<!DOCTYPE article PUBLIC "-//NLM//DTD JATS (Z39.96) Journal Archiving and Interchange DTD v1.0 20120330//EN" "JATS-archivearticle1.dtd">
<article xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink">
  <front>
    <journal-meta />
    <article-meta>
      <title-group>
        <article-title>ProVis - Probability Visualized Ein Modellierungswerkzeug für den Stochastikunterricht</article-title>
      </title-group>
      <contrib-group>
        <contrib contrib-type="author">
          <string-name>Victoria Döller</string-name>
        </contrib>
      </contrib-group>
      <fpage>222</fpage>
      <lpage>226</lpage>
      <abstract>
        <p>Visualisierung spielt in der Stochastik eine zentrale Rolle. Um die Vorteile einer digitalen Repräsentation der Diagramme in der Schule nutzen zu können, wurde die Modellierungssoftware ProVis entwickelt. ProVis unterstützt die Visualisierungsmethoden Baumdiagramm und Einheitsquadrat und bereichert durch die Automatisierung komplexer Konstruktionen und die dynamische Änderbarkeit der Modelle deren Potenzial im Unterricht. Ein interaktiver, experimenteller und damit nachhaltigerer Wissenserwerb der Lernenden wird gefördert. Zusätzliche Funktionen wie Layouting, Kontrollfunktionen und die Vernetzung der beiden Methoden wurden in ProVis integriert und ermöglichen eine weitere Aufwertung der digitalen Visualisierungen für den Lernprozess. Visualisierungen spielen eine zentrale Rolle in der Stochastik. Sie dienen der Strukturierung und als Denkwerkzeuge [WG02, S.237] und Argumentationsbasis [EV13, S.172] im Umgang mit stochastischen Fragestellungen. Während in anderen Bereichen darstellende technologische Hilfsmittel im Unterricht bereits etabliert sind, etwa GeoGebra2 in der Geometrie und Algebra, werden Visualisierungen der Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Schule noch überwiegend mit Stift und Papier erstellt. Dabei können die Konstruktionen der hier verwendeten konzeptionellen Diagrammtypen komplex sein und monotone Berechnungsarbeit mit sich bringen. Interessante Beispiele aus der Praxis sind oft zu aufwändig um sie mit der Hand zu zeichnen und zu berechnen und werden durch einfachere, fiktive Aufgaben ersetzt. Es liegt auf der Hand, dass eine Ablöse der statischen Zeichnungen auf Papier durch digitale Repräsentation der Diagramme den Mehrwert dieser Visualisierungen und Modelle entscheidend erweitern kann [Bo19]. Wesentlich sind dabei die vereinfachte Verfügbarkeit auf Knopfdruck und die dynamische Änderbarkeit. Digitale Modelle können durch ein geeignetes Modellierungswerkzeug schnell und einfach erstellt, angepasst, erweitert, gegenübergestellt und kombiniert werden. Aus didaktischer Perspektive wird dadurch ein interaktiver, experimenteller und damit nachhaltigerer Wissenserwerb der stochastischen Konzepte ermöglicht und gefördert [Bu11, S.75]. Gleichzeitig ist die Lehre von stochastischen Visualisierungsmethoden eine der vielen konkreten Formen der Lehre 1 Universität Wien, Fakultät für Informatik, Research Group Knowledge Engineering, victoria.doeller@univie.ac.at 2 www.geogebra.org</p>
      </abstract>
      <kwd-group>
        <kwd>Visualisierung in der Stochastik</kwd>
        <kwd>Modellierung im Unterricht</kwd>
        <kwd>Baumdiagramm</kwd>
        <kwd>Einheitsquadrat</kwd>
      </kwd-group>
    </article-meta>
  </front>
  <body>
    <sec id="sec-1">
      <title>Einleitung</title>
      <p>von konzeptioneller Modellierung [Bu19]. Aus diesen Gründen haben wir ProVis, ein
digitales Modellierungswerkzeug für den Stochastikunterricht, entwickelt.
2</p>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>ProVis – ein Modellierungswerkzeug für den Stochastikunterricht</title>
      <p>ProVis ermöglicht es, die Vorzüge eines einfach zu handhabenden Modellierungstools im
Schulunterricht zu nutzen und umfasst die beiden Visualisierungsmethoden Baumdiagramm
und Einheitsquadrat. Besonderer Wert wurde bei der Entwicklung auf intuitive, einfache
Handhabung ohne technische Überladung gelegt, damit Schülerinnen und Schüler sich auf
das Erlernen von stochastischen Methoden konzentrieren können und das Erlernen eines
Werkzeuges keine zusätzliche Mühe bereitet. Des Weiteren wurde berücksichtigt, dass die
Visualisierungsmethoden in unterschiedlichen Phasen des Lernprozesses eingesetzt werden
und ProVis in jeder Phase adäquate Funktionen anbietet. Diese beginnen bei der einfachen
Strukturierung von Problemstellungen in Diagrammen und reichen über die Anwendung
von Berechnungsregeln bis hin zur Vernetzung der Diagrammtypen.</p>
      <p>Nach der Kategorisierung des Technologieeinsatzes im Mathematikunterricht im
Praxishandbuch Mathematik der AHS Oberstufe [Bu11, S.75] ist ProVis zunächst zu den
Visualisierungswerkzeugen zu zählen. Durch die Dynamik der digitalen Diagramme, die schnelle
und einfache Verfügbarkeit der Modelle und die zusätzlichen Funktionalitäten für eine
weitere Aufwertung der Methoden besitzt ProVis auch den Charakter eines
Experimentierwerkzeuges. Im Framework von Karagiannis und Kühn [KK02] liegt der Fokus der
vorliegenden Modellierungsmethode einerseits auf der Sprache, speziell auf der Notation,
und andererseits auf den Mechanismen und Algorithmen, die auf die Modelle anwendbar
sind.
2.1</p>
      <sec id="sec-2-1">
        <title>Die Visualisierungsmethoden</title>
        <p>Abb. 1: Benutzeroberfläche von ProVis, modelliert wurde ein Baumdiagramm zu Blutgruppen
Baumdiagramme sind intuitiv verständlich, einfach zu konstruieren und universell
einsetzbar und sind auch im österreichischen Lehrplan der allgemeinbildenden höheren Schulen im
Inhaltsbereich Beschreibende Statistik; Wahrscheinlichkeit der zehnten Schulstufe verankert
[Leh]. Baumdiagramme eignen sich besonders gut zur übersichtlichen Strukturierung von
stochastischen Sachverhalten und im fortgeschrittenen Lernstadium zur Ableitung von
Wahrscheinlichkeiten zusammengesetzter Ereignisse. Ein Beispiel über die Verteilung von
Blutgruppen und Rhesusfaktor in Österreich3 ist in Abbildung 1 zu sehen.
Einheitsquadrate sind Diagramme zur Abbildung von
Partitionierung einer Grundgesamtheit nach zwei Merkmalen zu je zwei
Ausprägungen. Zum Beispiel lässt sich eine Personengruppe nach
dem Merkmal Geschlecht (M/W) und dem Merkmal
Rauchverhalten (R+/R-) unterteilen. Das korrespondierende Einheitsquadrat
wird in vier Rechtecke unterteilt, jedes Rechteck entspricht einer
Merkmalskombination, siehe Abbildung 2. Die Flächeninhalte der
Rechtecke spiegeln die Anteile an der Grundgesamtheit wieder. Abb. 2: Einheitsquadrat
Damit werden die Gruppengrößen nicht nur numerisch angeführt, zum Rauchverhalten
eisondern auch direkt grafisch. Einheitsquadrate eignen sich beson- gnreurppfiketeivrsetnelltPmeritsoPnroeVn-is
ders gut zur Herleitung von Abhängigkeiten von Merkmalen. Ihre
Konstruktion ist durch die präzisen Unterteilungen im Quadrat vergleichsweise aufwändig.
2.2</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-2">
        <title>Die Modellierungssprache für digitale Baumdiagramme und Einheitsquadrate</title>
        <p>Im Metamodell in Abbildung 3 sind die
grundlegenden Konzepte, Relationen und Attribute der beiden
Visualisierungsmethoden zu sehen. Zusätzlich dazu
wurden in ProVis eine Vielzahl automatisch
berechneter Attribute implementiert, die für die
Konstruktion nötig sind. Außerdem gibt es ein Konzept, um
Notizen einzufügen, und mehrere Attribute, mit
denen die grafische Darstellung angepasst werden kann,
etwa die Anzahl der Nachkommastellen für die
gerundete Anzeige der Wahrscheinlichkeiten oder die
Hervorhebung bestimmter Flächen und Werte, sowie
Attribute, die zusätzliche Funktionen triggern. Da die
beiden Diagrammtypen nebeneinander verwendet Abb. 3: ProVis Metamodell
werden sollen, wurden beide in einem Modelltyp ProVis Diagramm zusammengefasst.
Baumdiagramme wie in Abbildung 1 bestehen aus Elementen der Typen Ereignis und
Uebergang und können zu beliebig großen Bäumen zusammengesetzt werden.
Konstruktionen, die nicht der Baumstruktur entsprechen, werden von vornherein vom Tool nicht
zugelassen. Um sich im Baumdiagramm schnell zurechtzufinden, sind Ausgangsereignis
und Endereignisse farblich orange bzw. blau hervorgehoben unter den anderen Ereignissen
3 https://www.roteskreuz.at/blutspende/blut-im-detail/wissenswertes-ueber-blut/blutgruppen
ProVis 225
in grün. Für eine schnellere Erstellung von Baumdiagrammen und eine Wiederverwendung
von Teilvorgängen wurde für letztgenannte ein eigenes Konzept eingeführt, welches in
einer Tabelle die möglichen Ereignisse und deren Eintrittswahrscheinlichkeit speichert. Ein
Beispiel ist in Abbildung 1 links in der Modellierungsfläche zu sehen.</p>
        <p>Während die Notation des Baumdiagramms simpel ist und
abgesehen von der Struktur keinen Restriktionen unterliegt,
lebt das Einheitsquadrat von seiner präzise definierten Form.</p>
        <p>Durch die automatische Anpassung der Grafik an die
eingegebenen Daten fällt der Aufwand der händischen geometrischen
Konstruktion weg und das Experimentieren mit
verschiedenen Werten und das Bilden von Hypothesen wird angeregt.</p>
        <p>Zusätzlich bietet ProVis die Möglichkeit die für die
Konstruktion berechneten Längen im Einheitsquadrat einzeln Abb. 4: Einheitsquadrat mit
farhervorzuheben. In Abbildung 4 sind beispielsweise die be- bigen Hervorhebungen
dingte Häufigkeit der Raucher unter den männlichen Personen der Referenzgruppe in
blau und das Assoziationsmaß, ein Indikator für die Abhängigkeit der Merkmale, in grün
markiert.
2.3</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-3">
        <title>Mechanismen und Algorithmen für eine weitere Aufwertung der Modelle</title>
        <p>Neben der Digitalisierung der Repräsentationen stellt ProVis auch eine Reihe an zusätzlichen
Funktionen zur Verfügung:</p>
        <p>Layouting von Baumdiagrammen. Modelle können per Knopfdruck einheitlich
ausgerichtet werden. Dabei werden die Knoten einer Ebene auf gleicher Höhe und mit
gleichmäßigem Abstand angeordnet, sodass verworrene Bäume übersichtlich werden.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-4">
        <title>Hilfestellungen bei der Erstellung von Baumdiagrammen. Modellierte Teil</title>
        <p>vorgänge können für die Generierung von Baumdiagrammen herangezogen werden,
indem ihre Reihenfolge im mehrstufigen Vorgang festgelegt wird. Das Baumdiagramm
in Abbildung 1 wurde aus den Teilvorgängen Blutgruppe und Rhesusfaktor erzeugt.
Kontrollmöglichkeiten. In Baumdiagrammen gelten bestimmte Regeln für die
zusammengesetzten und bedingten Wahrscheinlichkeiten der Ereignisse und Übergänge.
Werden diese Werte manuell eingetragen, können sie auf Richtigkeit kontrolliert und
fehlerhafte Elemente hervorgehoben werden.</p>
        <p>Automatische Berechnung. Die gleichen Regeln, die zur Kontrolle eingesetzt werden,
können zur Berechnung der zusammengesetzten Wahrscheinlichkeiten der Ereignisse
herangezogen werden. Genauer sind diese das Produkt der Wahrscheinlichkeit des
Vorgängerereignisses und der bedingten Wahrscheinlichkeiten des Übergangs.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-5">
        <title>Vernetzung der Visualisierungsmethoden. Da sich die Merkmalskombinationen</title>
        <p>in Einheitsquadraten auch als Baumdiagramme abbilden lassen, bietet ProVis die
Funktion, das korrespondierende Diagramm aus dem Quadrat zu generieren. Auch der
umgekehrte Weg ist möglich, sofern der Baum die nötigen Voraussetzungen erfüllt.
ProVis wurde auf der Metamodellierungsplattform ADOxx4 implementiert, da diese frei
verfügbar ist und spezialisierte Funktionalitäten für die schnelle und einfache Erstellung von
Modellierungswerkzeugen bietet. Die Hauptaugenmerke der Methode – die Notation und die
Mechanismen und Algorithmen – wurden mit den ADOxx spezifischen Sprachen GraphRep
und AdoScript realisiert. Mit Hilfe der dynamischen Repräsentationsmöglichkeiten von
GraphRep basierend auf Attributen wurden umfangreiche Konfigurationsmöglichkeiten für
die Darstellung umgesetzt. Die oben beschriebenen methodenspezifischen Funktionalitäten
wurden mit AdoScript unter Verwendung von Visual Studio Code und der AdoScript
Erweiterung5 implementiert. ProVis steht auf der Homepage des OMiLAB Austria6 frei
zum Download zur Verfügung.
3</p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-3">
      <title>Ausblick</title>
      <p>Aktuell liegt ProVis in einer initialen Version vor und soll dem Grundgedanken des AMME
Lifecycles [Ka15] folgend zusammen mit den Anwendern kontinuierlich weiterentwickelt
werden, um den Mehrwert der Modelle weiter zu steigern. Im nächsten Schritt werden in
Zusammenarbeit mit den Lehrenden erste Erhebungen im Schulunterricht durchgeführt.
ProVis wurde im Zuge eines Diplomarbeitsprojekts der Autorin unter der Betreuung von ao.
Univ.-Prof. Mag. Dr. Stefan Götz an der Universität Wien entwickelt.</p>
    </sec>
    <sec id="sec-4">
      <title>Literaturverzeichnis</title>
      <p>[Leh] Lehrpläne der allgemeinbildenden höheren Schulen. https://www.ris.bka.gv.at/
GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&amp;Gesetzesnummer=10008568. Zuletzt
aufgerufen 11.01.2020.</p>
    </sec>
  </body>
  <back>
    <ref-list />
  </back>
</article>