=Paper= {{Paper |id=Vol-2009/fmt-proceedings-2017-paper3 |storemode=property |title=Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien(Gender-appropriate Research Design for Digital Media) |pdfUrl=https://ceur-ws.org/Vol-2009/fmt-proceedings-2017-paper3.pdf |volume=Vol-2009 |authors=Dorothea Erharter |dblpUrl=https://dblp.org/rec/conf/fmt/Erharter17 }} ==Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien(Gender-appropriate Research Design for Digital Media)== https://ceur-ws.org/Vol-2009/fmt-proceedings-2017-paper3.pdf
                        Gendergerechtes Forschungsdesign
                              für Digitale Medien

                                                          Dorothea Erharter
                                                                ZIMD
                                         Zentrum für Interaktion, Medien & soziale Diversität
                                                                Wien
                                                             d.e@zimd.at


    Abstract—The use of digital media is one of the core themes of         wichtigsten Elemente gendergerechten Forschungsdesigns für
gender-relevant technological research. The development of                 digitale Medien zusammengefasst und mit Beispielen belegt.
innovative media is always research at the interface with humans.
However, although the skills of the target groups may not be
more different in media usage, there are often blind spots in
                                                                                          II. THEMATISCHE EINGRENZUNG
media development, and the requirements of the target groups                  In welchen Projekten sollen Gender-Aspekte berücksichtigt
are not consistently well met. Based on best practice projects, the        werden, und was kann es dort bringen? Diese Frage ist
authors explain how the inclusion of gender in research design             zunächst für alle Projekte zu stellen.
can close such gaps and make better use of potentials.
                                                                           A. Gender-Relevanz
    Zusammenfassung—Die Nutzung digitaler Medien ist eines
der Kernthemen genderrelevanter technologischer Forschung.                     Der Begriff der Gender-Relevanz wurde 2006 von Bührer
Entwicklung innovativer Medien ist immer auch Forschung an                 & Schraudner eingeführt. Als genderrelevant gelten
der Schnittstelle zum Menschen. Doch obwohl die Kompetenzen                Forschungen und Produktentwicklungen prinzipiell an der
der Zielgruppen in der Mediennutzung unterschiedlicher nicht               Schnittstelle zum Menschen, wobei hier sowohl körperliche als
sein könnten, gibt es in der Medienentwicklung häufig blinde               auch      soziokulturelle    und      Nutzungszusammenhänge
Flecken, und den Anforderungen der Zielgruppen wird nicht                  berücksichtigt werden sollen [2]. Für digitale Medien bedeutet
überall gleichbleibend gut entsprochen. Anhand von Best                    das, dass alle Projekte gender-relevant sind, die
Practise Projekten erläutert die Autorin, wie durch die                    Nutzungsschnittstellen haben. Nicht gender-relevant wären zum
Berücksichtigung von Gender im Forschungsdesign derartige                  Beispiel Untersuchungen, mit welchen Protokollen Daten
Gaps geschlossen und Potenziale besser genutzt werden können.              einfacher oder schneller übertragen werden können, oder
                                                                           welche Materialien sich als Leitersysteme besser eignen.
                        I. EINLEITUNG
                                                                           B. Innovationspotential
    Die Implementierung von Gender in Organisationen gilt als
Gradmesser für Innovationsfähigkeit [1]. Vielfach ist aus                      Dass die Berücksichtigung von Genderaspekten ein
diesem Grund die Berücksichtigung von Gender in                            technologisches Innovationspotenzial mit sich bringt, ist
technologischen Forschungsprojekten bereits eine Anforderung               mittlerweile gut belegt. Gemäß Bührer und Schraudner [2]
und ein wichtiges Kriterium der Forschungsförderung,                       können        dadurch       neue      Zielgruppen      und
beispielsweise in allen Basisprogrammen der Österreichischen               Nutzungszusammenhänge für technologische Produkte
Forschungsförderungsgesellschaft.                                          erschlossen werden. Laut Schiebinger können Gender-Aspekte
                                                                           Impulse für die Entwicklung neuer Produkte und
    Als gender-relevant gilt jegliche Forschung an der                     Dienstleistungen liefern, die den Anforderungen komplexer
Schnittstelle zum Menschen [2]. Mediennutzung ist damit das                NutzerInnengruppen gerecht werden und damit das
Kerngebiet genderrelevanter Projekte im IKT-Sektor und in                  menschliche Wohlbefinden einschließlich der Gleichstellung
allen     technologischen     Bereichen.      Während      im              der Geschlechter fördern. Damit werde insgesamt die globale
biomedizinischen Sektor die Physis des Menschen im Zentrum                 Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit gefördert [3].
steht und damit biologische Unterschiede eine wichtige Rolle
spielen können, sind diese in der Mediennutzung                                Die    Berücksichtigung     von    Gender-Aspekten    in
vernachlässigbar. Ein auf geschlechtsspezifische Unterschiede              Forschungsprojekten bringt nach Meinung der Autorin vor
fokussierendes Forschungsdesign birgt daher die Gefahr in                  allen Dingen eines: Die Öffnung der Projekte für
sich, Geschlechterstereotype zu verstärken. Um das zu                      unterschiedliche Sichtweisen. Denn ein gelungen angewendeter
vermeiden ist der Fokus auf Gender, also das soziokulturelle               Gender-Fokus öffnet den Blick auch für weitere Diversity-
Geschlecht zu legen. Mit diesem Artikel werden auf Basis des               Dimensionen und insgesamt für die Lebensrealitäten
Forschungsstands und der Erfahrungen der Autorin in                        unterschiedlicher Menschen, ohne dabei die Kategorie
informationstechnologischen      Forschungsprojekten      die              „Gender“ aus den Augen zu verlieren oder zu verwässern.



                                                                      29
    Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien


    Damit schleicht sich durch den Gender-Fokus ein sehr                von       Gender-Aspekten         in      Forschungs-       und
menschzentrierter Ansatz in die Forschung ein, der zugleich             Entwicklungsvorhaben entwickelt [9]. Der Leitfaden wurde
auch Fremd- und Selbstzuschreibungen im Blick hat, und die              anhand einer Reihe von Fallbeispielen aus sehr
Konsequenzen, die sich daraus für das alltägliche Leben                 unterschiedlichen technologischen Richtungen überprüft und
ergeben. Vom reinen Human Centered Design unterscheidet                 für     NaturwissenschaftlerInnen       und     TechnikerInnen
sich dieser Ansatz dadurch, dass die sehr wirkmächtige                  verständlich dargestellt [2]. Abweichend vom aktuellen Stand
Kategorie „Gender“ nie aus den Augen verloren wird.                     der Gender-Forschung wurde in den Beispielen des Leitfadens
                                                                        das Gender-Konzept allerdings auf eine „strikt binäre Logik
    Dass allein dadurch Innovationen gefördert werden, zeigen           verengt“ [6]. Bei einer geringeren Überlebenschance von
mittlerweile zahlreiche Forschungsprojekte. Zwei Beispiele
                                                                        Frauen im Fall eines Herzinfarkts ist diese biologisch-
seien hier genannt: Im Projekt Con Bioenergy wurde nach
                                                                        dualistische Sichtweise sinnvoll. Es soll gemäß Leitfaden aber
Befragungen,      Beobachtungen      in    Haushalten      und          auch nach unterschiedlichen Nutzungszusammenhängen von
Fehlersimulationen erkannt, dass es häufig Frauen sind, die im
                                                                        Frauen und Männern oder deren unterschiedlichen
Fehlerfall an Heizthermen agieren. Es wurde ein Support-
                                                                        Anforderungen an die Gestaltung gefragt werden, ohne dabei
Button an den Geräten eingeführt und Smartphones, Internet              auf Lebensrealitäten zu fokussieren. Damit läuft der Leitfaden
und Tablet-PC werden seither zur Störungsbehebung
                                                                        Gefahr „Geschlechterstereotype zu verstärken und die Vielfalt
verwendet. [4]. Es muss nicht extra betont werden, dass diese
                                                                        der sozialen Welt nur ungenügend zu adressieren.“ [10]. Die
Funktionen allen NutzerInnen zu Gute kommen.
                                                                        Gender-Studies setzen im Gegensatz dazu eine intersektionale
    Im     Projekt     FEMroute     sollte   ein    Fußgänger-          Überlagerung verschiedener Faktoren voraus und fordern
Navigationssystem für Frauen geschaffen werden. Aus dem                 beispielsweise eine Berücksichtigung der Lebensrealitäten
zunächst rein geschlechtsspezifischen Ansatz wurde ein                  entlang         physischer           und        soziokultureller
Projekt, das das Innovationspotenzial durch Genderfokus sehr            Unterscheidungsmerkmale ein.
gut verdeutlicht. Ca. 20 gut ausgewählte Testpersonen (siehe I)
                                                                            Mittlerweile ist das von Londa Schiebinger geleitete, an der
wurden entlang einer Testroute bei jeder Kreuzung gefragt, wo
                                                                        University of Stanford initiierte, internationale Projekt
sie weitergehen würden und warum. Aus den vielfältigen                  Gendered Innovations ist das Leuchtturmprojekt zum Thema
Antworten entwickelte das Team Kategorien für Routen.
                                                                        Gender in Forschungsvorhaben. Mehr als 60 ExpertInnen aus
Neben den üblichen Wahlmöglichkeiten „schnell“ und                      ganz Europa, den Vereinigten Staaten und Kanada erarbeiteten
„attraktiv“ konnten weitere wesentliche Routenarten                     von 2009 bis 2012 Materialien zur Integration von Gender-
identifiziert werden: „sicher“ und „komfortabel“ [5].                   Aspekten in verschiedene naturwissenschaftliche und
                                                                        technische Disziplinen.
                  III. FORSCHUNGSSTAND
                                                                            Auf der Plattform http://genderedinnovations.stanford.edu
   Im Gegensatz zu einem solch umfassenden Zugang wird –                werden die in diesem Projekt erarbeiteten Methoden und
auch in Forschungsprojekten – häufig implizit ein engerer               inhaltlichen Ergebnisse präsentiert und laufend ergänzt. Sie
Zugang gewählt, in dem die eigenen Bedürfnisse und                      bauen in grundlegenden Konzepten teilweise auf den
Anforderungen auf andere projiziert werden.                             Ergebnissen von Discover Gender auf und stehen im Web zur
    Für diesen Sachverhalt wurde der Begriff I-Methodology              freien Nutzung zur Verfügung [3]. Inzwischen wurde fast die
von Corinna Bath [6] im deutschen Sprachraum eingeführt:                gesamte Plattform von der TU Wien unter der Leitung von B.
Technologische Entwicklungen in Europa werden von relativ               Ratzer ins Deutsche übertragen und steht unter
homogenen Teams aus Männern mittleren Alters dominiert,                 www.geschlecht-und-innovation.at zur Verfügung.
was dazu führt, dass vor allem die Bedürfnisse und                         Die große Qualität der beiden Projekte Gendered
Anforderungen dieser Gruppe berücksichtigt werden und                   Innovations und Discover Gender liegt in einer Sammlung von
andere KundInnengruppen vernachlässigt werden [7]. Dies hat             Leitfragen zur Reflexion der Forschungskultur, von Standards
ernste Konsequenzen:                                                    und Prämissen der jeweiligen Disziplin, zum Forschungsdesign
   „It decreases the innovative power and inventiveness                 und zur sprachlichen und visuellen Repräsentation.
because of missing opponent, ambiguous or even conflicting                  Ein Vorgehensmodell, mit dem Gender- und Diversity-
viewpoints. It increases the pitfalls of „I-methodologies“ which        Forschung für die Informatik nutzbar gemacht werden kann,
means that the producers‘ assumptions become more or less               stellte die Hochschule Bremen mit GERD (Gender Extended
consciously the leading benchmarks for technological                    Research and Development) vor. Sie unterscheiden zwischen
developments instead of real users‘ needs and demands.“ [8]             Kernprozessen, die an ein Wasserfallmodell angelehnt sind,
   Mittlerweile gibt es zahlreiche Beispiele für Forschungs-            und Reflexionsaspekten, die als Kontext in diese Kernprozesse
und Medienprojekte, in denen es gelungen ist, durch einen               einfließen. Diese Reflexionsaspekte sind relativ allgemein
Gender-Fokus den Blick zu erweitern und damit auch                      formuliert     und     erfordern   nach       Angaben     der
innovativere Ergebnisse zu erzielen.                                    ProjektmitarbeiterInnen für die Anwendung zunächst Know-
                                                                        How-Transfer [10].
   Das Projekt Discover Gender, dessen Federführung beim
Fraunhofer Institut für Innovationsforschung lag, war der erste
                                                                                         IV. ZUSCHREIBUNGEN
Beitrag, Gender in Forschungsprojekten systematisiert
aufzubereiten. Es wurde ein Leitfaden zur Berücksichtigung                 Zuschreibungen begleiten – und erleichtern – das
                                                                        menschliche Leben, sie sind „normal“. Es geht also nicht


                                                                   30
    Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien


darum, Zuschreibungen zu verhindern oder auszulöschen,                 älteren Menschen verstanden und flüssig genutzt werden kann.
sondern darum, sie zu reflektieren und bewusst zu machen.              Wird der Webshop dann gestaltet, ohne ältere Menschen
Denn unbewusste Zuschreibungen verstellen den Blick auf die            einzubeziehen, wird er möglicherweise für diese Gruppe
tatsächlichen Bedürfnisse und Anforderungen. Neben                     wirklich schwerer zu verwenden sein, weil die Schrift vielleicht
Zuschreibungen, die auf I-Methodology [7] beruhen, sind                zu klein ist, oder die Buttons schwer verständlich. Damit
Stereotypen und Vorurteile sowie Selbstzuschreibungen für              werden ältere Menschen dann de facto als Zielgruppe
Forschungsprozesse relevant.                                           ausgeschlossen und die Zuschreibung bestätigt sich. Bedenkt
                                                                       man, dass die Altersgruppe 50 Plus in Österreich 44 % der
A. Stereotype und Vorurteile                                           Kaufkraft besitzt, kann man den enormen Schaden ermessen,
   Zuschreibungen über die Bedürfnisse und Anforderungen               den solche Zuschreibungen auslösen. Und umgekehrt lässt sich
anderer an Produkte entstehen zum einen auf Basis dieser               auch das Potenzial erkennen, das darin steckt, die eigenen
Projektionen, zum anderen durch stereotype Vorstellungen von           Stereotypen - die wie gesagt jede/r hat - zu reflektieren und
Gruppen, also so genannte Stereotypen undVorurteile.                   damit in der Lage zu sein, Zielgruppen adäquat anzusprechen.

   „Stereotypen dienen dazu, einen Gegenstand, eine Person                 Im Projekt G-U-T haben wir Leitfragen entwickelt, anhand
oder eine Gruppe zu charakterisieren. Ein Vorurteil ist ein            derer eine produktspezifische Selbstreflexion durchgeführt
Urteil, das ohne vorherige Erfahrung über etwas gefällt wurde.         werden kann. Dabei geht es neben der Reflexion von
Beide erfüllen für die Menschen die Funktion, Unsicherheit             Stereotypen auch um die den Projekten zugrundeliegende
und Bedrohung psychisch abzuwehren. Sie dienen dazu, die               Zielsetzung, die Zielgruppen, deren Bedürfnisse und
Welt überschaubar zu machen, Komplexität zu reduzieren. Sie            Interessen,      physiologische      Unterschiede        und
schaffen Sicherheit für das eigene Handeln.“ [11]                      Nutzungsszenarien etc. [12].

    Das Wort „Vorurteil“ ist üblicherweise negativ besetzt. Um         B. Selbstzuschreibungen und Technikhaltungen
Vorurteile besprechbar zu machen, muss meist erst diese
                                                                           Es gibt aber auch Selbstzuschreibungen. Diese sind
negative Konnotation aufgelöst werden. Vorurteile haben                ebenfalls durch Rollenerwartungen geprägt und beeinflussen
ursprünglich eine wichtige lebenspraktische Funktion und
                                                                       das Selbstbild und damit insbesondere auch die Haltungen
funktionieren oft ohne unser aktives Zutun bzw. sind auch
                                                                       gegenüber Technik und digitalen Medien. Eine solche
kognitiv nur begrenzt zugänglich: Sie helfen, möglicherweise           Selbstzuschreibung könnte sein: „Das kann ich nicht, dafür bin
gefährliche     Situationen     rasch    einzuschätzen      und
                                                                       ich schon zu alt“ oder „Alles Technische macht bei uns der
Entscheidungen zu treffen. Daher wäre es ein Defizit, wenn
                                                                       Karli.“
jemand keine Vorurteile hätte. Allerdings: Die meisten
Situationen, in denen Menschen sich heute befinden, enthalten              Selbstzuschreibungen und Technikhaltungen beeinflussen
keine potenzielle Gefahr, – und dann sind Vorurteile ein               sich gegenseitig, so dass „männlich“ konnotierte technische
Hindernis, weil sie eine differenzierte Betrachtung unmöglich          Artefakte (Bohrmaschine) eher als „Technik“ eingestuft
machen. Es ist also im Zuge der Entwicklung von Medien-                werden als weiblich konnotierte technische Artefakte (Mixer).
Produkten von zentraler Bedeutung, dass das Team sich über
die eigenen Vorannahmen bewusst wird.                                          V. GENDERGERECHTES FORSCHUNGSDESIGN
    Stereotypen sind Charaktarisierungen von Menschen                     Die Autorin hat in den letzten Jahren im ZIMD einige
aufgrund eines Merkmals– z.B. Männer/Frauen, ältere                    Forschungsprojekte im Bereich digitaler Medien mit Gender-
Menschen, Jugendliche, Arbeitende, Arbeitslose, Menschen               Fokus im durchgeführt, die als Basis für diesen Artikel dienen.
mit fremdem/nationalem Hintergrund, StädterInnen, Menschen             In all diesen Projekten befindet sich gendergerechtes
vom Land. Mit diesem Merkmal werden weitere Eigenschaften              Forschungsdesign      immer      im     Spannungsfeld      von
verknüpft, die diesen Personen dann zugeschrieben, bzw. auf            geschlechtsspezifischen Unterschieden und der Kritik daran.
die sie reduziert werden. Haben Menschen in der Realität               Dies hat damit zu tun, dass es beim Versuch Gender zu
andere Eigenschaften als dem Stereotyp entspricht, werden              berücksichtigen, ja vordergründig um Unterschiede zwischen
diese häufig abgewertet, beispielsweise als „unweiblich“ oder          Männern und Frauen geht. Und da Männlichkeit und
„unmännlich“. Damit wird ein gesellschaftlicher Druck                  Weiblichkeit auf den ersten Blick biologisch bedingt scheinen,
aufgebaut, diesen Stereotypen zu entsprechen.                          wird zunächst von Forschungsteams fast immer auf biologische
   Stereotypen und Vorurteile stimmen meistens nur sehr                Unterschiede fokussiert.
bedingt. Sie schränken die Kommunikation auf das ein, was                  Im Projekt G-U-T (http://g-u-t.zimd.at) haben wir durch
erwartet wird, und werden damit zur selbsterfüllenden                  vergleichende Analyse überprüft, welche Gender-Aspekte und
Prophezeiung: Man nimmt nur das wahr, was man schon                    Diversity-Dimensionen in der Praxis für das Design und
gewusst hat.                                                           Development von Apps und Websites relevant sind, und eine
   In der Entwicklung von digitalen Medien schränkt man                Guideline zu deren Berücksichtigung entwickelt [13]. Im
durch Stereotypen und Vorurteile häufig die Zielgruppen ein.           Projekt MOBISENIORA (www.mobiseniora.at) wurde die
Jemand könnte zum Beispiel davon ausgehen, dass ältere                 Nutzung von Smartphones und Tablets durch Seniorinnen und
Menschen keine Computer nutzen und daher als Zielgruppe für            Senioren unter Berücksichtigung von Gender-Aspekten
den Webshop ausgeschlossen werden können. Dann wäre es                 untersucht    und     Leitfäden     für    App-Entwicklung,
auch nicht nötig, den Webshop so zu gestalten, dass er von             Bildungsangebote sowie Verkaufsberatung und Support durch
                                                                       Telekom-Anbieter entwickelt [14]. Im Projekt GEMPLAY


                                                                  31
    Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien


(www.gemplay.at) wurden gendergerechte Spielkonzepte für               durch biologische Unterschiede durch Doing Gender zustande
Videogames zur Bewegungsförderung entwickelt.                          kommen [17].
    In GENSISYS (http://mc.fhstp.ac.at/projects/gensisys) wur-             Beispielsweise wirkt es sich massiv auf Nutzungsszenarien
de ein Methodenset zur Evaluation von Gender und Diversity             aus, ob jemand Betreuungspflichten hat, da diese Personen im
Dimensionen für Ergonomie und Usability an Arbeitsplätzen              Laufe eines Tages deutlich mehr Wege zurück legen, stärker
entwickelt. Im Folgenden werden die methodischen                       abgelenkt sind, etc. Dass sie dadurch andere Anforderungen,
Erkenntnisse zu gendergerechtem Forschungsdesign aus diesen            zum Beispiel an Navigationssysteme, haben können, ist nicht
Forschungsprojekten zusammengefasst und mit Beispielen                 an das biologische Geschlecht gekoppelt, es ist eine Gender-
belegt.                                                                Thematik [18]. In der Medien-Forschung ist daher nicht nur
                                                                       von Männern und Frauen auszugehen, sondern von Menschen
A. Besonderheiten von Medien-Projekten                                 mit vielen verschiedenen Merkmalen und in vielen
    Nur sehr wenige biologische Unterschiede wirken sich auf           verschiedenen Nutzungskontexten, da sonst die Gefahr der
die Nutzung digitaler Medien aus. Diese sind biologisch meist          Stereotypisierung besteht. Davon profitieren auch Männer, wie
nur mit-beeinflusst und häufig stärker durch Diversity-Faktoren        Raewyn Connell gezeigt hat, die von verschiedenen
wie das Alter geprägt. Diversity-Faktoren können in                    "Männlichkeiten" spricht [19].
Medienprojekten eine große innovationstreibende Kraft
entwickeln [15].                                                       C. Berücksichtigung der Lebensrealitäten
                                                                          Wie gezeigt wurde, betreffen für Medienprojekte relevante
    Im Gegensatz zu biomedizinischer Forschung spielen
                                                                       Genderaspekte      vor      allem    die     unterschiedlichen
biologische Unterschiede in den Medienprojekten und in den
                                                                       Lebensrealitäten und Einstellungen von Männern und Frauen.
Bereichen, in denen es um Nutzungsschnittstellen geht, fast
                                                                       Hier sind insbesondere die folgenden Bereiche relevant:
ausschließlich     hinsichtlich     Beeinträchtigungen und
Behinderungen eine Rolle, wie sie durch Accessibility                     • Raum-zeitliche Rahmenbedingungen und Wege, die
(Inclusive Design, Design for All) adressiert werden.                       wesentlich von den Lebensumständen und eventuellen
                                                                            Betreuungspflichten geprägt sind [18];
    Im Projekt G-U-T konnte das Team der Autorin
festestellen, dass biologische Unterschiede zwischen Frauen               • Werthaltungen und Einstellungen gegenüber Technik,
und Männern für die Gestaltung von Websites und Apps keine                  die wesentlich durch Sozialisationsprozesse geprägt
nennenswerte Rolle spielen. Im Projekt MOBISENIORA                          sind [16];
wurde darüber hinaus bestätigt, dass selbst die Unterscheidung
zwischen Jung und Alt in biologischer Hinsicht auf einige                 • Technikerfahrung und Technikwissen, die wesentlich
wenige mögliche Beeinträchtigungen hinausläuft, die –                       durch die berufliche Biographie geprägt sind [16].
zumindest in diesem Projekt – eine weitaus geringere Rolle                 Um diese Einflussgrößen strukturiert zu erfassen, muss
spielten als vom Team zuvor angenommen [16].                           offen gefragt und die Nähe zu den NutzerInnen gesucht
   In den genannten Projekten hat sich gezeigt, dass mit               werden. Partizipative Methoden sind dafür unerlässlich.
wenigen Ausnahmen, in denen ergonomische Aspekte eine                      Egal, welche Methoden aus dem vielfältigen Vokabular des
Rolle spielen, in der Medien-Forschung und -Entwicklung über           Participatory Design gewählt werden: Die Fragestellungen
den Bereich der Accessibility hinausgehende biologische                sollten die oben genannten Bereiche abdecken bzw. dafür offen
Unterschiede vernachlässigt werden können. Der Umfang der              gehalten und in der Auswertung auf diesbezügliche
Fragestellungen in Materialien zur Berücksichtigung von                Unterschiede geachtet werden.
Gender- und Diversity-Aspekten, wie den unter II.C genannten,
konnte für diesen Bereich daher deutlich verringert werden.                Im Projekt MOBISENIORA wurden beispielsweise mittels
                                                                       semistrukturierter Interviews die Technikhaltungen und das
B. Doing Gender                                                        Nutzungsverhalten von SeniorInnen und ihre Erwartungen an
                                                                       Smartphones/Tablets im Kontext ihrer Sozialisationsprozesse
    In der Geschlechterforschung gibt es den Begriff des Doing         betrachtet. Dabei konnten sehr vielfältige Aspekte einfließen.
Gender [17]. Damit ist gemeint, dass das soziale Geschlecht im         In der Auswertung konnten einige genderspezifische, also
Wesentlichen erst durch das Tun zustande kommt. Verhalte ich           durch soziokulturelle Faktoren geprägte Unterschiede sichtbar
mich als Frau, werde ich als Frau wahrgenommen, verhalte ich           gemacht werden. Im Projekt GENSISYS kamen die
mich als Mann, werde ich als Mann wahrgenommen. Dies                   aufschlussreichsten und spannendsten Ergebnisse durch
inkludiert Kleidung, Aufmachung, aber auch Körperhaltung,              qualitative       Methoden         wie        Kontextanalyse,
sowie Handlungen, Arbeitsteilung etc. Die Lebensrealitäten der         Arbeitsplatzbeschreibung und Tagebuch zustande, auch wenn
Menschen sind mehr oder weniger stark durch Doing Gender               sich darin kaum genderspezifische Unterschiede spiegelten.
geprägt, also durch den Vollzug dessen, was das jeweilige              Dennoch waren diese Ergebnisse durch die Berücksichtigung
Umfeld von Männern bzw. Frauen erwartet. Die                           von Gender-Faktoren getriggert.
Lebensrealitäten können sich in vielfältiger Weise
unterscheiden, hier spielen auch andere Diversity-Faktoren
                                                                       D. Geschlechtsspezifische Unterschiede
eine Rolle. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass
Unterschiede zwischen Männern und Frauen viel mehr als                     Zunächst: Wir unterscheiden geschlechtsspezifische und
                                                                       genderspezifische Unterschiede. Unter geschlechtsspezifisch
                                                                       verstehen wir Unterschiede auf biologischer Ebene (Sex).


                                                                  32
    Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien


Unter genderspezifisch verstehen wir Unterschiede, die durch            geschlechtsspezifische Unterschiede reflektieren. Die meisten
soziokulturelle Faktoren zustande kommen.                               Unterschiede waren entweder recht dünn belegt oder durch
                                                                        soziokulturelle Faktoren zu erklären. Bewährt hat sich in
    Geschlechtsspezifische          Unterschiede       wurden
                                                                        diesem Projekt, aus den in der Literatur gefundenen
jahrtausendelang       missbraucht      um      Frauen     von          Unterschieden Bereiche zu identifizieren, in denen es
gesellschaftspolitischer      Beteiligung     und      Bildung
                                                                        prinzipiell größere Unterschiede geben kann, als bisher
abzuschneiden. Auch heute gibt es noch Literatur, die auf Basis
                                                                        vielleicht berücksichtigt, unabhängig davon, welche
angeblicher         (evolutions)biologischer      Unterschiede
                                                                        Dimensionen (Alter, Geschlecht, Kultureller Hintergrund etc.)
soziokulturelle Verhaltensweisen zu legitimieren versucht [20].
                                                                        zu diesen Unterschieden führen.
Eine kritische Auseinandersetzung damit ist daher wesentlich
[21].
    Tatsächlich sind geschlechtsspezifische Unterschiede meist
viel geringer als gemeinhin angenommen. Männer und Frauen               F. Hypothesenbildung
liegen in der Ausprägung der meisten Merkmale sehr nahe                     Fokussiert        das        Forschungsdesign         auf
beisammen. Die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts sind            geschlechtsspezifische Unterschiede, wird auf diese ein
(beispielsweise bei der räumlichen Wahrnehmung) viel größer             Vergrößerungsglas gerichtet: Sie erscheinen größer als sie
als die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Dennoch                tatsächlich sind. Damit reproduzieren sie Ungleichheiten, die
wird die Verteilung der Geschlechterunterschiede häufig so              zusammengenommen               zu          gesellschaftlichen
wahrgenommen, als gäbe es riesige Unterschiede zwischen den             Ungleichwertigkeiten führen können. Für Medien-Forschung
Geschlechtern [22].                                                     relevante Unterschiede können darüber hinaus sehr vielfältige
                                                                        Ursachen haben.
E. Quellenkritik                                                           Für die Formulierung von Hypothesen in der
    Ein wichtiger Ausgangspunkt jeglicher Forschungsprojekte            anwendungsorientierten technologischen Forschung bedeutet
ist die vorhandene Literatur. Eine Fülle von Studien scheinen           das, den Fokus auf die Inhalte der festgestellten Unterschiede
geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Frauen und                 zu richten und die Frage, wodurch diese Unterschiede
Männern zu belegen. Auf den ersten Blick erscheinen jedoch              verursacht sind, erst in zweiter oder dritter Linie zu stellen.
häufig Unterschiede als biologisch, die in Wirklichkeit vor
allem auf Lernerfahrungen, also auf soziokulturellen                       Im     Projekt  GENSISYS        beispielsweise wurden
                                                                        Hypothesen, die in der Einreichphase geschlechtsspezifisch
Unterschieden beruhen. Solche scheinbar biologischen
                                                                        formuliert waren (A), von uns folgendermaßen zu
Unterschiede kommen häufig durch ein unsauberes
Forschungsdesign zustande, und bilden dann eher die                     Forschungsfragen umformuliert (B):
Zuschreibungen und Vorannahmen der Forschenden ab, als                     A. Räumliche        Wahrnehmung:     Durch      größere
real existierende Unterschiede [20]. Es kann davon                         Bildschirme kann die räumliche Wahrnehmung zugunsten
ausgegangen werden, dass es sich bei den meisten                           der Frau im Vergleich zum Mann verbessert werden.
dokumentierten geschlechtsspezifischen Unterschieden vor
allem im Bereich der Evolutionsbiologie entweder um erlernte               B. Es gibt Studien, die zeigen, dass die räumliche
Unterschiede handelt. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass                Wahrnehmung von Frauen durch größere Bildschirme
Studien, die Unterschiede zwischen Frauen und Männern                      mehr verbessert werden kann als von Männern. Wie wirken
belegen, sehr viel häufiger zitiert werden, als Studien, die               sich größere Bildschirme in der konkreten Situation aus?
belegen, dass es keine Unterschiede gibt [23].                              Größere Bildschirme können für verschiedene Personen
    Eine günstige Vorgangsweise um geschlechtsspezifische               Vor- und/oder Nachteile haben, aufgrund verschiedener
Unterschiede in der Literatur einer kritischen Betrachtung zu           Faktoren, von denen einer das Geschlecht sein kann. Wichtig
unterziehen, richtet sich zum einen auf die Studien selbst: Wie         ist, die Inhalte vom biologischen Geschlecht zu lösen. Die
wurden solche Studien gemacht? Sind sie prinzipiell in sich             Fragestellung wird dadurch auch offener für weitere Faktoren.
sauber gemacht? Mit welcher Brille wurde das                            Eine entsprechende Hypothese könnte also sein:
Forschungsdesign gemacht? Welche Sprache wird verwendet?                   Durch größere Bildschirme kann die räumliche
Welche Vorannahmen spiegeln sich in den Ergebnissen? Zum                   Wahrnehmung bei verschiedenen Gruppen (Geschlecht,
anderen in der Recherche kritischer Perzeption: Wie werden                 Alter, kulturelles Umfeld, …) verbessert werden.
die Quellen in der Literatur diskutiert? Was wird kritisiert und
von wem? Was wird zitiert, und von wem?                                    In der Auswertung kann dann innerhalb der Personen mit
                                                                        besserer, gleicher und ev. schlechterer räumlicher
    Ein wichtiger Aspekt betrifft auch die Wiedergabe von               Wahrnehmung bei größeren Bildschirmen wieder die
Forschungsergebnissen, die „Forschungs-Stille-Post“: Durch              Kategorie Geschlecht betrachtet werden, wie auch die anderen
verallgemeinernde und reduzierte Wiedergabe werden                      Kategorien, die betrachtet wurden. Siehe dazu auch H.
Forschungsergebnisse verfälscht dargestellt, wie „Frauen haben
Schulterbeschwerden“ anstelle von „51 % der Frauen und 26 %             G. Formulierung qualitativer Fragestellungen
der Männer haben Schulterbeschwerden“ [24].
                                                                           An diesem Beispiel zeichnet sich darüber hinaus ein
   Im Projekt GENSISYS wurden zahlreiche                    für         weiteres Merkmal gendergerechter Forschung ab: die
Nutzungsschnittstellen relevante Studien gesichtet,         die         Formulierung qualitativer Fragestellungen. Mit quantitativen



                                                                   33
     Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien


Fragestellungen kann überwiegend auf vordefinierte                      Auswahlkriterien       für      Testpersonen     bzw.      als
Kategorien und Merkmale eingegangen werden, die per se                  Auswertungskriterien        (z.      B.      viel/mittel/wenig
dazu angetan sind, Vorannahmen zu bestätigen. Qualitative               Technikerfahrung). Darüber hinaus kommt hier ebenfalls die
Fragestellungen sind zwar aufwändiger auszuwerten, aber                 Diversity zum Zug. Es empfiehlt sich die (insbesondere
ergebnisoffener und daher prinzipiell besser geeignet für               inneren) Persönlichkeitsmerkmale (vgl. IV.H) auf Relevanz für
gendergerechtes Forschungsdesign.                                       das Projekt hin zu betrachten.
                                                                            Im Projekt MOBISENIORA wurden die Testpersonen z. B.
H. Gendergerecht Clustern                                               entlang einer Matrix ausgewählt, in der neben Geschlecht auch
    Ein wesentliches Merkmal quantitativer Studien sind                 Alter, Region und Nutzungserfahrung berücksichtigt war. Im
Cluster, die gebildet werden, um Aussagen über bestimmte                begleitenden Fragebogen zu den Usability-Tests wurden die
Gruppen zu treffen. Angesichts der Gefahr der Verstärkung               Testpersonen dann nach der wöchentlichen Gerätenutzung in
von Stereotypen empfiehlt es sich, nicht entlang vorgegebener           Stunden gefragt. In der Auswertung wurde der Median der
Merkmale wie Geschlecht, Alter etc. zu clustern, sondern                jeweiligen Gerätenutzung gebildet und daraus dann die
ergebnisoffen entlang von Faktoren, die sich aus der Studie             Gruppen gebildet (viel/wenig/keine Gerätenutzung), für die
selbst ergeben. Damit kann die Fortschreibung stereotyper               nach Korrelationen zu anderen Ergebnissen gesucht wurde.
Zuschreibungen vermieden werden.
    Innerhalb      dieser     Cluster     soll     dann     die         J.   Personas
Geschlechterverteilung betrachtet werden. Dies ist zentral, da             Personas werden in der Softwareentwicklung genutzt, um
ohne diesen Schritt die Kategorie „Gender“ aus dem Blick                ein user-oriented Design zu gewährleisten. Sie sollen den
geraten würde. Vorhandene Ungleichheiten würden dadurch                 EntwicklerInnen helfen, ihr Produkt durch „die Maske der
unsichtbar gemacht. Wolffram & Winker haben beispielsweise              UserInnen“ zu sehen [27]. Aus gendersensibler Sicht ist dieser
in einer Studie über technische StudienanfängerInnen zunächst           „Perspektivenwechsel“ besonders wichtig, da die meisten
nach      Technikhaltungen     geclustert    (z.B.    „einseitig        Teams in der Softwareentwicklung hauptsächlich aus Männern
technikzentrierte Haltung“, „distanzierte Technik- und                  mittleren Alters bestehen. Es besteht die Gefahr, dass z.B. die
Computerhaltung“),         und       erst      danach        die        weiblichen und älteren UserInnen nicht beachtet werden [28].
Geschlechterverteilungen innerhalb der fünf Gruppen
betrachtet. Mit einer solchen Vorgangsweise fällt es viel                   Personas wären deshalb theoretisch sehr gut geeignet, um
                                                                        ein gender- und diversitysensibles Design zu gewährleisten, da
leichter, der Falle vorschneller Zuschreibungen zu entgehen
                                                                        sich die EntwicklerInnen dadurch in die UserInnen
[25].
                                                                        hineinversetzen können. Das Problem dabei ist, dass Personas
    Ist dies nicht möglich, und müssen Cluster auf Basis vorher         immer eine gewisse Vereinfachung beinhalten müssen und
festgelegter Merkmale gebildet werden, so empfiehlt es sich             deshalb auch zu Stereotypisierung neigen. Die große
Merkmale zu wählen, die weniger durch Stereotypen geprägt               Herausforderung ist deshalb, die nötige Vereinfachung der
sind. Die inneren Persönlichkeitsmerkmale: Geschlecht, Alter,           Komplexität und die Beschreibung der individuellen
soziale        Herkunft,       Ethnie,     geistige/körperliche         Diversitätsfaktoren im richtigen Maß gegeneinander
Fähigkeiten/Einschränkungen, sexuelle Orientierung [26] und             abzuwägen [29/30].
zusätzlich auch Religion/Weltanschauung sind häufiger mit
Vorannahmen verknüpft und damit sind stereotype                             Personas stellen Entwicklungsteams also vor eine
                                                                        schwierige Aufgabe: Zum einen sollen sie typische
Zuschreibungen (die es immer gibt) schwerer erkennbar.
                                                                        NutzerInnen abbilden, müssen also „geclustert“ sein und bei
   Im Projekt GEMPLAY wurde beispielsweise nach                         den einzelnen Merkmalen mittlere Werte darstellen. Zum
„Spielertypen“ geclustert, innerhalb derer dann die                     anderen widerspricht eine Clusterung der Zielgruppen ganz
Geschlechter- und Altersverteilung betrachtet wurde.                    prinzipiell der Forderung nach einer Berücksichtigung der
                                                                        Interessen und Lebensrealitäten der einzelnen Zielpersonen, da
    Eine gute Möglichkeit besteht darin, bereits in das Design
                                                                        dabei immer Details verloren gehen müssen. Sie sollen also
einer quantitativen Befragung mögliche Auswirkungen von
                                                                        typisch sein, aber trotzdem nicht stereotyp.
Lebensrealitäten einfließen zu lassen. So wurde im Projekt
GEMPLAY beispielsweise nach Zeitverwendung und                              Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von
Freizeitverhalten gefragt. Dies kann allerdings qualitative             Personas ist damit die oben beschriebene Selbstreflexion der
Befragungen nicht ersetzen.                                             eigenen Zuschreibungen und stereotyper Vorstellungen über
                                                                        Personengruppen. Auch Personas sollen die Lebensrealitäten
I.  Partizipative Methoden und Auswahl von Testpersonen                 der Zielpersonen möglichst realistisch darstellen. Eine weitere
    Wie dargestellt, sind partizipative Methoden, die                   sinnvolle Vorgangsweise besteht darin, die Clusterungen nicht
NutzerInnen in den Forschungs- und Designprozess                        entlang vorher festgelegter Merkmale vorzunehmen, sondern
einbeziehen, für gendergerechte Forschung unerlässlich.                 anhand von Merkmalen, die sich aus der User Reseach
                                                                        ergeben, in der Weise wie oben am Beispiel der Studie von
    Zentral ist hier die Auswahl der Testpersonen. Mindestens           Wolffram beschrieben.
ebenso wichtig wie eine ausgewogene Zusammensetzung nach
biologischem Geschlecht ist die Berücksichtigung der drei
oben genannten Merkmale raumzeitliche Rahmenbedingungen,
Technikhaltungen sowie Technikaffinität und –erfahrung als


                                                                   34
      Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien


                               VI. FAZIT                                             [7]  Joost, Gesche, Bessing, Nina und Buchmüller, Sandra, G – Gender
                                                                                          Inspired Technology, (2010). In: Ernst, Waltraud (Hrsg.). (2010).
   Die Vorschläge der AutorInnen für ein gendergerechtes                                  Geschlecht und Innovation. Gender-Mainstreaming im Techno-
Forschungsdesign im für digitale Medien betreffen                                         Wissenschaftsbetrieb. Internationale Frauen- und Genderforschung in
unterschiedliche Aspekte der quantitativen und qualitativen                               Niedersachsen. Teilband 4. Lit-Verlag. Berlin.
Forschung:                                                                           [8] Buchmüller, Sandra, Joost, Gesche, Bessing, Nina und Stein, Stephanie,
                                                                                          Bridging the gender and generation gap by ICT applying a participatory
      • die qualitative Formulierung von Forschungsfragen und                             design process. In: Personal and Ubiquitous Computing 15 (7), (2011),
                                                                                          S. 743–758. DOI: 10.1007/s00779-011-0388-y.
        Hypothesen        in      einer     offenen,     nicht
        geschlechtsspezifischen Weise;                                               [9] SCHRAUDNER, M. "Discover Gender: Das Potenzial von Gender für
                                                                                          die Forschung, Gender Kompetenz Zentrum, 2006b." (2006).
      • die      Blickrichtung       auf       raum-zeitliche                        [10] Maaß, S., Draude, C. & Wajda, K. (2014). Das GERD-Modell. In.
        Rahmenbedingungen und Lebensrealitäten (z.B.                                      Marsden, N. & Kempf, U. (Hrsg.): Gender-UseIT - HCI, Web-Usability
                                                                                          und User Experience unter Gendergesichtspunkten. Oldenbourg. S. 127-
        Betreuungspflichten); auf Selbstzuschreibungen, und                               141. S.68.
        Technikhaltungen;
                                                                                     [11] Friesenhahn, Günter. (2016). Stereotypen und Vorurteile. Modul
      • die kritische Quellenbetrachtung, insbesondere von                                „Interkulturelles Lernen“ auf dem Portal der Fachstelle für
                                                                                          Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland eV IJAB.
        geschlechtsspezifischen Ergebnissen außerhalb von                                 https://www.
        biologischer Forschung;                                                           dija.de/fileadmin/medien/downloads/Dokumente/Guenter2IKL.pdf,
                                                                                          zuletzt abgerufen am 28.10.2017. S. 1.
      • eine genaue Sprache bei der Wiedergabe                                       [12] Erharter, Dorothea, G-U-T Guideline. http://www.zimd.at/gut-guideline-
        geschlechtsspezifischer Forschungsergebnisse;                                     checklist, (2013), zuletzt abgerufen 2017-09-17.
      • für quantitative Studien eine stereotypenresistente                          [13] Erharter, D. (2014). Gender- und Diversity-Faktoren in interaktiven
                                                                                          Medien. In: Markus Seidl & Grischa Schmiedl (Hrsg.): Forum
        Vorgehensweise zu Clusterung und Auswertung;                                      Medientechnik - Next Generation, New Ideas. Glückstadt.
      • für qualitative Studien die Ausschöpfung des Potenzials                      [14] Amann-Hechenberger, B., Buchegger, B., Erharter, D., Felmer, V., Fitz,
                                                                                          B., Jungwirth, B., Kettinger, M., Schwarz, S., Knoll, B., Schwaninger,
        partizipativer Forschungs- und Designmethoden;                                    T. & Xharo, E. (2015). Tablet & Smartphone: Seniorinnen und Senioren
      • eine diversitätsbewusste Auswahl von Testpersonen;                                in der mobilen digitalen Welt. Forschungsbericht zum Projekt
                                                                                          „mobi.senior.A“. Wien.
      • das explizite Beschreiben von nicht-vorhandenen                              [15] Erharter, D. & Xharo, E. (2014). Gendability. Gender & Diversity
        Unterschieden, wenn keine gefunden wurden.                                        bewirken innovative Produkte. In: Marsden, N. & Kempf, U. (Hrsg.):
                                                                                          Gender-UseIT 2014 (#GUI2014). HCI, Web-Usability und UX unter
    Wichtig ist, diese Vorschläge zu gendergerechtem                                      Gendergesichtspunkten. S. 127–141.
Forschungsdesign    in   Medien-Projekten      nicht    als                          [16] Erharter, D., Jungwirth, B., Knoll, B., Schwarz, S., Posch, P. & Xharo,
Einzelmaßnahmen, sondern als Paket zu betrachten und                                      E. (2014). Smartphones, Tablets, App für Seniorinnen und Senioren. In:
                                                                                          Kemper, Guido (Hrsg.): Assistenztechnik für betreutes Wohnen. AAL
anzuwenden. Natürlich kann schon die Anwendung einer                                      Testregion Westösterreich. Tagungsband zum uDay XII. S. 221-235
einzelnen Maßnahme wichtig und sinnvoll sein, doch erst im                           [17] Bidwell-Steiner, M. & Krammer, S. (2010). (Un)Doing Gender als
Paket können die Vorschläge ihre volle Innovationskraft                                   gelebtes Unterrichtsprinzip: Sprache - Politik – Performanz. Wien.
entfalten.                                                                           [18] Scambor, E. & Zimmer, F. (2012). Die intersektionelle Stadt. Bielefeld:
                                                                                          transcript.
                              REFERENCES                                             [19] Connell, R. (1999). Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von
                                                                                          Männlichkeiten. Berlin: Springer.
[1]   Rat für Forschung und Technologieentwicklung, FAS.research (Hg.),
      Excellente      Netzwerke       (2005),    http://www.fas.at/download-         [20] Precht, R. D. (2010). Liebe. Ein unordentliches Gefühl. München.
      document?gid=253, zuletzt abgerufen 2014-02-28. S.37.                          [21] Hammerl, E. (2009). Was ist Gender? Geschlechtsspezifische
                                                                                          Rollenzuweisungen und ihre alltäglichen Auswirkungen. In:
[2]   Bührer, S., & Schraudner, M. (Eds.) (2006). Wie können Gender-
                                                                                          Hochleithner, M. (Hg): Gender Medicine. Ringvorlesung an der
      Aspekte in Forschungsvorhaben erkannt und bewertet werden?
                                                                                          Medizinischen Universität Innsbruck. Band 2. Wien. S. 9-17.
      Karlsruhe: Fraunhofer Verlag.
                                                                                     [22] Neyer, F. J. & Asendorpf, J. B. (2012). Geschlechtsunterschiede. Grafik
[3]   Schiebinger, L. & Klinge, I. (2013). Gendered Innovations. How Gender
                                                                                          abgerufen von http://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-642-
      Analysis Contributes to Research. Report oft he Expert Group
      „Innovation through Gender“. European Commission.                                   30264-0_7#page-1 am 26.02.2014.
[4]   http://www.aee-                                                                [23] Fine, Cordelia (2012). Die Geschlechterlüge. Stuttgart: Klett-Cotta
      now.at/cms/index.php?id=8&L=1&tx_ttnews[pointer]=15&tx_ttnews[p                     Verlag.
      S]=1474236999&tx_ttnews[tt_news]=116&tx_ttnews[backPid]=7&cHa                  [24] Erharter, Dorothea (2015): Gender- und Diversity-Dimensionen in der
      sh=077feda4d8, zuletzt abgerufen am 28.10.2017                                      Entwicklung von IKT-Projekten. In: Barke, Helena, Siegeris, Juliane,
                                                                                          Freiheit, Jörn & Krefting, Dagmar (Hrsg). Gender und IT-Projekte:
[5]   Häusler, E., Steinmann, R., Gartner, G., Schmidt, M. (2010): The
                                                                                          Neue Wege zu digitaler Teilhabe. Leverkusen. Budrich UniPress Ltd.
      FEMroute Project – A Gender-Sensitive Approach to Route Planning
                                                                                          ISBN 978-3863887094.
      Systems for Pedestrians Keynote Lecture, 7th International Symposium
      on Location Based Services & TeleCartography, Guangzhou, China In:             [25] Wolffram, A. & Winker, G. (2005). Technikhaltungen von
      Proceedings of the 7th International Symposium on Location Based                    Studienanfängerinnen und -anfängern in technischen Studiengängen.
      Services & TeleCartography", G. Gartner, Y. Li (ed.), 124 - 128                     Auswertungsbericht der Erstsemesterbefragung an der TUHH im WS
                                                                                          03/04.
[6]   Bath, C. (2007). Discover Gender in Forschung und
      Technologieentwicklung.           Soziale        Technik        4/2007.        [26] Gardenswartz, L. & Rowe, A. (2002). Diverse Teams at Work. Society
      www.sts.aau.at/ias/content/download/1656/7774. Zuletzt abgerufen                    for Human Resource Management. 2002.
      5.10.2014. S.2.                                                                [27] Nielsen, Lene. (2012). Personas - User Focused Design. ISBN-13: 978-
                                                                                          1447140832.



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     Gendergerechtes Forschungsdesign für Digitale Medien


[28] Oudshoorn, Nelly, Rommes, Els & Stienstra Marcelle (2004):                    [30] Marsden, Nicola, Link, Jasmin, & Büllesfeld, Elisabeth. (2014).
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