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      <title-group>
        <article-title>Das Wertequadrat als Werkzeug der Wirtschaftsinformatik</article-title>
      </title-group>
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        <contrib contrib-type="author">
          <string-name>Alexander Rachmann</string-name>
          <email>alexander.rachmann@real-digital-agency.de</email>
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          <label>0</label>
          <institution>real Digital Agency GmbH Konrad-Zuse-Ring 14b</institution>
          ,
          <addr-line>41179 Mönchengladbach</addr-line>
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      </contrib-group>
      <fpage>42</fpage>
      <lpage>48</lpage>
      <abstract>
        <p>The article presents the Wertequadrat and its application is demonstrated; the article ends with a mapping of Wertequadrat to goal hierarchy, a typical tool of business informatics.</p>
      </abstract>
      <kwd-group>
        <kwd>Einleitung und Motivation</kwd>
      </kwd-group>
    </article-meta>
  </front>
  <body>
    <sec id="sec-1">
      <title>-</title>
      <p>Entwicklungsprozess eingebunden werden konnte. Dafür wurde das Werkzeug des
Wertequadrats als hilfreich empfunden, um ethische Wertekonflikte zu diskutieren
und in Anforderungen zu überführen. Das Wertequadrat konnte konzeptionell genutzt
werden, da im Projekt ethische Fragestellungen als werte-basierte Probleme
verstanden wurden.</p>
      <p>Im Folgenden wird daher das Wertequadrat als Werkzeug vorgestellt und das
Anwendungsbeispiel beschrieben. Danach wird beschrieben, wie das Wertequadrat in
die “Sprache” des Wirtschaftsinformatikers übersetzt werden kann, d. h. in eine
Zielhierarchie und Szenarien.
2</p>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>Das Wertequadrat</title>
      <p>Paul Helwig [5, S. 65ff] setzt sich mit den zugrundeliegende Werten auseinander, die
das Verhalten einer Person hervorrufen. Ein Wert ist somit als Maxime zu verstehen,
die das Handeln einer Person bestimmt. Dabei konzentriert sich Helwig auf Konflikte
zwischen Werten und stellt dies als Kunstgriff in einem Wertequadrat oder
“Quaternität von Werten” dar. Er formuliert das folgende Wertegesetz: “Kein Wert ist
an sich allein schon, was er sein soll – er wird es erst durch die Einbeziehung des
positiven Gegenwertes.” Oder anders formuliert: Nur anhand von einer Maxime lässt
sich nicht handeln bzw. ist der Ermessensspielraum der Handlungen zu groß als dass
valide Entscheidungen für konkrete Handlungen möglich wären. Erst durch die
Einschränkung durch eine zweite Maxime verringern sich die
Handlungsmöglichkeiten, so dass rationale Entscheidungen für oder gegen
Handlungen getroffen werden können. Weiterhin werden den Werten jeweils
Gegenwerte (oder anders: “Unwerte) entgegengesetzt, die nämlich die Übertreibung
des Wertes darstellen.</p>
      <p>Friedemann Schulz von Thun [11, S. 43ff.] erläutert dies am folgenden Beispiel:
Die beiden positiven Werte “Sparsamkeit” und “Großzügigkeit” stehen in einem
Spannungsverhältnis zueinander. Beide Werte sind positiv bei einer Person zu
begrüßen. Die Übertreibung des Wertes “Sparsamkeit” führt allerdings zu Geiz; die
Übertreibung von “Großzügigkeit” führt zur Verschwendung. Sowohl Geiz wie auch
Verschwendung sind generell nicht zu begrüßen. Um das richtige Maß an
Sparsamkeit zu finden, muss diese gegenüber dem Geiz (ihrem Unwert) und der
Verschwendung (ihrem Gegen-Unwert) abgegrenzt werden.</p>
      <p>Abbildung 1. Wertequadrat anhand der Charaktermerkmale Sparsamkeit und Großzügigkeit
3</p>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Das Wertequadrat an einem Beispiel der</title>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Wirtschaftsinformatik</title>
      <p>
        Alexander Rachmann [
        <xref ref-type="bibr" rid="ref9">9</xref>
        ] beschreibt die Entwicklung einer
TelemonitoringDienstleistung in der Altenhilfe, genauer: eine Dienstleistung, mit der eine
krankheitsbedingt betreuungsbedürftige Person in ihrer Wohnung von Sensorik
umgeben wird um eine Notfallsituation, i. d. R. ein Sturz, zu erkennen und
entsprechend zu alarmieren. Diese Dienstleistung berührt die Privatsphäre der zu
betreuenden Person; das richtige Maß an Kontrolle ist daher zu finden, um einerseits
die Privatsphäre der Person zu wahren, und andererseits die Aufsichtspflicht des
Betreuers einzuhalten.
      </p>
      <p>In dem Projekt wurde das unten dargestellte Wertequadrat verwendet, um die
Bandbreite des ethisch vertretbaren Bereichs der Dienstleistungserbringung zu
definieren bzw. nicht in die entwertenden Übertreibungen zu gelangen (einerseits:
Eindringen in die Privatsphäre, wenn kein Notfall vorliegt, andererseits: Verringerung
der Betreuungsquantität).</p>
      <p>Der Bereich der Dienstleistungserbringung bzw. die Abgrenzung zur entwertenden
Übertreibung wurden durch Szenarien modelliert, d. h. es wurde ein Hauptszenario
beschrieben, mit dem die Dienstleistung im Idealfall erbracht wird. Zusätzlich wurden
alternative Szenarien beschrieben, mit denen die Abgrenzung zum gegensätzlichen
Unwert beschrieben wurde und der ethisch vertretbare Bereich zur
Dienstleistungserbingung gewahrt wurde. In Negativszenarien wurden die Situationen
beschrieben, zu denen die Dienstleistung nicht führen darf.
Abbildung 2. Wertequadrat anhand eines Beispiels der Wirtschaftsinformatik: Kontrolle und</p>
      <p>Privatsphäre
4
Übersetzung des Wertequadrats in eine Zieldekomposition
und Szenarien
Das oben vorgestellte Wertequadrat mit seiner dahinterliegenden Logik lässt sich
relativ einfach auf die Arbeit des Wirtschaftsinformatikers anwenden. In der
Wirtschaftsinformatik, insbesondere dem Requirements Engineering, sind das Ziel
eines Systems, dessen Zieldekomposition und Szenarien bekannt. Ein Zielsystem ist
“die intentionale Beschreibung eines charakteristischen Merkmals des zu
entwickelnden Systems” [12, S. 91]; eine Zieldekomposition ist die Unterteilung des
Ziels in mehrere Unterziele. Diese Unterziele haben Beziehungen zueinander:
Zielunterstützung (das Erreichen des einen Ziels unterstützt das Erreichen des anderen
Ziels), Zielbehinderung (das Erreichen des einen Ziels behindert das Erreichen des
anderen Ziels), Zielkonflikt (das Erreichen des einen Ziels schließt das Erreichen des
anderen Ziels aus) und die Zieläquivalenz (zwei Ziele sind identisch).</p>
      <p>Ein Szenario ist ein “konkretes Beispiel für die Erfüllung bzw. Nicht-Erfüllung
eines oder mehrerer Ziele”. Man kann unterscheiden zwischen Haupt-,
Alternativund Ausnahmeszenarien: Ein Hauptszenario beschreibt die gewöhnliche Erfüllung
eines oder mehrerer Ziele. Ein Alternativszenario beschreibt die ungewöhnliche
Erfüllung eines oder mehrerer Ziele. Ein Ausnahmeszenario beschreibt das Verhalten
des Systems, das eintritt, wenn in einem anderen Szenario ein Ziel nicht erreicht wird.
Haupt- und Alternativszenarien beschreiben die Nutzung eines Systems mit
ausgewogenen Werten. Ausnahmeszenarien beschreiben das Verhalten des Systems,
wenn die Gefahr besteht, dass sich die Werte in ihr konträres Gegenteil verkehren und
wie das System verhindern kann, dass dies eintritt. [12, S. 91ff., 123, 136ff]</p>
      <p>Das Wertequadrat kann wie folgend in eine Zieldekomposition übersetzt werden:
 Das Oberziel ist die Ausgewogenheit der Werte.
 Die beiden Werte sind Teilziele des Oberziels. Diese beiden Teilziele unterstützen
sich gegenseitig.
 Die beiden Unwerte sind praktisch genommen “Un-Ziele”, d. h. sie behindern
einerseits die Erreichung der anderen Ziele (Konfliktbeziehung zwischen Wert 1
und Unwert 1), andererseits bilden Sie die Gegensätze zu den Zielen, an denen sich
das Hauptziel definieren lässt (Zielunterstützung zwischen Wert 2 und Unwert 1);
demnach unterstützen sie die Ziele auch.
 Die Art der Zielunterstützung bzw. der Zielkonflikte lässt sich anhand von
Szenarien beschreiben; Zielkonflikte in negativen Szenarien, Zielunterstützung in
Haupt- und Alternativszenarien.</p>
      <p>Abbildung 3. Zieldekomposition
5</p>
    </sec>
    <sec id="sec-5">
      <title>Kritische Bewertung des Wertequadrats und seiner</title>
    </sec>
    <sec id="sec-6">
      <title>Anwendung</title>
      <sec id="sec-6-1">
        <title>Es lassen sich die folgenden</title>
        <p>Anwendbarkeit ausmachen:</p>
      </sec>
      <sec id="sec-6-2">
        <title>Kritikpunkte am</title>
        <p>
          Wertequadrat bzw. seiner
 Werte werden immer als relativ angesehen; eine Absolutsetzung eines Wertes ist
konzeptuell gar nicht angedacht oder möglich. Als Beispiel: Der Wert des Schutz
von menschlichen Leben (“Du darfst nicht töten.”) kann als absoluter Wert
angesehen werden. Im Rahmen des Wertequadrats müsste diesem Wert unbedingt
ein Gegenwert zugeteilt werden, welches in einer Relativierung und damit
potentiell in einer Umkehrung enden würde (“Unter bestimmten Bedingungen
darfst Du töten.”).
 Eine mehrdimensionale Gegenüberstellung von Werten ist nicht vorgesehen; es ist
konzeptuell nicht schlüssig, warum ein Wert immer nur einen Gegenwert anstatt
mehrerer Gegenwerte besitzt.
 Die Anwendung des Wertequadrats fand im Rahmen einer Anforderungserhebung
und -analyse statt. Eine detaillierte Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen
Literatur aus Philosophie und Technikwissenschaften fand in dem Projekt bzw.
diesem Beitrag nicht statt.
 Das Mapping von Werten zu Ziele wurde nicht komplett ausgearbeitet. Eine
vollständige Ausarbeitung müsste sich tiefer in die konzeptuellen Probleme
begeben, z. B. anhand von [
          <xref ref-type="bibr" rid="ref12 ref6 ref8">6, 8, 12</xref>
          ].
6
        </p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-7">
      <title>Fazit und Ausblick</title>
      <p>In diesem Beitrag wurde das Wertequadrat auf die Wirtschaftsinformatik überführt.
Mit Hilfe des Wertequadrats lassen sich werte-basierte Konflikte transparent
diskutieren und eine ausgleichende Lösung finden. Anhand eines Beispiels aus einem
Forschungsprojekt wurde gezeigt, wie dies in der Systementwicklung eingesetzt
werden kann. Anhand einer Zuordnung der Konzepte innerhalb des Wertequadrats zu
den Konzepte einer Zielhierarchie wurde gezeigt, dass sich ein Wertequadrat leicht in
die Begriffswelt der Wirtschaftsinformatik überführen lässt. Die Integration lässt noch
Fragen offen; diese wurden in einem eigenen Kapitel aufgezählt – eine
wissenschaftliche Klärung steht weitestgehend noch aus.</p>
      <p>
        Zur weiteren praktischen Erprobung des Wertequadrats sollten Fragestellungen aus
Projekten diskutiert werden. Sinnvoll wären hierzu z. B. Fragen wie (in freier
Anlehnung an [
        <xref ref-type="bibr" rid="ref7">7</xref>
        ]): Wie sollten Datenanalyseverfahren im Marketing eingesetzt
werden? Zwischen welche Werten und Unwerten sollten die Daten ausgewertet
werden? Wie sollen innerbetriebliche Daten, d. h. oftmals Mitarbeiterverhalten,
analysiert werden? Wie können Algorithmen Optimierungspotenzial bieten, ohne in
Unwerte verkehrt zu werden?
Literatur
      </p>
    </sec>
  </body>
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