, aus den in der Literatur gefundenen
jahrtausendelang missbraucht um Frauen von Unterschieden Bereiche zu identifizieren, in denen es
gesellschaftspolitischer Beteiligung und Bildung
prinzipiell größere Unterschiede geben kann, als bisher
abzuschneiden. Auch heute gibt es noch Literatur, die auf Basis
vielleicht berücksichtigt, unabhängig davon, welche
angeblicher (evolutions)biologischer Unterschiede
Dimensionen (Alter, Geschlecht, Kultureller Hintergrund etc.)
soziokulturelle Verhaltensweisen zu legitimieren versucht [20].
zu diesen Unterschieden führen.
Eine kritische Auseinandersetzung damit ist daher wesentlich
[21].
Tatsächlich sind geschlechtsspezifische Unterschiede meist
viel geringer als gemeinhin angenommen. Männer und Frauen F. Hypothesenbildung
liegen in der Ausprägung der meisten Merkmale sehr nahe Fokussiert das Forschungsdesign auf
beisammen. Die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts sind geschlechtsspezifische Unterschiede, wird auf diese ein
(beispielsweise bei der räumlichen Wahrnehmung) viel größer Vergrößerungsglas gerichtet: Sie erscheinen größer als sie
als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Dennoch tatsächlich sind. Damit reproduzieren sie Ungleichheiten, die
wird die Verteilung der Geschlechterunterschiede häufig so zusammengenommen zu gesellschaftlichen
wahrgenommen, als gäbe es riesige Unterschiede zwischen den Ungleichwertigkeiten führen können. Für Medien-Forschung
Geschlechtern [22]. relevante Unterschiede können darüber hinaus sehr vielfältige
Ursachen haben.
E. Quellenkritik Für die Formulierung von Hypothesen in der
Ein wichtiger Ausgangspunkt jeglicher Forschungsprojekte anwendungsorientierten technologischen Forschung bedeutet
ist die vorhandene Literatur. Eine Fülle von Studien scheinen das, den Fokus auf die Inhalte der festgestellten Unterschiede
geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Frauen und zu richten und die Frage, wodurch diese Unterschiede
Männern zu belegen. Auf den ersten Blick erscheinen jedoch verursacht sind, erst in zweiter oder dritter Linie zu stellen.
häufig Unterschiede als biologisch, die in Wirklichkeit vor
allem auf Lernerfahrungen, also auf soziokulturellen Im Projekt GENSISYS beispielsweise wurden
Hypothesen, die in der Einreichphase geschlechtsspezifisch
Unterschieden beruhen. Solche scheinbar biologischen
formuliert waren (A), von uns folgendermaßen zu
Unterschiede kommen häufig durch ein unsauberes
Forschungsdesign zustande, und bilden dann eher die Forschungsfragen umformuliert (B):
Zuschreibungen und Vorannahmen der Forschenden ab, als A. Räumliche Wahrnehmung: Durch größere
real existierende Unterschiede [20]. Es kann davon Bildschirme kann die räumliche Wahrnehmung zugunsten
ausgegangen werden, dass es sich bei den meisten der Frau im Vergleich zum Mann verbessert werden.
dokumentierten geschlechtsspezifischen Unterschieden vor
allem im Bereich der Evolutionsbiologie entweder um erlernte B. Es gibt Studien, die zeigen, dass die räumliche
Unterschiede handelt. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass Wahrnehmung von Frauen durch größere Bildschirme
Studien, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern mehr verbessert werden kann als von Männern. Wie wirken
belegen, sehr viel häufiger zitiert werden, als Studien, die sich größere Bildschirme in der konkreten Situation aus?
belegen, dass es keine Unterschiede gibt [23]. Größere Bildschirme können für verschiedene Personen
Eine günstige Vorgangsweise um geschlechtsspezifische Vor- und/oder Nachteile haben, aufgrund verschiedener
Unterschiede in der Literatur einer kritischen Betrachtung zu Faktoren, von denen einer das Geschlecht sein kann. Wichtig
unterziehen, richtet sich zum einen auf die Studien selbst: Wie ist, die Inhalte vom biologischen Geschlecht zu lösen. Die
wurden solche Studien gemacht? Sind sie prinzipiell in sich Fragestellung wird dadurch auch offener für weitere Faktoren.
sauber gemacht? Mit welcher Brille wurde das Eine entsprechende Hypothese könnte also sein:
Forschungsdesign gemacht? Welche Sprache wird verwendet? Durch größere Bildschirme kann die räumliche
Welche Vorannahmen spiegeln sich in den Ergebnissen? Zum Wahrnehmung bei verschiedenen Gruppen (Geschlecht,
anderen in der Recherche kritischer Perzeption: Wie werden Alter, kulturelles Umfeld, …) verbessert werden.
die Quellen in der Literatur diskutiert? Was wird kritisiert und
von wem? Was wird zitiert, und von wem? In der Auswertung kann dann innerhalb der Personen mit
besserer, gleicher und ev. schlechterer räumlicher
Ein wichtiger Aspekt betrifft auch die Wiedergabe von Wahrnehmung bei größeren Bildschirmen wieder die
Forschungsergebnissen, die „Forschungs-Stille-Post“: Durch Kategorie Geschlecht betrachtet werden, wie auch die anderen
verallgemeinernde und reduzierte Wiedergabe werden Kategorien, die betrachtet wurden. Siehe dazu auch H.
Forschungsergebnisse verfälscht dargestellt, wie „Frauen haben
Schulterbeschwerden“ anstelle von „51 % der Frauen und 26 % G. Formulierung qualitativer Fragestellungen
der Männer haben Schulterbeschwerden“ [24].
An diesem Beispiel zeichnet sich darüber hinaus ein
Im Projekt GENSISYS wurden zahlreiche für weiteres Merkmal gendergerechter Forschung ab: die
Nutzungsschnittstellen relevante Studien gesichtet, die Formulierung qualitativer Fragestellungen. Mit quantitativen
33
Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien
Fragestellungen kann überwiegend auf vordefinierte Auswahlkriterien für Testpersonen bzw. als
Kategorien und Merkmale eingegangen werden, die per se Auswertungskriterien (z. B. viel/mittel/wenig
dazu angetan sind, Vorannahmen zu bestätigen. Qualitative Technikerfahrung). Darüber hinaus kommt hier ebenfalls die
Fragestellungen sind zwar aufwändiger auszuwerten, aber Diversity zum Zug. Es empfiehlt sich die (insbesondere
ergebnisoffener und daher prinzipiell besser geeignet für inneren) Persönlichkeitsmerkmale (vgl. IV.H) auf Relevanz für
gendergerechtes Forschungsdesign. das Projekt hin zu betrachten.
Im Projekt MOBISENIORA wurden die Testpersonen z. B.
H. Gendergerecht Clustern entlang einer Matrix ausgewählt, in der neben Geschlecht auch
Ein wesentliches Merkmal quantitativer Studien sind Alter, Region und Nutzungserfahrung berücksichtigt war. Im
Cluster, die gebildet werden, um Aussagen über bestimmte begleitenden Fragebogen zu den Usability-Tests wurden die
Gruppen zu treffen. Angesichts der Gefahr der Verstärkung Testpersonen dann nach der wöchentlichen Gerätenutzung in
von Stereotypen empfiehlt es sich, nicht entlang vorgegebener Stunden gefragt. In der Auswertung wurde der Median der
Merkmale wie Geschlecht, Alter etc. zu clustern, sondern jeweiligen Gerätenutzung gebildet und daraus dann die
ergebnisoffen entlang von Faktoren, die sich aus der Studie Gruppen gebildet (viel/wenig/keine Gerätenutzung), für die
selbst ergeben. Damit kann die Fortschreibung stereotyper nach Korrelationen zu anderen Ergebnissen gesucht wurde.
Zuschreibungen vermieden werden.
Innerhalb dieser Cluster soll dann die J. Personas
Geschlechterverteilung betrachtet werden. Dies ist zentral, da Personas werden in der Softwareentwicklung genutzt, um
ohne diesen Schritt die Kategorie „Gender“ aus dem Blick ein user-oriented Design zu gewährleisten. Sie sollen den
geraten würde. Vorhandene Ungleichheiten würden dadurch EntwicklerInnen helfen, ihr Produkt durch „die Maske der
unsichtbar gemacht. Wolffram & Winker haben beispielsweise UserInnen“ zu sehen [27]. Aus gendersensibler Sicht ist dieser
in einer Studie über technische StudienanfängerInnen zunächst „Perspektivenwechsel“ besonders wichtig, da die meisten
nach Technikhaltungen geclustert (z.B. „einseitig Teams in der Softwareentwicklung hauptsächlich aus Männern
technikzentrierte Haltung“, „distanzierte Technik- und mittleren Alters bestehen. Es besteht die Gefahr, dass z.B. die
Computerhaltung“), und erst danach die weiblichen und älteren UserInnen nicht beachtet werden [28].
Geschlechterverteilungen innerhalb der fünf Gruppen
betrachtet. Mit einer solchen Vorgangsweise fällt es viel Personas wären deshalb theoretisch sehr gut geeignet, um
ein gender- und diversitysensibles Design zu gewährleisten, da
leichter, der Falle vorschneller Zuschreibungen zu entgehen
sich die EntwicklerInnen dadurch in die UserInnen
[25].
hineinversetzen können. Das Problem dabei ist, dass Personas
Ist dies nicht möglich, und müssen Cluster auf Basis vorher immer eine gewisse Vereinfachung beinhalten müssen und
festgelegter Merkmale gebildet werden, so empfiehlt es sich deshalb auch zu Stereotypisierung neigen. Die große
Merkmale zu wählen, die weniger durch Stereotypen geprägt Herausforderung ist deshalb, die nötige Vereinfachung der
sind. Die inneren Persönlichkeitsmerkmale: Geschlecht, Alter, Komplexität und die Beschreibung der individuellen
soziale Herkunft, Ethnie, geistige/körperliche Diversitätsfaktoren im richtigen Maß gegeneinander
Fähigkeiten/Einschränkungen, sexuelle Orientierung [26] und abzuwägen [29/30].
zusätzlich auch Religion/Weltanschauung sind häufiger mit
Vorannahmen verknüpft und damit sind stereotype Personas stellen Entwicklungsteams also vor eine
schwierige Aufgabe: Zum einen sollen sie typische
Zuschreibungen (die es immer gibt) schwerer erkennbar.
NutzerInnen abbilden, müssen also „geclustert“ sein und bei
Im Projekt GEMPLAY wurde beispielsweise nach den einzelnen Merkmalen mittlere Werte darstellen. Zum
„Spielertypen“ geclustert, innerhalb derer dann die anderen widerspricht eine Clusterung der Zielgruppen ganz
Geschlechter- und Altersverteilung betrachtet wurde. prinzipiell der Forderung nach einer Berücksichtigung der
Interessen und Lebensrealitäten der einzelnen Zielpersonen, da
Eine gute Möglichkeit besteht darin, bereits in das Design
dabei immer Details verloren gehen müssen. Sie sollen also
einer quantitativen Befragung mögliche Auswirkungen von
typisch sein, aber trotzdem nicht stereotyp.
Lebensrealitäten einfließen zu lassen. So wurde im Projekt
GEMPLAY beispielsweise nach Zeitverwendung und Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von
Freizeitverhalten gefragt. Dies kann allerdings qualitative Personas ist damit die oben beschriebene Selbstreflexion der
Befragungen nicht ersetzen. eigenen Zuschreibungen und stereotyper Vorstellungen über
Personengruppen. Auch Personas sollen die Lebensrealitäten
I. Partizipative Methoden und Auswahl von Testpersonen der Zielpersonen möglichst realistisch darstellen. Eine weitere
Wie dargestellt, sind partizipative Methoden, die sinnvolle Vorgangsweise besteht darin, die Clusterungen nicht
NutzerInnen in den Forschungs- und Designprozess entlang vorher festgelegter Merkmale vorzunehmen, sondern
einbeziehen, für gendergerechte Forschung unerlässlich. anhand von Merkmalen, die sich aus der User Reseach
ergeben, in der Weise wie oben am Beispiel der Studie von
Zentral ist hier die Auswahl der Testpersonen. Mindestens Wolffram beschrieben.
ebenso wichtig wie eine ausgewogene Zusammensetzung nach
biologischem Geschlecht ist die Berücksichtigung der drei
oben genannten Merkmale raumzeitliche Rahmenbedingungen,
Technikhaltungen sowie Technikaffinität und –erfahrung als
34
Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien
VI. FAZIT [7] Joost, Gesche, Bessing, Nina und Buchmüller, Sandra, G – Gender
Inspired Technology, (2010). In: Ernst, Waltraud (Hrsg.). (2010).
Die Vorschläge der AutorInnen für ein gendergerechtes Geschlecht und Innovation. Gender-Mainstreaming im Techno-
Forschungsdesign im für digitale Medien betreffen Wissenschaftsbetrieb. Internationale Frauen- und Genderforschung in
unterschiedliche Aspekte der quantitativen und qualitativen Niedersachsen. Teilband 4. Lit-Verlag. Berlin.
Forschung: [8] Buchmüller, Sandra, Joost, Gesche, Bessing, Nina und Stein, Stephanie,
Bridging the gender and generation gap by ICT applying a participatory
• die qualitative Formulierung von Forschungsfragen und design process. In: Personal and Ubiquitous Computing 15 (7), (2011),
S. 743–758. DOI: 10.1007/s00779-011-0388-y.
Hypothesen in einer offenen, nicht
geschlechtsspezifischen Weise; [9] SCHRAUDNER, M. "Discover Gender: Das Potenzial von Gender für
die Forschung, Gender Kompetenz Zentrum, 2006b." (2006).
• die Blickrichtung auf raum-zeitliche [10] Maaß, S., Draude, C. & Wajda, K. (2014). Das GERD-Modell. In.
Rahmenbedingungen und Lebensrealitäten (z.B. Marsden, N. & Kempf, U. (Hrsg.): Gender-UseIT - HCI, Web-Usability
und User Experience unter Gendergesichtspunkten. Oldenbourg. S. 127-
Betreuungspflichten); auf Selbstzuschreibungen, und 141. S.68.
Technikhaltungen;
[11] Friesenhahn, Günter. (2016). Stereotypen und Vorurteile. Modul
• die kritische Quellenbetrachtung, insbesondere von „Interkulturelles Lernen“ auf dem Portal der Fachstelle für
Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland eV IJAB.
geschlechtsspezifischen Ergebnissen außerhalb von https://www.
biologischer Forschung; dija.de/fileadmin/medien/downloads/Dokumente/Guenter2IKL.pdf,
zuletzt abgerufen am 28.10.2017. S. 1.
• eine genaue Sprache bei der Wiedergabe [12] Erharter, Dorothea, G-U-T Guideline. http://www.zimd.at/gut-guideline-
geschlechtsspezifischer Forschungsergebnisse; checklist, (2013), zuletzt abgerufen 2017-09-17.
• für quantitative Studien eine stereotypenresistente [13] Erharter, D. (2014). Gender- und Diversity-Faktoren in interaktiven
Medien. In: Markus Seidl & Grischa Schmiedl (Hrsg.): Forum
Vorgehensweise zu Clusterung und Auswertung; Medientechnik - Next Generation, New Ideas. Glückstadt.
• für qualitative Studien die Ausschöpfung des Potenzials [14] Amann-Hechenberger, B., Buchegger, B., Erharter, D., Felmer, V., Fitz,
B., Jungwirth, B., Kettinger, M., Schwarz, S., Knoll, B., Schwaninger,
partizipativer Forschungs- und Designmethoden; T. & Xharo, E. (2015). Tablet & Smartphone: Seniorinnen und Senioren
• eine diversitätsbewusste Auswahl von Testpersonen; in der mobilen digitalen Welt. Forschungsbericht zum Projekt
„mobi.senior.A“. Wien.
• das explizite Beschreiben von nicht-vorhandenen [15] Erharter, D. & Xharo, E. (2014). Gendability. Gender & Diversity
Unterschieden, wenn keine gefunden wurden. bewirken innovative Produkte. In: Marsden, N. & Kempf, U. (Hrsg.):
Gender-UseIT 2014 (#GUI2014). HCI, Web-Usability und UX unter
Wichtig ist, diese Vorschläge zu gendergerechtem Gendergesichtspunkten. S. 127–141.
Forschungsdesign in Medien-Projekten nicht als [16] Erharter, D., Jungwirth, B., Knoll, B., Schwarz, S., Posch, P. & Xharo,
Einzelmaßnahmen, sondern als Paket zu betrachten und E. (2014). Smartphones, Tablets, App für Seniorinnen und Senioren. In:
Kemper, Guido (Hrsg.): Assistenztechnik für betreutes Wohnen. AAL
anzuwenden. Natürlich kann schon die Anwendung einer Testregion Westösterreich. Tagungsband zum uDay XII. S. 221-235
einzelnen Maßnahme wichtig und sinnvoll sein, doch erst im [17] Bidwell-Steiner, M. & Krammer, S. (2010). (Un)Doing Gender als
Paket können die Vorschläge ihre volle Innovationskraft gelebtes Unterrichtsprinzip: Sprache - Politik – Performanz. Wien.
entfalten. [18] Scambor, E. & Zimmer, F. (2012). Die intersektionelle Stadt. Bielefeld:
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