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      <title-group>
        <article-title>NotrufPlus - ein standort- und internetbasiertes Notruf- Kommunikationssystem</article-title>
      </title-group>
      <contrib-group>
        <contrib contrib-type="author">
          <string-name>Manuel Eckert</string-name>
          <email>manuel.eckert@th-brandenburg.de</email>
          <xref ref-type="aff" rid="aff0">0</xref>
        </contrib>
        <aff id="aff0">
          <label>0</label>
          <institution>Technische Hochschule Brandenburg</institution>
        </aff>
      </contrib-group>
      <pub-date>
        <year>2017</year>
      </pub-date>
      <fpage>39</fpage>
      <lpage>52</lpage>
      <abstract>
        <p>The current situation of emergency handling in Germany is not adapted to the needs of the citizens and to the current technical possibilities. Thus, e.g. speech- or hearing-impaired people still have to overcome barriers to make an emergency call. And even if an emergency call has been made, a dialogue between the person in an emergency and a public-safety answering point is difficult or impossible under the current conditions. The functionality for satellitebased location determination, which has been integrated into smartphones for many years, is also not used in the processing of an emergency call. In this article the current state of technology as well as the problems of the current situation are described and existing and planned solution approaches are evaluated. Finally, an innovative solution is presented, which is clearly outclass to the others and represents the possible future of the emergency call.</p>
      </abstract>
    </article-meta>
  </front>
  <body>
    <sec id="sec-1">
      <title>-</title>
      <p>1 s. http://www.maz-online.de/Lokales/Havelland/Familie-muss-Wanderweg-verlassen-haben</p>
      <p>
        Die Bundesregierung hat diese Problematik erkannt und bereits im
Koalitionsvertrag2 von Dezember 2013 die Einführung neuer Systeme angekündigt. Der
Schwerpunkt wird dabei auf einen Notruf ohne Sprachverbindung gelegt. Jedoch ist bis heute
keines der genannten Systeme eingeführt worden. Daher bieten verschiedene Anbieter
von Apps beispielsweise die Möglichkeit, die Informationen an die für den
Gehörlosennotruf installierten FAX-Geräte zu übermitteln oder die notwendigen Informationen
auf anderem Weg verfügbar zu machen [
        <xref ref-type="bibr" rid="ref10 ref11 ref12 ref13 ref8">8, 10, 11, 12, 13</xref>
        ]. Diese Apps, der aktuelle
Stand der Technik sowie eine innovative Lösung werden im Folgenden näher erläutert.
      </p>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>Aktuelle Notruf-Situation</title>
      <sec id="sec-2-1">
        <title>Allgemeiner Notruf</title>
        <p>
          Der deutsche Notruf kann in Sprachform von einem Festnetztelefon sowie einem
Mobilfunktelefon und in Textform als FAX sowie in einigen Regionen als SMS [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref5">5</xref>
          ]
abgesetzt werden. Anhand des durch das Übertragungsnetz ermittelten Standortes wird die
entsprechende Leitstelle ermittelt. Bei einem Festnetztelefon und beim FAX ist der
Standort durch die Adresse des jeweiligen Telefonanschlusses sowie der
entsprechenden Ortsnetzkennzahl festgelegt. Bei einem Mobilfunktelefon (Sprache/SMS) ist der
Standort durch die Mobilfunkzelle, mit welcher das Mobilfunktelefon verbunden ist,
gegeben [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref1">1</xref>
          ]. In ländlichen Regionen kann eine solche Mobilfunkzelle einen Radius von
mehreren Kilometern besitzen. Da der übertragene Standort bei einem Notruf aus dem
Mobilfunknetzt den Netzknoten im Zentrum der Mobilfunkzelle darstellt, ist die
maximale Abweichung zum eigentlichen Notruf-Standort gleich dem Radius der
entsprechenden Mobilfunkzelle,- demnach mehrere Kilometer [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref19 ref23">19, 23</xref>
          ].
        </p>
        <p>Um die Positionsbestimmung im GSM-Netz zu verbessern, werden verschiedene
Techniken eingesetzt. Wie in Abbildung1 zu sehen, kann die Mobilfunkzelle aus
mehreren Sektor-Antennen bestehen und somit den Suchbereich verringern (Abb.1 B).
Weiterhin kann die Technik „Timing Advance“ (Abb.1 C) eingesetzt werden, um
anhand der Signallaufzeit zwischen Mobilfunksender und Mobilfunkgerät auf eine
ungefähre Entfernung zum Sendemast zu schließen. Da mit Timing Advance eine
Genauigkeit von 550m erreicht werden kann, ergibt sich ein entsprechender Bogen als Suchfeld.
Eine weitere Genauigkeit ist hierbei nur zu erreichen, wenn die notrufende Person
zusätzliche Informationen liefern kann, wie z.B. die Straße, auf der sie sich befindet
(Abb.1 D).</p>
        <p>
          Genauere GSM-Positionsbestimmungsverfahren wie “Enhanced Cell Global
Identity” (E-CGI), bei dem vom Mobilfunktelefon die Signalwerte mindestens drei
umliegender Funkmasten ausgewertet und zur Positionsbestimmung genutzt werden, oder
“Enhanced Observed Time Difference” (E-OTD), bei dem nacheinander zu mindestens
drei Funkmasten eine Verbindung aufgebaut wird und anhand der zu jedem Funkmast
gesendeten Pakete und deren Signallaufzeit die Position durch Triangulation bestimmt
wird, kommen in der Praxis nicht zum Einsatz [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref19">19</xref>
          ].
2
https://www.bundesregierung.de/Content/DE/_Anlagen/2013/2013-12-17koalitionsvertrag.pdf
        </p>
        <p>
          Abbildung 1. Positionsbestimmung im GSM-Netz [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref19">19</xref>
          ]
Während E-OTD einen hohen Kostenaufwand darstellt, da die Netzbetreiber hierzu
zusätzliche Technik beschaffen müssten, ist auch E-CGI für die Praxis eher weniger
geeignet, da die Berechnung aufwendig sowie ungenau und somit die Nutzung von
Satellitengestützten Standort-Bestimmungs-Verfahren effektiver und effizienter ist [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref19">19</xref>
          ].
2.2
        </p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-2">
        <title>Notruf für sprach- oder hörgeschädigte Menschen</title>
        <p>
          Der Umstand, dass Notrufe laut TKG, TR-Notruf und NotrufV ausschließlich über das
Telekommunikationsnetz (Sprache, FAX) bei einer Rettungsleitstelle eingehen dürfen,
stellt ein großes Problem für sprach- und hörgeschädigte Menschen dar. Selbst der
SMS-Notruf, welcher von einigen Leitstellen angeboten wird, ist strenggenommen kein
rechtsgültiger Notruf. Es existiert demnach keine Möglichkeit für sprach- und
hörgeschädigte Menschen, einen Notruf abzusetzen, wenn Sie nicht zuhause sind [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref1 ref3 ref4">1, 3, 4</xref>
          ].
3
3.1
        </p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Aktuelle Notruf-Apps und Relay-Dienste</title>
      <sec id="sec-3-1">
        <title>Apps mit Umwandlung zu FAX</title>
        <p>
          Auf dem Markt gibt es verschiedene Anbieter kommerzieller Apps, die den Notruf per
„Knopfdruck“ ermöglichen. So bietet die App „HandHelp“3 die Möglichkeit, anhand
von Kategorie und Ereignisauswahl, inkl. weiterer optionaler Antwortauswahl zu den
3 https://www.app-sos.com/
5 W-Fragen4, einen Notruf abzusetzen sowie vordefinierte Vertrauenspersonen zu
alarmieren [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref8">8</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Bei der Notrufmeldung an die Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienste werden die
interaktiv ermittelten Informationen zusammen mit zuvor gespeicherten
Gesundheitsdaten und weiteren persönlichen Informationen sowie der mittels Ortungsfunktionen5
des Mobilgerätes ermittelten Standortposition via FAX und E-Mail übertragen.
Zusätzlich wird ein optionaler Link zu dem vom Mobilgerät aufgenommenen Audio-,
Bildoder Videomaterial angefügt [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref8">8</xref>
          ].
        </p>
        <p>Da die Notrufmeldung bei dieser Lösung jedoch nur via FAX und E-Mail an die
zuständige Rettungsleitstelle übermittelt wird und die E-Mail nur sporadisch abgerufen
wird bzw. den jeweiligen Disponenten oder den App Nutzern nicht zur Verfügung steht,
kann hier kein Dialog zwischen Notrufenden und Disponenten stattfinden.
3.2</p>
      </sec>
      <sec id="sec-3-2">
        <title>Apps mit eigener Vermittlungszentrale</title>
        <p>
          Bei Hausnotrufsystemen wie dem Hausnotruf vom DRK6 ist es eine
Vermittlungszentrale, die den Kontakt mit der notrufenden Person aufnimmt und bedarfsgerecht die
zuständige Rettungsleitstelle alarmiert [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref9">9</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Beim Hausnotruf kommt eine Basisstation in Verbindung mit einem Notrufsender
in Form eines Knopfes am Handgelenk oder als Kette zum Einsatz. Nach dem Betätigen
des Notrufknopfes wird Sprechkontakt zu der DRK Zentrale aufgebaut und darüber die
Notsituation geschildert und bewertet [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref9">9</xref>
          ]. Zusätzlich bietet das DRK einen Mobilruf7
in Form einer App, die den per Satellitenortung ermittelten Standort sowie zuvor
eingegebene medizinische Daten an die DRK-Notrufzentrale übermittelt und einen
Sprachanruf zu dieser auslöst. Über den Sprachkanal wird auch hier die Notsituation
geschildert und bewertet, um erforderlichenfalls die zuständige Rettungsleitstelle zu
verständigen. Zusätzlich können Kontaktpersonen informiert werden [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref10">10</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Ein weiterer Anwendungsfall für Apps mit eigener Vermittlungszentrale ist der
Unfallmeldestecker der deutschen Versicherer [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref11">11</xref>
          ]. Hierbei handelt es sich um einen
Stecker für die 12V-Steckdose im Kfz, welcher via Bluetooth mit der entsprechenden, auf
einem Smartphone installierten, App verbunden ist. Bei der Erkennung eines Unfalls
durch die im Stecker verbauten Sensoren, wird durch die App der aktuelle Standort
ermittelt und eine Sprachverbindung mit der Notrufzentrale der Autoversicherer
aufgebaut. Diese hat durch die Übermittlung der App Zugriff auf die Standortinformationen
und kann nach dem Gespräch mit der verunfallten Person erforderlichenfalls die
zuständige Rettungsleitstelle alarmieren. Bei Bedarf kann die Kontaktaufnahme mit der
Notrufzentrale der Autoversicherer auch manuell über die App ausgelöst werden [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref11">11</xref>
          ].
4 WO geschah es? WAS geschah? WIE viele Verletzte? WELCHE Art von Verletzungen?
        </p>
        <p>
          WARTEN auf Rückfragen?
5 GPS, Mobilfunk, WLAN
6 Deutsches Rotes Kreuz Hausnotruf siehe [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref9">9</xref>
          ]
7 DRK Mobilruf siehe [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref10">10</xref>
          ]
        </p>
        <p>Bei Notruf-Lösungen mit eigener Vermittlungszentrale besteht die Gefahr eines
Informationsverlustes durch den fehlenden Dialog zwischen Rettungsleitstelle und
Notrufenden sowie das Problem, dass die Rettungsleitstelle nicht direkt auf den Standort
zugreifen und diesen in das Rettungsleitsystem übernehmen kann. Der Standort muss
auch hier via Sprache beschrieben oder durchgegeben werden. Größter Nachteil dieser
Lösungen ist die Zeitverzögerung, welche bei einer Vermittlung unausweichlich ist.
3.3</p>
      </sec>
      <sec id="sec-3-3">
        <title>Apps als Hilfsmittel zur Standortbestimmung</title>
        <p>Um eine notrufende Person zu orten und die genaue Standortposition zu erhalten wurde
von den Rettungsdiensten bereits notgedrungen auf Anwendungen wie WhatsApp8
zurückgegriffen. Die Polizei Brandenburg hat beispielsweise in ihrer App9 eine Funktion
integriert, welche die aktuelle GPS-Position des Smartphones anzeigt. Diese Position
kann man im Notfall der Rettungsleitstelle fernmündlich durchgeben.</p>
        <p>
          Eine weitere Variante stellt der Dienst Echo112 dar. Hier wird durch die
entsprechende App der Notruf ausgelöst und zuvor die aktuell ermittelte Position an das
System übertragen. Die Notrufleitstelle kann dann auf der Webseite des Anbieters, anhand
der Rufnummer der notrufenden Person, die Position erhalten. Es besteht zudem die
Möglichkeit, falls die entsprechende App nicht installiert ist, von der Rettungsleitstelle
einen speziellen Link als SMS zu erhalten, durch den die notrufende Person auf eine
Webseite geleitet wird, die den Standort des Smartphones übernimmt und speichert.
Die Rettungsleitstelle kann somit den vom Smartphone ermittelten Standort erhalten,
ohne dass bei der notrufenden Person eine spezielle App installiert sein muss [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref12">12</xref>
          ].
        </p>
        <p>Die Problematik, dass bei der fernmündlichen Durchgabe von GPS-Koordinaten
leicht Fehler auftreten können, wird von Echo112 gut gelöst. Jedoch sind die
Aktivierung des Systems bzw. der Abruf der Daten nachgelagerte Prozesse, die einen
zusätzlichen zeitlichen Aufwand bedürfen.
3.4</p>
      </sec>
      <sec id="sec-3-4">
        <title>Apps für sprach- und hörgeschädigte Menschen</title>
        <p>
          Für sprach- und hörgeschädigte Menschen, die rechtlich und praktisch gesehen nur das
FAX als Kommunikationsmittel für Notrufe nutzen können, bieten die Tess
RelayDienste verschiedene Möglichkeiten zur Kommunikation mit dem
Tess-Vermittlungsdienst [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref13">13</xref>
          ]. Mit einer speziellen Software, dem Browser oder einer App10 kann im
Notfall mit einem Mitarbeiter von Tess gechattet werden, welcher im Bedarfsfall die
zuständige Rettungsleitstelle informiert. Sprach- und hörgeschädigte Menschen, die
Schwierigkeiten mit der Schriftsprache haben, können mit der speziellen Software,
ei8
http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-in-berlin-und-brandenburg-notruf-per-sms-undwhatsapp-vorgeschlagen/12325388.html
http://www.maz-online.de/Brandenburg/Feuerwehr-reformiert-Notruf-mit-WhatsApp
9 Flyer der App von der Polizei Brandenburg
https://polizei.brandenburg.de/fm/32/2013_Polizei_Flyer_App.pdf
10 myMMX Tess – Relay-Dienste
nem SIP-Videotelefon oder der Tess-App mit einem Gebärdendolmetscher in
Verbindung treten. Dieser kommuniziert dann in Gebärdensprache mit der notrufenden Person
und vermittelt zur zuständigen Notrufleitstelle. Bei beiden Varianten ist zusätzlich die
Lautsprache zur Kommunikation einsetzbar [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref13">13</xref>
          ]. Der Vermittlungsdienst Tess
übermittelt keinen vom Endgerät ermittelten Standort und ist aktuell nur von 8:00 bis 23:00
Uhr erreichbar. Die Erreichbarkeit soll jedoch durch eine beschlossene Änderung des
Telekommunikationsgesetzes auf 24h erweitert werden [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref13">13</xref>
          ].
        </p>
        <p>Abgesehen von der aktuell noch geltenden Erreichbarkeit sind die Nachteile von
Tess mit denen von anderen Vermittlungsdiensten gleichzusetzen (möglicher
Informationsverlust, zeitliche Verzögerung). Hinzu kommt hierbei der Umstand, dass sich Tess
ausschließlich auf die Kommunikationsmöglichkeit fokussiert und keine Standortdaten
mit ihrer App auswertet oder verarbeitet.</p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Rechtliche Änderungen und Fortschritt</title>
      <sec id="sec-4-1">
        <title>TR-Notruf und die NotrufV</title>
        <p>
          Im Telekommunikationsgesetz11 sind die bei einem Notruf zu übermittelnden Daten
festgelegt. Erforderlich sind demnach die Rufnummer des Anschlusses, von dem die
Notrufverbindung ausgeht, und die Daten, die zur Ermittlung des Standortes
erforderlich sind, von dem die Notrufverbindung ausgeht [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref3 ref4">3, 4</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Im aktuellen Entwurf der TR-Notruf [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref2">2</xref>
          ] ist, im Gegensatz zur TR-Notruf 1.0 [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref1">1</xref>
          ],
zwischen eCall12 und der vom Endgerät ermittelten Standortinformation differenziert.
Es wird festgelegt: „Informationen zu dem vom Endgerät festgestellten Standort sind
mittels &lt;device&gt; element ... zu übertragen“ [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref2">2</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Beschrieben wird hier das Format, wie die Standortinformationen im Body einer
SIP13-Nachricht zu übertragen sind [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref6 ref7">6, 7</xref>
          ]. Dies lässt auf eine zukünftige Lösung
schließen, in der von der vollumfänglichen Umstellung auf VoIP14 ausgegangen wird. Wenn
Telefonie unabhängig von den Endgeräten ausschließlich via SIP stattfindet, ist die
Anreicherung der Datenpakete mit weiteren Informationen ein sinniger und effektiver
Ansatz. Nur müssen zum einen dafür alle Systeme und Schnittstellen angepasst werden,
was viel Zeit in Anspruch nehmen wird15. Zum anderen ist damit lediglich die
Übertragung des Standorts und eventuell weiteren Informationen sichergestellt.
        </p>
        <p>
          Die Notwendigkeit einer alternativen mobilen Kommunikation für sprach- und
hörgeschädigte Menschen ist mit dieser Lösung jedoch noch nicht berücksichtigt. Erst
wenn auch andere Datenpakete (als SIP Audio) für einen Notruf zugelassen und
spezifiziert werden, können Kommunikationsmittel wie Chat oder die Bild- und
Videoübertragung die Barrierefreiheit gewährleisten.
11 Telekommunikationsgesetz (TKG) §108 Notruf
12 Siehe Abschnitt 4.2
13 Session Initiation Protocol – Protokoll für VoIP
14 VoIP (Voice over IP) – IP-Telefonie
15 Siehe eCall und dessen Entwicklungszeit
4.2
eCall
Ursprünglich als Jugend forscht-Projekt mit dem Namen GSM-Schutzengel [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref17">17</xref>
          ] im
Jahr 2001 vorgestellt, wurde eCall von der Europäischen Kommission seit dem Jahr
2002 mit der Initiative eSafety [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref15">15</xref>
          ] weiterentwickelt und getestet [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref16">16</xref>
          ]. Die
flächendeckende Einführung von eCall wurde von 2009 zunächst auf das Jahr 2015 verschoben.
Seit dem 01.10.2017 sollten alle Notrufabfragestellen mit der Technik ausgerüstet
worden sein. Die Ausstattung von Fahrzeugen mit dem eCall-System wird ab 31.03.2018
zur Pflicht für neu typengenehmigte Fahrzeuge [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref14">14</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Wenn bei einem mit eCall ausgestatteten Fahrzeug durch Crash-Sensoren ein Unfall
erkannt wird, wird automatisch eine eCall-Telefonverbindung zur 112 ausgelöst. Über
diese Telefonverbindung wird zunächst durch ein Inband-Modem16 das MSD17
übertragen und anschließend auf die Sprachverbindung umgestellt [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref18">18</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Das MSD hat eine Größe von 140 Byte und besteht aus den verschiedenen
Informationen, wie die GPS-Position, die Fahrtrichtung, die Anzahl der Passagiere18, einem
Zeitstempel sowie weitere Informationen zum Fahrzeug und optionale Daten. Die
Übertragung des MSD dauert maximal 4 Sekunden [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref18">18</xref>
          ].
        </p>
        <p>
          Abbildung 2. Vereinfachte Darstellung des eCall Systems [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref18">18</xref>
          ]
Wie in Abbildung 2 zu sehen, werden bei Auslösen eines eCalls die notwendigen Daten
inkl. der aktuellen GPS-Position aufbereitet und als MSD zur Rettungsleitstelle
(PSAP19) gesandt. In der Rettungsleitstelle wird der ankommende eCall als solcher
erkannt und nach dem Rufaufbau das MSD verarbeitet. Wenn die Verarbeitung des MSD
16 Überträgt die Daten als Töne codiert über den Audiokanal, wie seinerzeit Akustikkoppler
17 Minimal Set of Data – der festgelegte Datensatz zur Übermittlung bei einem eCall
18 Die Anzahl der geschlossenen Sicherheitsgurte
19 Public Safety Answering Point
abgeschlossen ist, wird auf beiden Endpunkten auf Sprachkommunikation geschaltet.
Während der Disponent in der Rettungsleitstelle nun mit der notrufenden Person
sprechen kann, wurden die Informationen aus dem MSD in die Leitstellensoftware
übernommen und auf dem Monitor angezeigt.
        </p>
        <p>Durch die eCall Technik sind hilfreiche Informationen sofort in der Leitstelle
verfügbar. Doch dieses System ist lediglich für den Verkehrsbereich konzipiert und es ist
ungewiss, wie lange es dauern wird, bis alle Fahrzeuge damit ausgestattet sind. Eine
zusätzliche Lösung für alle Lebenslagen, welche auch den barrierefreien Notruf inkl.
Dialog ermöglicht, muss noch eingeführt werden.
5</p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-5">
      <title>Innovatives Notruf-System NotrufPlus</title>
      <p>Aus den vorherigen Abschnitten ist ersichtlich, dass durchaus konkrete Lösungsansätze
für die heutigen Probleme beim deutschen Notruf existieren. So sollten folgende Punkte
als Kriterien für ein zeitgemäßes Notruf-System definiert werden:
 Nutzung des vom Endgerät ermittelten Standortes (z.B. GPS) und digitale
Übertragung zur Rettungsleitstelle (PSAP)
 direkter Dialog zwischen notrufender Person und Rettungsleitstelle
 Ermöglichung einer nonverbalen Kommunikation (z.B. Chat)
 Übertragungsmöglichkeit von zuvor gespeicherten persönlichen, insbesondere
medizinischen Daten
 Übertragungsmöglichkeit von Bildern, Videos oder Links
Im Folgenden werden der Aufbau und die Funktionsweise eines innovativen
NotrufSystems erläutert, welches die genannten Kriterien erfüllt, einen barrierefreien Zugang
zu Notrufdiensten ermöglicht und dabei die Bearbeitungszeit reduziert. Das System
trägt den Namen NotrufPlus und ist seit August 2017 als Pilotprojekt bei der
Rettungsleitstelle Brandenburg an der Havel im Einsatz.
5.1</p>
      <sec id="sec-5-1">
        <title>Aufbau des NotrufPlus-Systems</title>
        <p>
          Das heutzutage nicht mehr wegzudenkende und beinahe allumfassende
Kommunikationsmittel Smartphone wird für immer mehr Anwendungsfälle genutzt und erfreut sich
immer größerer Beliebtheit. So nutzen heute beinahe 97% aller Deutschen unter 50
Jahre ein Smartphone. Insgesamt betrachtet nutzen 81% aller Deutschen ein
Smartphone [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref20">20</xref>
          ]. Obwohl nun gerade bei einem Smartphone die größten Probleme bei der
Positionsbestimmung und Barrierefreiheit in Bezug auf den Notruf liegen, sind ebenso
die besten Voraussetzungen für deren Lösung gegeben.
        </p>
        <p>Um diese Voraussetzungen ideal zu nutzen besteht das NotrufPlus-System aus einer
App, einem Server-System und einem webbasierten Client. Das Server-System
ermöglicht, als zentrales Bindeglied zwischen der App und dem Webclient, die
Datenaufbereitung und Notruf-Koordinierung. Auf der Seite der Notrufenden kommt eine App
zum Einsatz, mit der die Position sowie weitere entscheidende Informationen über das
NotrufPlus Server-System zur zuständigen Rettungsleitstelle gesandt werden. Dies
geschieht zusätzlich zum „regulären“ Notruf, welcher ebenfalls von der App ausgelöst
wird20. Die Rettungsleitstelle kann mit dem NotrufPlus Kommunikations-Client
(Webclient) über den PC auf die eingehenden Notrufe und deren Zusatzinformationen
zugreifen, diese bearbeiten und notwendige Daten direkt in die Leitstellensoftware
kopieren.</p>
        <p>Abbildung 3. Grundarchitektur des NotrufPlus-Systems
5.2</p>
      </sec>
      <sec id="sec-5-2">
        <title>NotrufPlus App</title>
        <p>Die NotrufPlus App bietet die Möglichkeit, mit einer einfachen Ereignisauswahl (siehe
Abbildung 4) einen Notruf abzusetzen. Die Steuerung der App kann dabei per Touch,
aber auch per Sprache erfolgen, so dass diese auch von sprach- oder hörgeschädigten
Menschen bedient werden kann. Weiterhin ist eine Fernbedienung bzw. ein
NotrufKnopf vorgesehen, welcher via Bluetooth mit dem Smartphone verbunden ist und
verschiedene Funktionen für das Auslösen eines Notrufs bietet. In den Einstellungen der
App können informelle und medizinische persönliche Daten eingegeben und
gespeichert werden.</p>
        <p>Beim Auslösen eines Notrufs wird von der App automatisch anhand der aktuell
genauesten Methode (GNSS21, WLAN, Mobilfunk) der aktuelle Standort ermittelt und
zusammen mit dem gewählten Ereignis sowie den gespeicherten persönlichen Daten an
das NotrufPlus Server-System übertragen. Zusätzlich wird, wenn dies in den
Einstellungen nicht wegen einer Sprach- oder Hörschädigung deaktiviert wurde, eine
Sprachverbindung über das Mobilfunknetz zur zuständigen Rettungsleitstelle aufgebaut.
20 Um die aktuell geltenden gesetzlichen Anforderungen an einen Notruf zu erfüllen, wird durch
die App zusätzlich ein sprachbasierter Notruf ausgelöst.
21 globales Navigationssatellitensystem – Oberbegriff für GPS, Galileo, GLONASS, Beidou</p>
        <p>Abbildung 4. Hauptmenü der NotrufPlus App für den Pilotbetrieb
Sobald der Notruf beim Server eingegangen ist, wird dies in der App optisch, akustisch
und haptisch signalisiert. Wenn die Bearbeitung des Notrufs durch die
Rettungsleitstelle gestartet wird, wechselt die App automatisch in den Chat-Modus und signalisiert
dies zusätzlich mit Vibration (siehe Abbildung 5).</p>
        <p>Abbildung 5. NotrufPlus App (Pilotbetrieb) mit übermitteltem Notruf (links) und Chat-Modus
(rechts)
Sollte keine Sprachverbindung bestehen, kann im Chat-Modus ein Dialog zwischen der
Rettungsleitstelle und der notrufenden Person stattfinden. Zusätzlich können
Verhaltensinformationen und Anleitungen an Notrufende übermittelt werden.</p>
        <p>Im Falle einer fehlenden Internetverbindung können die Positionsdaten und die
gespeicherten persönlichen Daten von der NotrufPlus App auch als SMS an das
NotrufPlus Server-System gesandt werden. Dieses verarbeitet die Informationen und stellt sie
der Rettungsleitstelle vollumfänglich zur Verfügung.
5.3</p>
      </sec>
      <sec id="sec-5-3">
        <title>NotrufPlus Server-System</title>
        <p>Die NotrufPlus Server bestehend aus Anwendungsserver und Datenbankserver
übernehmen die Aufgaben zur Datenhaltung und Berechnung. In der Datenbank sind alle
Rettungsleitstellen und deren Zuständigkeitsbereiche in Form von Polygonen
gespeichert.</p>
        <p>Beim Eintreffen einer Notruf-Meldung wird diese zum Abruf und zur Bearbeitung
für die Rettungsleitstelle zwischengespeichert. Die Leitstellenzuordnung einer
NotrufMeldung erfolgt durch den NotrufPlus Anwendungsserver in einem ersten Schritt
anhand der übermittelten Standortposition und den, jeweils den Leitstellenbereich
überdeckenden, Umkreisen mit ihren Mittelpunktkoordinaten und Radien. In einem zweiten
Schritt erfolgt die Zuordnung der notrufenden Person zur regional zuständigen
Leitstelle anhand des zuvor durch den Umkreis ermittelten Polygonzuges. Nachdem die
zuständige Leitstelle ermittelt ist, wird ihr der entsprechende Notruf zugeordnet und im
NotrufPlus Kommunikations-Client angezeigt.</p>
        <p>Der NotrufPlus Server beinhaltet zusätzlich ein Fax-Gateway, so dass eintreffende
Notrufe ergänzend als FAX-Nachricht an die zuständige Rettungsleitstelle gesandt
werden und somit die Rechtsgrundlage für die Bearbeitung des Notrufs gegeben ist. Des
Weiteren besteht durch ein SMS-Gateway die Möglichkeit, die von einer NotrufPlus
App empfangenen Notruf-SMS weiterzuverarbeiten und die Informationen regulär
über den NotrufPlus Kommunikations-Client für die Rettungsleitstelle bereitzustellen.</p>
        <p>Über Schnittstellen können weitere Dienste, wie z.B. Hausnotrufe oder Apps anderer
Hersteller an das System angebunden werden. Somit müssen in der Leitstelle nicht
mehrere Systeme genutzt werden.
5.4</p>
      </sec>
      <sec id="sec-5-4">
        <title>NotrufPlus Kommunikations-Client</title>
        <p>In der Leitstelle wird der NotrufPlus Kommunikations-Client in Form einer im Browser
laufenden Webanwendung genutzt. Der Browser wird üblicherweise auf einem
separaten Monitor geöffnet und ist entweder direkt auf dem Disponenten-PC oder auf einem
Terminalserver installiert. Bei letzterer Variante befindet sich der Terminalserver in
einer DMZ22 und wird mittels Remote-Desktop bedient. Über den Browser steht die
Leitstelle bzw. der Disponent somit dauerhaft in Verbindung mit dem NotrufPlus
Server-System und ruft zyklisch die vorliegenden Notrufmeldungen ab.
22 Demilitarisierte Zone – eine technische Sicherheitszone, welche jeweils von Firewalls zum
internen Netz und zum Internet abgesichert wird.
Wenn eine Notrufmeldung eintrifft, wird diese sowohl auf der Karte, als auch in der
Liste dargestellt und, wie in Abbildung 6 zu sehen, farblich gekennzeichnet. Dabei
weist die Farbe Rot auf einen Notruf hin, welcher noch nicht bearbeitet wird, die Farbe
Gelb weist auf einen sich in der Bearbeitung befindlichen Notruf hin.</p>
        <p>
          Durch einen Klick auf ein Notruf-Symbol in der Kartendarstellung oder einem
Notruf-Listeneintrag in der Textdarstellung, wird das Detailfenster geöffnet. Dort sind alle
relevanten Informationen zum Notruf sichtbar und können in die Leitstellensoftware
übernommen werden. Nachdem die Bearbeitung des Notrufs gestartet wurde, besteht
die Möglichkeit mit der notrufenden Person zu chatten und weitere Informationen
auszutauschen [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref21 ref22">21, 22</xref>
          ].
23 PHP: Hypertext Preprocessor - Skriptsprache
24 JSON steht für JavaScript Object Notation und beschreibt ein textbasiertes Datenformat zum
        </p>
        <p>Austausch von Daten
25 XML - Extensible Markup Language
5.5</p>
      </sec>
      <sec id="sec-5-5">
        <title>Ausblick</title>
        <p>Um den modernen Anforderungen an ein Notrufsystem bzw. Notruf-Konzept gerecht
zu werden, muss dieses auch voll integriert und digital ausgebildet sein. Es ist demnach
erforderlich, dass das NotrufPlus System über eine Schnittstelle an die verschiedenen
Leitstellensysteme angebunden werden kann, um die notwendigen
Einsatzinformationen direkt übergeben zu können. Dabei ist auch denkbar, dass die Sprachverbindung
des Notrufs ebenfalls über das NotrufPlus System (via SIP) abgebildet wird und somit
die Zusatzinformationen nicht erst anhand der Rufnummer zugeordnet werden müssen,
sondern im SIP-Datenpaket enthalten sind. Des Weiteren wird die Anbindung von
zusätzlichen Geräten zum Erfassen von medizinischen Daten, wie Smartwatches mit
Pulsmessung (siehe Abbildung 3), sowie die Übertragung von Bild- und Videomaterial
realisiert.</p>
        <p>Die Weiterentwicklung wird maßgeblich durch die Ergebnisse aus dem Pilotbetrieb
gelenkt. Dieser liefert, durch die Projektteilnahme von Menschen mit unterschiedlichen
Behinderungen, Erfahrungen in Bezug auf die Barrierefreiheit und Nutzbarkeit.
Zusätzlich wird die Akzeptanz in der Rettungsleitstelle sowie die Optimierung der
Bearbeitungsabläufe untersucht.</p>
        <p>Nach dem erfolgreichen Pilotbetrieb ist die Integration in weitere Rettungsleitstellen
sowie die Erweiterung für die 110 (Polizei) geplant. Ein deutschlandweiter Einsatz von
NotrufPlus als Notruf-Ergänzung und später als rechtskonformes Notruf-System ist
denkbar und bereits jetzt theoretisch möglich.
6</p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-6">
      <title>Fazit</title>
      <p>Die Einschränkungen beim deutschen Notruf in Bezug auf die Barrierefreiheit und die
Nutzung der technischen Möglichkeiten sind bekannt. Auch deren Beseitigung lässt
sich unkompliziert realisieren. So stellt NotrufPlus ein System dar, welches bereits jetzt
in der Lage ist, die Bedarfe von Rettungskräften sowie von allen Notrufenden
abzudecken. Die Nutzung einer App in Verbindung mit einem deutschen Notruf-Server stellt
die ideale Lösung für die digitale Weiterentwicklung des Notrufs dar. Selbst für
Personen, die nicht in der Lage sind ein Smartphone zu bedienen, kann der Hilferuf durch
eine einfache Fernbedienung ermöglicht werden.</p>
      <p>Um ein solches System deutschlandweit einzusetzen und damit den Notruf zu
revolutionieren liegt es in erster Linie hauptsächlich am Gesetzgeber, der die Übermittlung
Notrufspezifischer Daten über die entsprechenden Übertragungswege festlegen muss.
Zusätzlich muss eine einheitliche und sichere Schnittstelle zur Datenübermittlung an
die Leitstellensoftware geschaffen werden.</p>
      <p>Wenn diese Voraussetzungen geschaffen werden und ein System wie NotrufPlus für
jeden zugänglich gemacht wird, kann die unabwendbare Digitalisierung des Notrufs
realisiert werden.</p>
    </sec>
    <sec id="sec-7">
      <title>Literatur</title>
    </sec>
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