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      <title-group>
        <article-title>DARSTELLENDE UNTERSUCHUNG PHILOSOPHISCHER PROBLEME MIT ONTOLOGIEN</article-title>
      </title-group>
      <pub-date>
        <year>1999</year>
      </pub-date>
      <fpage>745</fpage>
      <lpage>766</lpage>
      <abstract>
        <p>Eine effiziente Kommunikation zwischen zwei Akteuren, die den Austausch von Informationen beinhaltet, erfordert einen gemeinsamen Wissenshintergrund der Akteure. Mit Ontologien verfolgt die KI-Forschung seit kurzem hierzu einen formalsprachlichen Ansatz. Besonders im Rahmen des Wissensmanagements und des Semantic-Webs gewinnen Ontologien an Bedeutung. Der vorliegende Beitrag untersucht darstellend philosophische Probleme bei der Konstruktion von Ontologien. Nach einer inhaltlichen Präzisierung des Ontologiebegriffs werden erkenntnis- und sprachtheoretische Problemfelder diskutiert.</p>
      </abstract>
    </article-meta>
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    <sec id="sec-1">
      <title>LARS DITTMANN REINHARD SCHÜTTE STEPHAN ZELEWSKI</title>
      <p>UNIVERSITÄT DUISBURG-ESSEN
INSTITUT FÜR PRODUKTION UND INDUSTRIELLES INFORMATIONSMANAGEMENT
UNIVERSITÄTSSTRAßE 9</p>
      <p>D-45141 ESSEN</p>
      <sec id="sec-1-1">
        <title>Seite 2</title>
        <sec id="sec-1-1-1">
          <title>1. Prefatio</title>
          <p>Eine effiziente Kommunikation zwischen zwei Akteuren1, die den Austausch von
Informationen beinhaltet, erfordert einen gemeinsamen Wissenshintergrund der Akteure. Der
Wissenshintergrund selbst wird durch unterschiedliche Faktoren geprägt, die für die Kommunikation
von elementarer Bedeutung sind. Für eine Reihe von Kommunikationsformen, wie z.B.
verteilte oder asynchrone Kommunikation, sind die unterschiedlichen Wissenshintergründe der
Akteure zu explizieren, um erfolgreich angewendet werden zu können.</p>
          <p>Seit geraumer Zeit wird unter dem Begriff „Ontologien“ ein Instrumentarium diskutiert,
welches die Kommunikation zwischen Akteuren unterstützen soll.2 Das Interesse an Ontologien
geht auf Arbeiten der Erforschung Künstlicher Intelligenz (KI) zurück.3 Dort entwickelte sich
etwa in den achtziger Jahren ein besonderes Interesse für die Frage, wie sich artifizielle
Agenten beschreiben und – zwecks arbeitsteiligen Zusammenwirkens der Agenten – aufeinander
abstimmen lassen.4
Im Bereich des Wissensmanagements5 lässt sich wachsendes Interesse an Ontologien
feststellen, weil die betriebliche Leistungserstellung in der Regel durch das arbeitsteilige
Zusammenwirken mehrerer Personen gekennzeichnet wird, deren Wissenshintergründe oftmals
erheblich voneinander abweichen.6 Je mehr die Wissensintensität eines Leistungsprozesses für
die betriebliche Wertschöpfung an Bedeutung gewinnt, desto gravierender können sich solche
Wissensdivergenzen auf das Prozessergebnis auswirken. Daher liegt es nahe, im Rahmen des
Wissensmanagements nach Instrumenten zu suchen, die in die Lage versetzen
Wissensdivergenzen zu identifizieren, um sie entweder zu beseitigen oder aber zumindest zu
kompensieren.</p>
        </sec>
        <sec id="sec-1-1-2">
          <title>2. Begriffliche Grundlagen</title>
        </sec>
        <sec id="sec-1-1-3">
          <title>Wissenschaftssprache</title>
          <p>Die exakte Verwendung der Sprache wird als Grundregel jeder Wissenschaft aufgefasst, da
sie für die Kommunikation der Wissenschaftler unabdingbar ist. Eine Maßnahme, die Inhalte
von Aussagen zu präzisieren, bilden Definitionen, die zwei Funktionen erfüllen.7
Erstens dienen sie bei der Darstellung komplexer Sachverhalte in umfassenden
Aussagensystemen der Abkürzung. In der Regel werden Sachverhalte durch Symbole dargestellt, so dass
es zu einer Formalisierung der Aussagensysteme8 kommt.
1)
2)
4)
5)</p>
          <p>Vgl. HEYLIGHEN (1995), S. 1.</p>
          <p>Vgl. ZELEWSKI (2002), S. 63.</p>
          <p>Vgl. BALZER (1997), S. 64 ff.</p>
          <p>
            Vgl. insbesondere NONAKA/TAKEUCHI (1995). Vgl. auch
            <xref ref-type="bibr" rid="ref26">PROBST/RAUB/ROMHARDT (1997</xref>
            ); NORTH (1998);
WOLF/DECKER/ABECKER (1999); SHIN/HOLDEN/SCHMIDT (2001).
8) Eine Aussage ist zusammen mit ihren Verwendungsregeln ein Behauptungssatz, wenn um die Aussage
„gestritten“ werden kann, vgl. LORENZ (1995), S. 224.
          </p>
        </sec>
      </sec>
      <sec id="sec-1-2">
        <title>Seite 3</title>
        <p>Zweitens ermöglichen Definitionen die Klärung, Präzisierung und Bedeutungsfestlegung von
Begriffen.1 Ohne Bedeutungsfestlegungen ist keine Diskussion um die in einer Sprache
formulierten Inhalte möglich; erst die Nutzung von Definitionen gestattet die Interpretation von
„Theorien“.2 Ein konsistenter Sprachgebrauch ist ohne exakte Bedeutungsfestlegungen
unmöglich, wobei diese Festlegung als Minimalforderung an wissenschaftliches Arbeiten
aufgefasst wird.3
Ontologie(n)</p>
      </sec>
    </sec>
    <sec id="sec-2">
      <title>Philosophie</title>
      <p>Der Begriff „Ontologie“ hat seinen Ursprung in der Antike. Seitdem wird unter der Ontologie
die Seinslehre verstanden.4 So thematisierte bereits ARISTOTELES in seiner „ersten
Philosophie“ Fragen nach dem „Sein als Seiendem“, d.h. nach seinem „objektiven“, vom
menschlichen Erkennen unabhängigen „Wesen“ und nach den ihm zukommenden „Bestimmungen“.
Im Rahmen der klassischen Metaphysik nahmen solche ontologischen Seins-Betrachtungen
über Jahrhunderte einen respektablen Raum ein, büßten jedoch im Gefolge der Krise des
spekulativen Idealismus während des 19. Jahrhunderts erheblich an Beachtung ein. Die
wissenschaftliche Philosophie des 20. Jahrhunderts erlebte eine „Wiedergeburt der Ontologie“, die
insbesondere durch Beiträge von HARTMANN zu einer „neuen Ontologie“ eingeleitet wurde.
In die gleiche Richtung wiesen Arbeiten von HUSSERL, der seine Auffassung über
Phänomenologie als eine „universale Ontologie“ verstand, Schriften von HEIDEGGER zur
„Fundamentalontologie“ und von SARTRE zur „phänomenologischen Ontologie“. Besondere Bedeutung
kommt auch der doppelten ontologischen Relativität von QUINE zu.5
KI
Im Gegensatz zu den philosophischen Arbeiten zur Ontologie werden im Bereich der
Informationssysteme im allgemeinen Ontologien problematisiert. Es gibt nicht nur eine Ontologie,
so dass mit Ontologien qua definitione nicht Aussagen über das Sein des Seienden angestrebt
werden können. Es wird kein vorgegebenes, passives Objekt analysiert, sondern es werden
Grundstrukturen und -gesetze von Objekten aktiv gestaltet. Ontologien sind dementsprechend
von Menschen geschaffene Artefakte, so dass zweckrationale Gestaltungsaspekte zu
berücksichtigen sind. Diese begriffliche Deutung von Ontologien bedingt zugleich eine Hinwendung
von Ontologien zu erkenntnistheoretischen Problemen. Wenn es mehrere Ontologien geben
kann, die Artefakte darstellen, sind die mit der Gestaltung verbundenen Probleme letztlich
sprach- und erkenntnistheoretischer Natur.</p>
      <p>
        Die steigende Verbreitung des Begriffs „Ontologien“ in der Literatur6 hat zu einer Vielzahl
von Verwendungsmöglichkeiten desselben geführt. Hier werden vor allem zwei
Interpretationsrichtungen von Ontologien unterschieden.
1) Vgl.
        <xref ref-type="bibr" rid="ref9">BALZER (1997)</xref>
        , S. 66 f.
2) Zum Begriff der Theorie aus Sicht des statement view vgl.
        <xref ref-type="bibr" rid="ref5">ALBERT (1978)</xref>
        und aus Sicht des non statement
view ZELEWSKI (1993), S. 94 ff.
3) Vgl.
        <xref ref-type="bibr" rid="ref17">ESSER/KLENOVITS/ZEHNPFENNIG (1977</xref>
        ), S. 68 f. Vgl. auch MUNDY (1988), S. 169 f.
      </p>
      <sec id="sec-2-1">
        <title>Seite 4</title>
        <p>Einem ersten Verständnis vor allem aus den Bereichen des Requirements und des Software
Engineering zufolge wird unter Ontologien eine sprachliche Spezifikation verstanden. „An
ontology consists of a set of concepts and their relationships, forming a conceptual structure
that underlies the interpretation of any system model.“1 Somit werden die Strukturen, die
jeder potentiellen Interpretation eines „Weltausschnitts“ unterliegen, als Ontologien definiert.
Eine zweite Auffassungsrichtung von Ontologien stammt aus der Erforschung Künstlicher
Intelligenz. Auch innerhalb dieser Interpretationsweise können abweichende
Ontologiedefinitionen identifiziert werden.2 Die erste Definition von Ontologien geht auf NECHES ET AL.
zurück: „An ontology defines the basic terms and relations comprising the vocabulary of a
topic area as well as the rules for combining terms and relations to define extensions to the
vocabulary.“3 Die weitverbreitetste Definition stammt von GRUBER.4 Ihr zufolge handelt es
sich bei einer Ontologie um eine explizite und formalsprachliche Spezifikation einer
Konzeptualisierung von Phänomenen der Realität.5 Eine modifizierte Fassung der GRUBERschen
Definition bezieht die formale Explikation nur auf eine gemeinsam geteilte Konzeptualisierung.6
Unter einer Konzeptualisierung versteht GRUBER „an abstract, simplified view of the world
that we wish to represent for some purpose.“7</p>
        <sec id="sec-2-1-1">
          <title>Wissenschafts- und erkenntnistheoretische Probleme</title>
          <p>
            Die skizzierten Definitionen des Begriffs „Ontologien“ weisen Unbestimmtheit hinsichtlich
der Beschaffenheit der Realität und der Erkennbarkeit realer Phänomene auf. Mitunter
entsteht in der Literatur der Eindruck, Ontologien spiegelten die Welt wider, so dass der
philosophische Terminus technicus „Ontologie“ zurecht genutzt werden kann. Die pluralische
Redeweise von Ontologien präsupponiert jedoch, dass es mehrere „Welten“ gibt.
Mehrere Welten sind aber nur dann sinnvoll denkmöglich, wenn eine Vermengung von
erkenntnistheoretischer und ontologischer Perspektive erfolgt. Bei einer naiv-realistischen
Sichtweise, der zufolge eine Erfahrbarkeit von Realität „an sich“ – unabhängig von sensorisch
oder kognitiv bedingten Verzerrungen des erkennenden Subjekts – möglich ist,8 würden
Ontologie (als philosophische Disziplin) und Erkenntnistheorie zusammenfallen, so dass die
singuläre Rede von der Ontologie in sich schlüssig wäre. Eine naiv-realistische
Erkenntnisposition wird aber von den Autoren als überwunden erachtet. Moderne Erkenntnispositionen, wie
1) JARKE ET AL. (1997), S. 239. Vgl. auch MYLOPOULOS (1998), S. 136, „an ontology characterizes some
aspects for a class of applications“.
2) Vgl. vor allem die Überblicksbeiträge von
            <xref ref-type="bibr" rid="ref21">GUARINO/GIARETTA (1995</xref>
            ),
            <xref ref-type="bibr" rid="ref19">GUARINO (1997)</xref>
            ,
            <xref ref-type="bibr" rid="ref20">GUARINO (1998)</xref>
            .
          </p>
          <p>Vgl. daneben auch USCHOLD (1996), S. 12 f.; USCHOLD/GRUNINGER (1996), S. 96 f.;
GOMEZPEREZ/BENJAMINS (1999), S. 1-2.
3) NECHES ET AL. (1991), S. 40.
4) Vgl. zur Berufung auf das Ontologieverständnis von GRUBER beispielsweise STUDER et al. (1999), S. 4.</p>
          <p>
            Auch
            <xref ref-type="bibr" rid="ref19">GUARINO (1997)</xref>
            , S. 2, lehnt sich an die Definition von GRUBER an, obgleich mit einem anderen
Konzeptualisierungsverständnis.
5) Die Originalschrift von GRUBER leidet darunter, daß er keine eindeutige Ontologiedefinition vorlegt,
sondern mindestens zwei Definitionsvarianten präsentiert: „A specification of a representational vocabulary for
a shared domain of discourse [...] is called an ontology.“ (
            <xref ref-type="bibr" rid="ref18">GRUBER (1993)</xref>
            , Abstract auf S. 1; Auslassung
[...] durch die Verfasser); sowie: „An ontology is an explicit specification of a conceptualization.“ (
            <xref ref-type="bibr" rid="ref18">GRUBER
(1993)</xref>
            , S. 2; kursive Hervorhebung im Original hier unterlassen).
6) Vgl.
            <xref ref-type="bibr" rid="ref10">BORST (1997)</xref>
            ; STUDER et al. (1998), S. 184.
7)
            <xref ref-type="bibr" rid="ref18">GRUBER (1993)</xref>
            , S. 2.
          </p>
        </sec>
      </sec>
      <sec id="sec-2-2">
        <title>Seite 5</title>
        <p>z.B. der Kritische Realismus ALBERTscher Prägung1, der hypothetische Realismus eines
evolutionären Erkenntnisprogramms im Sinne VOLLMERs2 oder aus einer anderen Perspektive –
dem Methodischen Konstruktivismus3 oder Methodischen Kulturalismus4 – ein gemäßigter
Konstruktivismus5, betonen die aktive, konstruktive Leistung eines erkennenden Subjekts.
In Abhängigkeit von den erkenntnistheoretischen Positionen werden im folgenden die
Elemente, die bei der Entwicklung von Ontologien zu konstruieren sind, hinsichtlich ihrer
erkenntnistheoretischen Implikationen problematisiert.</p>
        <p>Domäne
Eine Domäne6 (oder reales System7) stellt einen Realitätsausschnitt dar, der abhängig oder
unabhängig von einem modellierenden Subjekt sein kann. Eine Domäne wird häufig –
zumindest implizit – als ein Ausschnitt der Realität verstanden, der unabhängig von einem
modellierenden Subjekt als gegeben angenommen wird. Diese Sichtweise ist aus der
Perspektive eines naiven Realisten konsequent, nicht jedoch aus dem Blickwinkel einer aufgeklärten
erkenntnistheoretischen Position. Wird beispielsweise ein erkenntnistheoretischer Idealismus
eingenommen, so wäre bereits die Domäne als eine von Subjekten konzeptualisierte Entität zu
begreifen. Die Domäne ist damit bereits das Resultat einer Vor-Strukturierung des
Gegenstandsbereichs.</p>
        <p>Die Einschätzung, dass es sich bei der Domäne um eine Vorstrukturierung handelt, wird nicht
von allen Autoren geteilt.8 Besonders deutlich wird dies bei der unterschiedlichen
Einschätzung des ontologischen Status von Systemen. Die Systemtheorie enthält keine nomische
Hypothese, die etwas über die Beschaffenheit der realen Welt aussagt. Vielmehr handelt es
sich bei der Systemtheorie um eine Metatheorie, die eine Strukturierung der Welt in Systeme
unterstellt, ohne dass diese These jemals überprüft werden könnte. Sie stellt eine „Brille“ dar,
die eine spezielle – die systemtheoretisch vorgebrachte – Sichtweise auf die Welt vorgibt.
Damit entspricht die Systemtheorie einem Konzeptualisierungsmuster.</p>
        <p>
          Allerdings erscheint insbesondere das ontologische Verständnis von BUNGE darauf
hinzudeuten, die „systemische“ Strukturiertheit als ontologische Eigenschaft der Welt zu deuten.9 Die
realistische Position BUNGEs führt dazu, die Welt als System zu deklarieren. In der
Information Systems Community ist dieser Gedanke von WAND und WEBER aufgegriffen worden.10
Die Zuschreibung eines ontologischen Status zu Sprachen oder Konzeptualisierungsmustern,
wie sie sowohl bei BUNGE als auch daran angelehnt bei WAND und WEBER erfolgt, zeugt von
1) Vgl.
          <xref ref-type="bibr" rid="ref6">ALBERT (1987)</xref>
          ;
          <xref ref-type="bibr" rid="ref7">ALBERT (1991)</xref>
          . Vgl. auch
          <xref ref-type="bibr" rid="ref13">BUNGE (1993)</xref>
          , S. 230 ff.
2) Vgl. VOLLMER (1994).
3) Vgl. LORENZEN (1987).
4) Vgl.
          <xref ref-type="bibr" rid="ref22">HARTMANN/JANICH (1996</xref>
          );
          <xref ref-type="bibr" rid="ref23">HARTMANN/JANICH (1998</xref>
          ).
5) Vgl. für das Feld der Wirtschaftsinformatik SCHÜTTE (1999).
6) Vgl. GOMEZ-PEREZ/BENJAMINS (1999), S. 1-2; STUDER ET AL. (1998), S. 184.
7) Vgl. etwa WAND ET AL. (1995), S. 285; WAND (1996), S. 281.
8) Vgl. dazu GOMEZ-PEREZ/BENJAMINS (1999), S. 2.
9) Vgl.
          <xref ref-type="bibr" rid="ref12">BUNGE (1979)</xref>
          , S. 1 ff.
10) WAND bezeichnet sein Ontologieverständnis im Gegensatz zu den Ontologien der KI-Forschung auch als
        </p>
        <p>Meta-Ontologie, vgl. WAND (1996), S. 281. Vgl. WEBER (1997).</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-3">
        <title>Seite 6</title>
        <p>einem ausgeprägten Erkenntnisoptimismus.1 Denn es wird angenommen, dass die Welt
systemartige Strukturen besitzt, die unabhängig von jedem empirischen Gehalt immer gleich
sind (ontologischer Realismus). Demgegenüber wird hier aus einer
erkenntnispessimistischeren Perspektive die Auffassung vertreten, dass die Existenz von
Systemstrukturen in der Realität nicht ohne weiteres als ontologische Eigenschaft aufzufassen
ist, weil Systeme nicht schlicht „vor-gegeben“ sind, sondern in unterschiedlicher Weise von
Subjekten konstruiert werden.</p>
        <p>Konzeptualisierung
Noch deutlicher als bei der Domäne wird die Zweck- und Erkenntnisabhängigkeit bei der
Konzeptualisierung. Unter einer Konzeptualisierung wird hier eine abstrakte Sichtweise auf
Phänomene eines Realitätsausschnitts verstanden, der für die Erkenntniszwecke der
erkennenden Subjekte von Interesse ist. Diese Erkenntniszwecke bestimmen, welche Aspekte der
wahrgenommenen Phänomene für die erkennenden Subjekte relevant sind.
Konzeptualisierung bedeutet daher immer zweck- und subjektabhängige Auszeichnung relevanter
Realitätsaspekte. Das Ergebnis eines Konzeptualisierungsprozesses stellen die „Konzepte“ oder
internen Modelle dar, mit denen der betrachtete Realitätsausschnitt hinsichtlich seiner für relevant
erachteten Aspekte vorstrukturiert wird. Konzeptualisierung geht also immer mit einer
erkenntnisprägenden Vorstrukturierung möglicher Realitätserfahrung einher. Da ihre Resultate,
die Konzepte, im Allgemeinen als (natürlich)sprachliche Konstrukte ausgedrückt werden, läßt
sich Konzeptualisierung auch als eine begriffliche Vorstrukturierung möglicher
Realitätserfahrung auffassen. Daher wird ein Vokabular, das Repräsentationsbegriffe zur Beschreibung
realer Phänomene bereitstellt, oftmals als zentraler Bestandteil von Ontologien angesehen.2
Modell
Das Ergebnis eines Konzeptualisierungsprozesses stellt dem Verständnis der Verfasser
zufolge kein formalisiertes Modell dar. In dieser Hinsicht folgen sie nicht der „formalistischen“
Konzeptualisierungsdefinition von GENESERETH/NILSSON3, auf die sich auch das
Konzeptualisierungsverständnis von GRUBER bezieht. Würde eine Konzeptualisierung bereits ein
formalsprachlich verfasstes Artefakt darstellen, dann wäre eine Ontologie, die wiederum als ein
formalsprachlich verfasstes Artefakt aufgefasst wird, nur eine Verdopplung der
Konzeptualisierung. In diesem Fall könnte eine Übersetzungsrelation zwischen zwei formalen
Systemen konstruiert werden. Diese Anschauung wird hier nicht geteilt. Denn die
formalsprachliche Verdopplung einer Konzeptualisierung in der Gestalt einer Ontologie
würde die gravierenden erkenntnistheoretischen Probleme der Konstruktion von Ontologien
auf die „simple“ Übersetzung zwischen zwei formalsprachlich verfassten Artefakten
reduzieren und somit trivialisieren.</p>
        <p>Empirische Untersuchungen zur Informationsmodellierung belegen, welch gravierenden
Einfluss Deutungsmuster auf die Modellbildung ausüben können.4 Die persönlichen Erfahrungen,
das Wissen und die Interessen eines Erkenntnissubjekts führen dazu, dass es perzeptive oder
kognitive Strukturen erschafft, die den Ausgangspunkt der Modellkonstruktion darstellen.
Wird von all den Problemen abgesehen, die während der strukturerschaffenden
Konzeptuali1)
2)
3)</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-4">
        <title>Seite 7</title>
        <p>sierung von Realitätsausschnitten zu bewältigen sind, drängt sich der Verdacht auf, dass die
Anhänger der formalistischen Konzeptualisierungsauffassung eine naiv-realistische
Grundhaltung vertreten könnten.1
Ontologien als spezielle Form konzeptueller Modelle sind das Ergebnis eines
Explikationsvorgangs. In einem konzeptuellen Modell sollen die Wissenshintergründe der Akteure
sprachlich expliziert werden, um dieses Hintergrundwissen beispielsweise dem Zugriff
wissensbasierter Systeme zugänglich machten zu können. Allerdings haben sich erste Versuche, die
zahlreichen Präsuppositionen natürlichsprachlicher Vorverständnisse zu explizieren, als
überaus diffizil herausgestellt. Erschwerend kommt hinzu, dass wissensbasierte Systeme für ihre
interne Operationsweise eine formalsprachliche Repräsentation erfordern.</p>
        <p>Gewichtige Stimmen ziehen sogar grundsätzlich in Zweifel, dass es jemals möglich sein wird,
die „wesentliche Bedeutung“ oder „Semantik“ natürlichsprachlich ausgedrückter
Realitätswahrnehmung mittels formalsprachlicher Explizierung vollständig und unverfälscht zu
rekonstruieren.2
Inkommensurabilitätsproblematik
Ein wissenschaftstheoretisch besonders schwerwiegendes Problem von Ontologien entsteht
durch den Anspruch, dass mehrere Akteure eine Ontologie teilen sollen.</p>
        <p>Angesichts schwerwiegender Inkommensurabilitätsprobleme ist Skepsis geboten, ob – und im
positiven Fall inwieweit – sich unterschiedliche Konzeptualisierungen desselben
Realitätsausschnitts in einer von mehreren Akteuren gemeinsam verwendeten Ontologie zusammenführen
lassen. Der paradigmatischen Inkommensurabilität zufolge kann eine gemeinsam verwendete
Ontologie nicht erzielt werden, solange sich jeder Akteur nach eigenen Begründungs-,
Rationalitäts- und Sprachstandards verhält. Die grundsätzliche Zielsetzung von Ontologien ist mit
einer sprach- und/oder theorienrelativistischen Grundsatzposition nicht verträglich, sofern
nicht die Existenz eines globalen Paradigmas angenommen wird. Sobald mehrere
konkurrierende Paradigmen existieren, lässt sich das Forschungsvorhaben der Ontologien im Sinne der
„shared ontologies“ mit einer relativistischen Erkenntnisposition nicht vereinbaren.
Damit die intendierten Zwecke von Ontologien erreicht werden können, bedarf es
zusätzlicher Annahmen über die Bedeutung des Inkommensurabilitätsproblems. Zunächst wäre nach
QUINEs These der doppelten ontologischen Relativität vorauszusetzen, dass mindestens eine
Rahmentheorie existiert. Die Rahmentheorie bildet den Bezugspunkt für Theorien mit
unterschiedlichen Ontologien, in den sich divergente Ontologien gemeinsam einbetten lassen.
Liegt keine solche Rahmentheorie vor, so können ontologische Sachverhalte aus
unterschiedlichen Theorien nicht relativ zu einer übergeordneten Rahmentheorie einander zugeordnet
werden.3 Des Weiteren sind die Begründungs-, Rationalitäts- und Sprachstandards
festzulegen, die für die Akteure zulässig sein sollen. Diese Standards müssen gegebenenfalls sogar in
Form einer Commonsense-Ontologie expliziert werden.</p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-5">
        <title>Seite 8</title>
        <p>Bedeutung der Sprache
Jede Konzeptualisierung ist, wie bereits angedeutet wurde, sprachabhängig. Beispielsweise
präsupponiert ein Entity-Relationship-Modell (ER-Modell) eine Strukturierung von
Erkenntnissen mit der Hilfe von Objekten und Beziehungen als „generischen“ Erkenntnisformen.
Sofern diese Annahme verletzt ist, können ER-Modelle nicht mehr als Sprache zur
Repräsentation von Informationssystemen genutzt werden.1
Sowohl eine betrachtete Domäne als auch deren Konzeptualisierung stellen bereits eine
VorStrukturierung der wahrgenommenen oder vorgestellten Realität dar. Der Begriff
„VorStrukturierung“ soll zum Ausdruck bringen, dass die Konzeptualisierung eines
Realitätsausschnitts und seiner Phänomene erfolgt, bevor auf ihn bzw. sie vom erkennenden Subjekt zur
Erfüllung eines Erkenntniszwecks konkret zugegriffen wird. Diese Präzedenzbeziehung
besitzt allerdings nur eine „(erkenntnis)logische“, aber nicht notwendig eine zeitliche Qualität.
Denn oftmals wird auf Realitätsausschnitte erkennend zugegriffen, ohne vorher die
betroffenen Ausschnitte bewusst konzeptualisiert zu haben („lebensweltlicher“
Erkenntniszusammenhang). Mittels einer zeitlich nachfolgenden Rekonstruktion lassen sich dann aber jene
„lebensweltlichen“ und unbewusst benutzten Konzeptualisierungen explizieren, die dem zeitlich
vorangehenden Realitätszugriff bereits implizit zugrunde lagen.</p>
        <p>
          Der Gedanke der begrifflichen Vorstrukturierung von Realitätserfahrungsmöglichkeiten ist
keineswegs neuartig, sondern Gemeingut der sprach- und kulturanalytischen
Philosophietradition. Obgleich dort die Bedeutung der Sprache uneingeschränkt geteilt wird, bestehen
jedoch Differenzen hinsichtlich der sprachlichen Relativität von Konzeptualisierungsleistungen.
Letztlich stellen sich zwei entscheidende Fragen: Erstens ist strittig, ob die Sprache als
unhintergehbare Eigenschaft des Menschen eine schlichte Widerspiegelung der Welt darstellt.
Zweitens besteht im Falle einer verneinenden Antwort auf die vorgenannte Frage Dissens
darüber, inwieweit unterschiedliche Sprachen das Denken prägen. Es können zwei
gegensätzliche Positionen differenziert werden. Auf der einen Seite stehen die Proponenten einer hohen
Sprachrelativität, die der späte WITTGENSTEIN mit dem vielzitierten Ausdruck „Sprachspiel“
umschrieben hat.2 Auf der anderen Seite befinden sich die Opponenten der Sprachrelativität3,
die – zumindest auf der sprachlichen Ebene – das Abbildungsdenken des naiven Realismus
teilen. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion, die ausschließlich die natürliche Sprache
betrifft, vertreten die Verfasser offensiv eine sprachrelativistische Position. Sie erkennen der
Sprache als Instrument für die Konzeptualisierung von Realitätsausschnitten eine überragende
Bedeutung zu. Knapp, aber prägnant fasst beispielsweise STEGMÜLLER zusammen: “Die Welt
gliedert sich nicht unabhängig von der Sprache in Tatsachen oder auch nur bloß mögliche
Tatsachen.”4
Aus der Perspektive ihrer intendierten Anwendungen sollen Ontologien ihren Nutzen durch
die gemeinsam verwendete Konzeptualisierung von Realitätserfahrungsmöglichkeiten
entfalten. Zur arbeitsteiligen Erfüllung einer gemeinsam übernommenen Aufgabe ist es
erforderlich, die Realitätserfahrungen der beteiligten Akteure, die mittels ihrer zweck- und
subjektabhängigen Ontologien zustande kommen, untereinander zu „harmonisieren“. Da Betriebe – von
extremen Ausnahmen abgesehen – im allgemeinen ebenso auf dem arbeitsteiligen
Zusammenwirken mehrerer Akteure beruhen, drängt sich aus sprachphilosophischer Sicht die Frage
1) Vgl. auch MYLOPOULOS (1998), S. 134.
2) Vgl. WITTGENSTEIN (1977), S. 19.
3) Vgl. MEIXNER (1994), S. 377 ff.;
          <xref ref-type="bibr" rid="ref14">CHOMSKY (1996)</xref>
          .
        </p>
      </sec>
      <sec id="sec-2-6">
        <title>Seite 9</title>
        <p>auf, ob mindestens zwei Akteure die gleiche Konzeptualisierung teilen können. Der
Anwendungsnutzen von Ontologien wird in der Regel umso höher sein, je geringer die
Sprachrelativität der Konzeptualisierungen ist.</p>
        <p>Der Anspruch von Ontologien reicht über reine Vokabularien hinaus, so dass es sich um ein
ambitiöseres Unterfangen als bei der reinen Begriffsharmonisierung handelt (auch wenn diese
einen wichtigen Bestandteil von Ontologien bildet). Hierbei spielt eine wesentliche Rolle,
dass jede Sprache theoriebeladen ist. Somit geben Theorien Denkmuster vor, wie die Welt zu
erfassen ist.1 Bei der Nutzung von Sprachen, die durch unterschiedliche Theorien geprägt
sind, müssen Übersetzungsrelationen zwischen den Sprachen formuliert werden. Hier hat
insbesondere QUINE mit seiner These der grundsätzlichen Unbestimmtheit jeder Übersetzung
gravierende erkenntnistheoretische Einwände vorgebracht.2</p>
        <sec id="sec-2-6-1">
          <title>4. Conclusio</title>
          <p>Die vielfältigen wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Probleme, die bei der
Konstruktion von Ontologien zu lösen sind, konnten in der hier gebotenen Kürze nur oberflächlich
untersucht werden. Dennoch hoffen die Verfasser, dass es ihnen mit ihren knappen
Ausführungen gelungen ist, die Angemessenheit zweier Forderungen zu verdeutlichen.
Erstens lassen sich die vielfältigen Probleme anlässlich der Konstruktion und Evaluation von
Ontologien nur dann überzeugend lösen, wenn eine konsistente wissenschafts- und
erkenntnistheoretische Grundposition eingenommen wird.</p>
          <p>Zweitens sind Antworten auf schwerwiegende wissenschafts- und erkenntnistheoretische
Probleme beim Umgang mit Ontologien zu geben, die selbst in der Philosophie und
Wissenschaftstheorie noch heftig diskutiert werden (wie z.B. hinsichtlich QUINEs These über die
doppelte ontologische Relativität).</p>
          <p>
            Die behandelte Thematik hebt die Relevanz der „Metawissenschaften“ Wissenschafts- und
Erkenntnistheorie für Objektwissenschaften hervor und verdeutlicht ernsthaften
Wissenschaftlern die Notwendigkeit einer wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Reflektion
ihrer Grundsatzpositionen.
1) Vgl. u.a.
            <xref ref-type="bibr" rid="ref25">POPPER (1995)</xref>
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2) Vgl.
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            , S. 291 ff., der auch zwei Beispiele für die Übersetzungsproblematik skizziert.
          </p>
        </sec>
      </sec>
      <sec id="sec-2-7">
        <title>Seite 10</title>
        <sec id="sec-2-7-1">
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